• vom 20.05.2011, 21:29 Uhr

Mensch


Jeden Tag treffen wir dutzende Entscheidungen - doch nicht nur mit dem Kopf

Der "Bauch" weiß es besser




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christine Zeiner

  • Auch Emotionen, Gene, Umfeld, Belohnungen und Stress bestimmen die Wahl, die wir treffen.
  • Wer sich nicht selbst entscheidet, für den entscheidet das Umfeld.
  • Berlin. Billigmarke oder Bio? Noch ein Stück Torte? Vielleicht doch eine Lebensversicherung abschließen? Jeden Tag treffen wir dutzende Entscheidungen. Aber warum wählen wir die eine Option und nicht die andere?

Die Qual der Wahl: Was will ich und wenn ja, wie viele? Foto: corbis

Die Qual der Wahl: Was will ich und wenn ja, wie viele? Foto: corbis

Die Qual der Wahl: Was will ich und wenn ja, wie viele? Foto: corbis

Die Qual der Wahl: Was will ich und wenn ja, wie viele? Foto: corbis Die Qual der Wahl: Was will ich und wenn ja, wie viele? Foto: corbis

Wissenschafter widmen sich verstärkt der Frage, wie sehr Gefühle, Risikobereitschaft, Erziehung und Gene Entscheidungen beeinflussen. Nach traditioneller ökonomischer Sicht treffen Menschen vorrangig mit dem Kopf ihre Wahl: Sie wägen Vorteile und Nachteile ab, bewerten Informationen, die sie von der Umwelt bekommen, und fällen dann Urteile. Doch tatsächlich entscheiden Menschen nicht immer rational.


Wiewohl es kein "Entscheidungsgen" gibt, hat die genetische Ausstattung durchaus Gewicht. "Es gibt Pionierstudien, in denen einzelne Gene aufgespürt wurden, die für menschliche Eigenschaften wie Risikobereitschaft, Altruismus und die Bereitschaft zu vertrauen relevant sind", sagt der Psychologe Martin Reuter von der Universität Bonn. Die biologischen Gegebenheiten hängen wiederum mit der sozialen Umgebung zusammen. Und hier ist man freilich zu allererst von den Eltern geprägt. Laut Armin Falk, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Uni Bonn, können Grundhaltungen über Generationen stabil bleiben - unabhängig davon, ob sich die Rahmenbedingungen ändern.

Ein Blick ins Gehirn gibt Hinweise für individuelle Antriebsfedern: Hier kann man sehen, wie das körpereigene Belohnungssystem arbeitet. Mit physiologischen Messmethoden, wie der Elektroenzephalografie oder der Magnetresonanztomographie, lassen sich etwa Kaufentscheidungen verfolgen oder die Motivation am Arbeitsplatz.

Dass der "Bauch" dabei eine größere Rolle spielt als bisher angenommen, also Entscheidungen nicht allein durch die Ratio sondern auch durch Emotion bestimmt sind, zeigt ein Experiment: Je zwei Teilnehmer hatten eine Aufgabe zu lösen, für die sie eine finanzielle Belohnung erhielten. Hatten beide Teilnehmer die Aufgabe richtig gelöst und wurden sie zu gleichen Teilen belohnt, wurden ihre Belohnungszentren im Gehirn kaum aktiviert. Hatte ein Spieler aber wesentlich mehr Geld bekommen als der andere, fiel bei ihm die Aktivierung besonders hoch aus - ohne dass er dazu bewusste, rationale Überlegungen getätigt hatte. Bei seinem Gegenüber nahm die Aktivierung hingegen ab - trotz Belohnung. Nicht die absolute Höhe des Gewinns, sondern der Vergleich mit dem Gegenspieler kurbelte also das Belohnungssystem an und war ausschlaggebend für den Grad der persönlichen Zufriedenheit. Diese Emotion beeinflusse wiederum die Art der Entscheidung, so die Forscher.

Ungerechtigkeit macht Stress

Auch wer unter Stress steht, entscheidet anders als jemand, der entspannt ist. "Im Fall von Ungleichheit in der Gesellschaft ist dieser Zusammenhang fundamental", sagt Falk. So können niedrige Löhne dazu führen, dass man sich unfair behandelt fühlt - und das löst Stress aus. Auch Medikamente können sich auf Entscheidungen auswirken: Etwa können Parkinson-Medikamente die Gehirnstrukturen beeinflussen.

Immer wieder entscheidet man sich aber auch gar nicht aktiv. Eines der auffälligsten Beispiele ist die Zahl der Organspender in einem Land. So ist die Bereitschaft, Organe zu spenden, in europäischen Ländern ähnlich hoch. Jene Länder, in denen man dafür aber nicht erst einwilligen muss, kommen auf eine höhere Spender-Quote. Obwohl also jeder freie Wahl hat, bleiben die meisten in so einer Entscheidungssituation passiv. Man wählt die vorgesehene Möglichkeit.

Aus traditionell ökonomischer Sicht, wonach Menschen rational frei aus möglichen Alternativen wählen, sei das nur schwer zu erklären, sagt Steffen Altmann vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit. Den neuen Forschungsergebnissen zufolge schieben Menschen jedoch aktive Entscheidungen oftmals auf.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-05-20 21:29:10
Letzte Änderung am 2011-05-20 21:29:00

Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Top-Forschungsland hat Sand im Getriebe
  2. Die Natur des Jahres 2019
  3. Zähes Ringen ohne Erfolg
  4. 66 eingeschleppte Arten gefährden Europas Artenvielfalt
  5. Schritt Richtung Quanteninternet
Meistkommentiert
  1. Woher die Impfskepsis kommt
  2. Extreme Wetterereignisse nehmen zu
  3. EU sucht Grundsatzeinigung zu Forschungsprogramm
  4. "Gen-Schere am Embryo bringt keinen Nutzen"
  5. Top-Forschungsland hat Sand im Getriebe

Werbung




Werbung