• vom 07.05.2014, 16:45 Uhr

Mensch


Judith Butler

Von der Grausamkeit des Strafens




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Von Heiner Boberski

  • Judith Butler sprach an der Universität Wien über Todestrieb und Lustprinzip.

Judith Butler bekam 2012 den Adorno-Preis.

Judith Butler bekam 2012 den Adorno-Preis.© wikimedia Judith Butler bekam 2012 den Adorno-Preis.© wikimedia

Wien. Die Formen rechtlicher Gewalt sollten neu überdacht werden. Nicht nur die Todesstrafe, auch jahre-, ja mitunter lebenslange Haftstrafen seien grausam. Diese Thematik sprach die US-amerikanische Philosophin und Philologin Judith Butler am Dienstagabend in ihrem Vortrag "Politik des Todestriebes - Der Fall der Todesstrafe" im überfüllten Auditorium maximum der Universität Wien an. Sie hielt auf Einladung der Uni Wien und der Sigmund Freud Privatstiftung die 41. Sigmund-Freud-Vorlesung; sie findet alljährlich am 6. Mai anlässlich von Freuds Geburtstag statt.


Butler ist vor allem durch Arbeiten zur feministischen Theorie und ihr Werk "Das Unbehagen der Geschlechter" (1990) bekannt geworden. Sie widmete sich in ihrem Referat Sigmund Freuds Überlegungen zum Todestrieb, dessen Verbindung mit dem Lustprinzip und zur Destruktivität, die darauf abziele, soziale Beziehungen zu zerstören. Mit Bezug auf die Philosophen Friedrich Nietzsche ("Fest der Grausamkeit") und Jacques Deridda, der Strafe auf das handelsrechtliche Zurückzahlen einer Schuld zurückführte, stellte sie das System der Bestrafung in der gängigen Rechtspraxis in Frage: Sind Gegner der Todesstrafe humaner als deren Befürworter, wenn sie dem Bestraften zwar nicht das Leben nehmen, ihn aber - abhängig von den jeweiligen Haftbedingungen - verlängerter und oft auch sadistischer Grausamkeit aussetzen?

Vergebung statt Rache
Butler zitierte auch die amerikanische Bürgerrechtlerin und Philosophin Angela Davis, eine Schülerin von Herbert Marcuse, die für die Abschaffung von Gefängnissen eintritt und hinter der Verhängung der Todesstrafe oder besonders langer Haftstrafen überdurchschnittlich oft einen rassistischen Hintergrund sieht.

Die Justiz, so Butler, dürfe nicht Instrument der Rache sein, Schuldenerlass und Vergebung sollten mehr Raum haben als auf Destruktivität beruhende Strafen. Sie schloss mit den Worten: "Gerade weil wir zerstören können, sind wir verpflichtet, es nicht zu tun."




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Dokument erstellt am 2014-05-07 16:50:04



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