• vom 05.11.2014, 16:49 Uhr

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Ebola

Wiener Arznei half in Frankfurt bei Ebola




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  • FX06: Auf verschlungenen Wegen wurde ein mögliches Medikament gegen die in Westafrika wütende Seuche entwickelt.

Das Frankfurter Mediziner-Team, das den Ebola-Patienten behandelte (v.l.): Oliver Kreppler, Timo Wolf, Hans-Reinhard Brodt, Rosemarie Heilig, Kai Zacharowski und Rene Gottschalk. - © apa/epa/Rumpenhorst

Das Frankfurter Mediziner-Team, das den Ebola-Patienten behandelte (v.l.): Oliver Kreppler, Timo Wolf, Hans-Reinhard Brodt, Rosemarie Heilig, Kai Zacharowski und Rene Gottschalk. © apa/epa/Rumpenhorst

Wien/Frankfurt. (apa/wagner/ski) Eine ursprünglich von Wiener Forschern entwickelte Biotech-Substanz könnte als experimentelles Arzneimittel eine Option zur Therapie der Komplikationen von Ebola-Patienten darstellen. Intensivmediziner der Frankfurter Universitätsklinik wendeten es bei einem Patienten an, der sich auf dem Weg der Besserung befindet.

Diese Fakten gaben nun deutsche Experten und das Wiener Biotech-Unternehmen MChE-F4Pharma bekannt. Der Hintergrund: Anfang 2000 identifizierte Peter Petzelbauer, Chef der Abteilung für Haut- und Endothelforschung der Uni-Hautklinik im AKH in Wien, das Peptid B-beta15-42 aus 28 Aminosäuren - ein Teil des Blutklebstoffs Fibrin - als mögliche Wirksubstanz für eine Reihe von Einsatzgebieten, etwa zur Verhinderung von Herzinfarktschäden und Komplikationen von Schockzuständen (bei Multi-Organ-Versagen etc.). Das Eiweißfragment ist eine Art Versiegelung für im Rahmen solcher Erkrankungen "löchrig" gewordene Blutgefäße, aus denen Flüssigkeit in das Gewebe austritt. Man nenne das "Vascular Leak", sagt Kai Zacharowski, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie der Universitätsklinik Frankfurt. Im Verlauf von Ebola könne das zu massiven Komplikationen der Lungen und an anderen Organen führen.


Die Substanz wurde einst vom Wiener Biotech-Unternehmen Fibrex bis hin zu klinischen Studien der Phase II erfolgreich entwickelt. Dann wurde es für die Weiterentwicklung an ein US-Unternehmen auslizensiert. Dies schlug fehl. Heute liegen die Patentrechte beim Wiener Biotech-Unternehmen MChE-F4Pharma, dessen Geschäftsführer Thomas Steiner bei der FX06-Entwicklung von Anfang an dabei gewesen war. Steiner: "Ich wollte einfach nicht, dass die Substanz einfach in irgendeiner Schublade liegen bleibt."

Präklinische Studien an Tiermodellen hatten schon 2004 eine - so Petzelbauer damals - "hervorragende Wirksamkeit" bei schweren Schockzuständen durch bakterielle Infektionen gezeigt. Der Forscher sagte damals: "Beim Schock kommt es zum Zusammenbruch der Funktion der Blutgefäße. Sie verlieren ihre Barriere-Funktion, das heißt, die Patienten ,verlieren‘ Flüssigkeit ins Gewebe, unbehandelt verstirbt der Patient."

Am 3. Oktober dieses Jahres stand das Team der Frankfurter Uni-Klinik vor einem solchen Patienten, einem 38-jährigen Kinderarzt aus Sierra Leone mit Ebola. Kai Zacharowski erklärt, wie man in einem solchen Fall ohne etablierte Therapie "mit dem Rücken zur Wand" steht und an außergewöhnliche Maßnahmen für den Patienten denkt: "Wir konnten beobachten, dass er mehr oder minder in ein Multiorganversagen geriet. Die Lungenfunktion wurde immer schlechter. Da stellt man sich die Frage, ob vielleicht ein für diese Anwendung nicht zugelassenes Therapieprinzip wirken könnte."

Schließlich erhielt der Patient in Frankfurt jeweils zweimal 200 Milligramm des Peptids FX06 im Abstand von zehn Minuten - und das alle zwölf Stunden an drei aufeinanderfolgenden Tagen. Zacharowski: "Mit der sogenannten PiCCO-Messung konnten wir beobachten, wie dieses ,Vascular Leak‘ reduziert wurde. Die Atemfunktion wurde wieder besser." Mittlerweile befindet sich der Ebola-Patient auf dem Weg der Besserung. Möglicherweise hat FX06 den Kinderarzt über die kritische Komplikation des Flüssigkeitsaustrittes in die Lunge so hinübergerettet, dass er die kritische Phase überstand.

Schon 5000 Todesfälle
Der Frankfurter Intensivmediziner Kai Zacharowski weist darauf hin, dass FX06 vermutlich möglichst früh verabreicht werden sollte. Genau diese Möglichkeit will Thomas Steiner von dem Wiener Unternehmen jetzt für den dringendsten Bedarf eröffnen. "Wir haben bei dem von uns beauftragten Erzeuger von FX06 in den USA noch rund ein Kilogramm auf Lager. Wir glauben und wir haben ganz starke Hinweise dafür, dass FX06 Ebola-Patienten retten könnte. Wir müssen daher alles daransetzen, um möglichst den Menschen zu helfen." Derzeit reiche die vorhandene Substanzmenge für 200 bis 300 Patienten. Nach neuesten Meldungen sind bereits über 5000 Menschen an Ebola gestorben, mehr als doppelt so viele sind an der Seuche erkrankt.

Der Wiener Forscher Peter Petzelbauer sagt heute: "Es tut mir leid, dass wir damals den Weg zu einem Medikament nicht zustande gebracht haben. Ich würde mich aber sehr freuen, wenn man das jetzt schaffen würde. Ich bin aber weder finanziell noch wissenschaftlich mehr daran beteiligt."




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Dokument erstellt am 2014-11-05 16:53:07


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