• vom 20.10.2015, 17:55 Uhr

Mensch

Update: 23.10.2015, 09:07 Uhr

Skeptiker

Das Brett vom Kopf reißen




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (7)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Edwin Baumgartner

  • Die Skeptikerbewegung wendet sich gegen die Grenzwissenschaften und vergibt einen Spottpreis.

Skeptiker wissen: Es waren keine prähistorischen Astronauten, die die Pyramide von Chichen Itza erbauten. - © sunsinger/Fotolia

Skeptiker wissen: Es waren keine prähistorischen Astronauten, die die Pyramide von Chichen Itza erbauten. © sunsinger/Fotolia

Die kleinen grünen Männchen waren’s nicht. Auf gar keinen Fall. Selbst dann nicht, wenn man keine Ahnung hat, wer das in Vorzeiten und (vor allem) wie gebaut hat. Auch Verschwörungen gibt es nicht. Und alles Unheimliche und Gruselige und Gespenstische ist sowieso entweder Betrug oder "Urban Legend", also moderne Legendenbildung ohne Bezug zur Realität. Es ist im Grunde gar nicht schwer, ein Skeptiker zu sein. Man braucht nur alles, was man nicht glauben kann, für unbare Münze nehmen, also sozusagen den eigenen Unglauben zur Religion zu erheben.

Oder ist es doch etwas komplizierter und viel seriöser?

Information

Das "Goldene Brett vorm Kopf" wird in der Wiener Urania am Mittwoch, dem 21. Oktober, verliehen. Beginn der Veranstaltung ist um 20 Uhr.


Dann wäre auch der Spottpreis des "Goldenen Bretts vorm Kopf", der von der "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften" für den "erstaunlichsten pseudowissenschaftlichen Unfug" am heutigen Abend in der Urania in Wien verliehen wird, durchaus ernster zu nehmen, als es den Anschein hat. Denn dass sich mitunter gefährlicher, sogar lebensgefährlicher Schwachsinn als Wissenschaft tarnt oder die Behauptungen diverser religiöser Systeme den wissenschaftlichen Erkenntnissen übergeordnet werden, ist wohl unausrottbar in unserer Gesellschaft verankert.

Fakten gegen Paranormales
Die Grundlage der Skeptikerbewegung ist die Überzeugung, dass eine Behauptung nur dann den Rang eines Faktums hat, wenn sie durch wissenschaftliche Belege gestützt und nicht experimentell widerlegt ist. Dieser Ansatz erklärt sich durch den historischen Ausgangspunkt der Skeptikerbewegung, der weniger philosophisch ausgerichtet war als durchaus praxisbezogen. Die Skeptikerbewegung nämlich nahm 1947 ihren Anfang in Belgien , wo sich das "Comité pour l’Investigation Scientifique des Phénomènes Réputés Paranormaux" (Körperschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Phänomenen, die dem Paranormalen zugeschrieben werden), kurz "Comité Para", ursprünglich gegen jene Hellseher und Astrologen wandte, die behaupteten, sie könnten mit ihren Fähigkeiten Kriegsvermissten auf die Spur kommen und so Schindluder mit der Trauer trieben.

1975 unterzeichneten dann 186 Wissenschafter ein Manifest gegen astrologische Erklärungen. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen um den vom französischen Psychologen und Statistiker Michel Gauquelin behaupteten Mars-Effekt, dem zufolge Sportler statistisch eine Häufung von Mars-Stellungen aufwiesen, während die Jupiter-Stellungen für Schauspieler und die des Saturn für Wissenschafter charakteristisch seien. Paul Kurtz, Professor für Philosophie der Universität Buffalo, gründete daraufhin das "Committee for the Scientific Investigation of Claims of the Paranormal (CSICOP)", heute "Committee for Skeptical Inquiry". Unterstützt wurde und wird die Skeptikerbewegung unter anderem vom Astrophysiker und Autor Carl Sagan, vom Evolutionsbiologen Richard Dawkins und vom Zauberkünstler James Randi. Die für Deutschland und Österreich maßgebliche Organisation ist die "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften" (GWUP).

Wie es sich für Skeptiker gehört, war man anfangs auch skeptisch gegenüber eigenen Positionen. Sagan etwa hoffte auf eine gleichsam volksbildnerische Funktion der Skeptikerbewegung, um der pseudowissenschaftlichen Leichtgläubigkeit etwas gegenübersetzen zu können. Allerdings zeigte er auch ein wesentliches Problem auf, nämlich die Überzeugung, das Monopol auf die Wahrheit zu besitzen und Menschen mit anderen Positionen von vorneherein als unvernünftige Schwachköpfe zu betrachten.

Tatsächlich genügt es nicht, Verschwörungstheorien, urbane Mythen, Homöopathie und andere Waren aus dem Gemischtwarenladen der Esoterik für abgelaufen zu erklären und deren Konsumenten zu Beinahe-Analphabeten zu stempeln, man muss schon auch Begründungen und andere - wissenschaftliche - Erklärungsmodelle haben. Das fällt bei der Präastronautik eines Erich von Däniken, mit seiner Behauptung, die frühen Zivilisationen hätten nachweislich Kontakt zu Außerirdischen gehabt, naturgemäß leichter als bei Verschwörungstheorien, die ohnedies auf dem Boden der Spekulation stehen und nicht recht dingfest zu machen sind. Doch eine Verschwörungstheorie damit zu widerlegen, dass man die Verschwörung abstreitet und jeden für grenz-schwachsinnig erklärt, der an sie glaubt, ist nach den Regeln der Skeptikerbewegung auch nicht das Gelbe vom Ei.

Gerade ein Preis wie das "Goldene Brett vorm Kopf" zeugt ein wenig von diesem Hochmut, der tatsächlich nicht in allen Fällen mit einer wissenschaftlichen Analyse verknüpft ist.

Skepsis gegenüber Skeptikern
In eine eng benachbarte Kerbe schlug der deutsche Sozialwissenschafter, Anomalistiker und Politiker Edgar Wunder, seines Zeichens immerhin Mitbegründer und Redaktionsleiter von des GWUP-Organs "Skeptiker": Er verließ 1999 Bewegung und Redaktion, weil er bei allzu vielen GWUP-Mitgliedern einen Weltanschauungskampf ortete, den sie seiner Auffassung nach ohne hinreichende fachliche Kenntnis führen würden bis hin zu selektiven und unsachlichen Argumenten. Ganz unbegründet ist Wunders Distanzierung in der Tat nicht.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-10-20 17:59:04
Letzte Änderung am 2015-10-23 09:07:52


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Kennedys sorgsam gepflegter Mythos
  2. Republik für ein paar Stunden
  3. Besser dicker, als Raucher
  4. Die Waffenkammer leert sich
  5. Tod durch Selfies
Meistkommentiert
  1. Update für das Kilogramm
  2. Herzschwäche ein unterschätztes Leiden
  3. Besser dicker, als Raucher
  4. Kooperation eine Frage der Stimmigkeit
  5. Die Waffenkammer leert sich

Werbung




Werbung