• vom 25.02.2016, 18:08 Uhr

Mensch

Update: 25.02.2016, 18:17 Uhr

Medizinische Forschung

Vom Nobelpreis in die Apotheke




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Von Eva Stanzl

  • Werner Lanthaler, Vorstandsvorsitzender des pharmazeutischen Forschungsunternehmens Evotec, über neuartige Medikamente und Wirtschaftsinteressen an medizinischer Grundlagenforschung.

Embryonale Stammzellen, die aus Körperzellen gewonnen werden können (iPS-Zellen), könnten einen Paradigmenwechsel in der Medizin bringen.

Embryonale Stammzellen, die aus Körperzellen gewonnen werden können (iPS-Zellen), könnten einen Paradigmenwechsel in der Medizin bringen.© Evotec Embryonale Stammzellen, die aus Körperzellen gewonnen werden können (iPS-Zellen), könnten einen Paradigmenwechsel in der Medizin bringen.© Evotec

Täglich berichten Biologen, Mediziner und Genetiker über neuartige Ansätze zur Heilung von Erkrankungen. Doch im Vergleich zur Zahl der Resultate in der biotechnologischen Forschung werden nur wenige neue Medikamente zugelassen. Warum ist das so? Und wie kommen die Früchte wissenschaftlicher Arbeit aus dem Labor in die Testreihen der millionenschweren Pharmaindustrie und später in die Apotheken?

Die in Hamburg beheimatete Evotec AG arbeitet mit Spitzenforschern und Pharmafirmen aus aller Welt an neuartigen Therapieansätzen. Obwohl das Unternehmen noch kein eigenes Medikament auf dem Markt hat, macht es jährlich 120 Millionen Euro Umsatz und notiert im deutschen TecDAX an der Frankfurter Börse. Vorstandsvorsitzender Werner Lanthaler gibt Einblicke in ein Geschäftsfeld, in dem Grundlagenforscher und Industrie offenbar sehr eng zusammenarbeiten.


"Wiener Zeitung: Sie arbeiten an Wirkstoffen im Bereich Krebs, Stoffwechselkrankheiten, Entzündungen, Demenz und Schmerz. Diese Gebiete werden seit Jahren intensiv beforscht, dennoch bleiben sie unheilbar. Welche Ansätze verfolgen Sie?



Werner Lanthaler: Es gibt Medikamente, die wirken, und Medikamente, die nicht wirken. Viele Krankheitsbilder werden heute nur auf symptomatischer Ebene bekämpft und haben somit nur eine lindernde Wirkung, aber keine heilende. Uns interessiert Heilung durch Bekämpfung der Krankheitsursachen. Dazu untersuchen wir, welche Arten von Molekülen große Veränderungen in körperlichen Systemen bewirken, und welche gar nichts oder nur wenig verändern. Die Grundlage unserer Forschungsarbeit ist eine Bibliothek von zwei Millionen kleinen Molekülen. Wir managen die Bibliothek und machen Experimente mit den Molekülen.

Was können diese Moleküle?

Sie können ganze Kaskaden von Wirkungen im Immunsystem auslösen, das die meisten Mechanismen des Gesundens und Erkrankens steuert. Oder sie können neurodegenerativeProzesse ausschalten, etwa bei Alzheimer oder Parkinson. Ein kleines Molekül als fertiges Arzneimittel wäre der effizienteste Weg, um eine Krankheit zu bekämpfen, denn es bindet an die richtigen Zellen. Wenn man sich ein Virus wie eine Krake vorstellt, könnte ein Wirkstoffmolekül an die Krake andocken und ihr die Arme abschneiden. Andere Typen von kleinen Molekülen sind wie Architekten: Sie bauen eine Brücke zwischen dem Erreger und dem Medikament. Und dann gibt es noch neuartige Formen von Gene-Editing, wie CRISPR, bei dem wie mit einer Schere einzelne Gen-Abschnitte ausgeschnitten und andere eingefügt werden.

Diese Methoden sind so neu, dass noch keine Anwendung existiert, geschweige denn Geld verdient werden kann. Zu welchem Zeitpunkt im Forschungsprozess steigen Sie ein und woran verdienen Sie?

Wir machen Auftragsforschung für Pharmafirmen, haben Umsatzbeteiligungen aus Forschungsarbeiten und erhalten Meilensteinzahlungen aus Kooperationen. Zum Beispiel arbeiten wir an der industriellen Herstellung von (nobelpreisgekrönten, Anm.) induzierten pluripotenten Stammzellen. Das kann niemand, aber wenn es uns gelingt, könnten Tierversuche in der Pharmaforschung weitgehend obsolet werden. Für unsere eigenen Forschungsaktivitäten haben wir ein weltweites Netz an Scout-Aktivitäten für radikale Grundlagenwissenschaft, die zu ursachenverändernden Medikamenten führen könnte. Hier investieren wir in Bereiche, wo wir große Chancen sehen, die ersten auf dem Markt zu sein. Weil das unbekanntes Wissenschaftsterrain ist, tragen wir ein hohes Risiko. Wir müssen daher früh im Forschungsprozess herausfinden, ob sich ein Resultat aus dem akademischen Umfeld unter industriellen Bedingungen wiederholen lässt.

Wo liegt dabei das Problem?

40 Prozent aller Experimente, die akademisch in der Grundlagenforschung gemacht werden, sind in einem industriellen Umfeld nicht wiederholbar. Wir testen, ob es außerhalb des Labors mit hunderten Proben desselben Zelltyps und vielen Molekülen nach Qualitäts-, Reinigungs-, Geschwindigkeits-, und Wirksamkeitsstandards immer wieder funktioniert. Wenn die Antwort ja ist und wir die Wirksamkeit - zumeist im Tiermodell - nachgewiesen haben, schließen wir Partnerschaften, um bei der Entwicklung hin zu klinischen Tests am Menschen das Risiko zu streuen.

Wie oft erweist sich eine Substanz als wirkungsvoll?

90 Prozent unserer Arbeiten scheitern. Müssten wir das finanzielle Risiko alleine tragen, könnten wir nur auf ein, zwei oder drei Projekte setzen. Ein großes Portfolio mit vielen Partnern macht unabhängiger vom Kapitalmarkt und sichert uns ab, falls eine Pharmafirma die Abteilung mit unserem Projekt schließt.

Wie unabhängig können Sie forschen bei so mächtigen Partnern?

Wenn man nicht jedes Experiment mit Eigenkapital von der Börse finanziert, fällt der systematische Bias (einseitige Perspektive zugunsten des Erfolgs, Anm.) im Experiment weg. Wenn man nur ein Experiment finanzieren kann, ist die Versuchung sehr groß, eher die positiven Daten sehen zu wollen. Unsere systematische Vorgangsweise erlaubt es, härtere Entscheidungen zu treffen. Anstatt graue Daten als weiß zu interpretieren, setzen wir die Prioritäten schneller hin zu den wirklich besseren Projekten.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-02-25 18:11:07
Letzte Änderung am 2016-02-25 18:17:05


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