• vom 30.10.2016, 12:30 Uhr

Mensch


Medizin

Verantwortung für Laster




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Von Teresa Reiter

  • Medizinethikerin Alena Buyx über Eigenverantwortung, Schuld und Moralurteile im Gesundheitsbereich.

Ein gewisser Grad an Selbstzerstörung etwa durch Fastfood ist gesellschaftlich akzeptiert. - © Fotolia/freshidea

Ein gewisser Grad an Selbstzerstörung etwa durch Fastfood ist gesellschaftlich akzeptiert. © Fotolia/freshidea



Wien. Wir arbeiten, trinken, essen zu viel und das Falsche. Wir sitzen nicht richtig, bewegen uns zu wenig, bekommen Herzinfarkte und Lungenkrebs. Oder wir geben unser Geld für Sportkurse und experimentelle Therapien aus und werden trotzdem krank. Die Medizinethikerin Alena Buyx über Eigenverantwortung, Schuld und Moralurteile im Gesundheitsbereich.

"Wiener Zeitung": Ist Gesundheit Bürgerpflicht oder dürfen wir uns im Namen der Eigenverantwortung zu Tode saufen, fressen, rauchen?


Alena Buyx: Das sind die Extrempositionen. Ich habe eine Position in der Mitte. Wir wissen, dass ein Großteil unserer Krankheitsbelastung verhaltensbedingt ist. Was beim Individuum selbst letztlich entscheidend ist, steht aber in den Sternen. Man weiß nie, hat einer einen Herzinfarkt, weil er ein hoch bezahlter Manager ist, der einen Wahnsinnsstress hat, oder weil er einen Body Mass Index von 30 hat, sich kaum bewegt oder raucht. Eine solche Erkrankung ist multifaktoriell. Darin liegt das erste Problem. Wir können zwar sagen, es gibt ganz klar einen Bezug zwischen Gesundheitsverhalten und Krankheit, aber beim einzelnen Individuum ist es schwierig, das genau festzulegen. Das müssten wir aber können, wenn wir jemanden zur Verantwortung ziehen wollen.

Dass heißt man ist, selbst wenn man ungesund lebt, nicht notwendigerweise der Alleinschuldige an seinen Krankheiten?

Es ist letztlich auch ein moralisches Urteil, zu sagen, jemand sei "schuld" an seiner Erkrankung, oder dass das Gesundheitsverhalten ein völlig rationales und freies sei. Es ist nicht wie ein Autokauf - also keine Einzelentscheidung. Das Gesundheitsverhalten ist lebenslang und summiert sich durch viele Entscheidungen bei Essen, Trinken, Rauchen, Bewegen. Es ist determiniert dadurch, was jemand in seiner Familie erlebt hat, denn dieses Verhalten wird im Kindesalter angelegt. Genetische Faktoren spielen eine Rolle, auch soziale Fragen. Aber auch Dinge wie unsere Umgebung, was man Entscheidungsarchitektur nennt, sind relevant. Wenn du überall umgeben bist von Werbung für fettiges, süßes, billiges Essen und es zugleich immer schwerer wird, sich körperlich zu betätigen, weil sich die Arbeitswelt verändert und wir ständig acht Stunden vor dem Computer sitzen, dann ist das einfach keine ganz rationale und selbstbestimmte Entscheidung.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-10-28 16:11:09
Letzte Änderung am 2016-10-28 21:22:05


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