• vom 13.02.2017, 17:19 Uhr

Mensch


Partnerschaft

Kann denn Liebe Zufall sein?




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Von Eva Stanzl

  • Ein Zufall tritt ein. Danach trifft man eine Wahl - auch in der Liebe. Alles Gute zum Valentinstag!

Gewonnen!, könnte meinen, wer sich verliebt. Unvorhergesehen ist daran nur die Begegnung.

Gewonnen!, könnte meinen, wer sich verliebt. Unvorhergesehen ist daran nur die Begegnung.© fotolia/piai Gewonnen!, könnte meinen, wer sich verliebt. Unvorhergesehen ist daran nur die Begegnung.© fotolia/piai

Maria arbeitete als Chemikerin im Institut für Lebensmitteluntersuchung der Stadt Salzburg. Dort putzte täglich der gleiche Mann den Boden. Sie kam schon immer leicht mit Menschen ins Gespräch und eines Tages plauderte sie auch mit ihm. "Sagen Sie, kann das ein Lebensinhalt sein, hier zu putzen?", fragte Maria. - "Ich bin Matrose. Aber ob ich den Schiffsboden putze oder diesen, ist egal. Mit dem Geld, das ich hier verdiene, will ich die Ausbildung zum Offizier der deutschen Handelsmarine machen." Sie war erstaunt ob seines klaren Ziels. Mit so viel Antwort hatte sie nicht gerechnet. "Wie viel kostet das?", wollte sie wissen. Er nannte einen Betrag und fügte hinzu: "Aber man muss es in Hamburg machen." Maria überlegte. Sie war sicher, er würde ihr den Betrag zurückgeben, und borgte ihm das Geld. Die beiden blieben in Kontakt, verliebten sich, heirateten, bekamen Kinder.

Ist Liebe Zufall? Für Marias Eltern ja. Sie erwischte die Nachricht vom Seemann kalt. Der Familientradition entsprechend hätten sie sich jemanden aus der Kulturbranche für ihre Tochter gewünscht. Mit der Tradition hatte Maria allerdings bereits durch die Wahl ihres Studiums gebrochen. Und weil sie das hatte, konnte sie dem jungen Mann begegnen, für den wiederum ihre Großzügigkeit ein Geschenk des Himmels war. Dass alle Faktoren zusammentrafen, war Zufall, die Chance zu ergreifen jedoch bewusste Entscheidung. Das Leben bietet Gelegenheiten, die wir gestalten oder lassen können.


"Zufall ist alles, was wir uns nicht ausrechnen können"
"Zufall ist alles, was wir uns nicht ausrechnen können", sagt der Physiker Florian Aigner, der dem Begriff in seinem neuen Buch "Der Zufall, das Universum und du" nachgeht. Das klingt offensichtlich, der mathematische Hintergrund ist aber nicht trivial. Aigner stellt sich gegen den französischen Mathematiker Pierre-Simon Laplace, der die Vorstellung hatte, es müsste unter Kenntnis sämtlicher Naturgesetze und Initialbedingungen wie Lage, Position und Geschwindigkeit aller im Kosmos vorhandenen physikalischen Teilchen möglich sein, jeden Zustand zu berechnen.

Der Autor verdeutlicht es anhand von Kugeln auf einem Billardtisch: Wohin sie rollen, hängt vom Stoß mit dem Queue und dem Billardspieler ab, von der Gravitation und dem Elektromagnetismus, die beide eine prinzipiell unendliche Reichweite haben, und vom Chaos, das sich mit Lichtgeschwindigkeit ausbreiten kann. "Der Billardtisch mit vielen Kugeln, die der Stoß durcheinanderwirbelt, ist wie eine Lottoziehung - er ist eine chaotische Zufallsmaschine", erklärt Aigner. Denn alle Objekte rund um den Tisch üben eine winzige Gravitationskraft auf die Kugeln aus, die ihre Bahnen stört. Ein Mensch, der an den Tisch herantritt, ändert das System, ebenso wie jede Kugel, die mit einer anderen zusammenstößt. Wer ausrechnen will, wohin die Kugel rollt, müsste in der Sekunde alle Rechengrößen kennen. "Niemand kann das so vorausberechnen", sagt Aigner.

Nur weil wir den Zufall nicht berechnen können, sind wir ihm aber nicht ausgeliefert. Zumindest nicht immer. Billardspieler können lernen, die Kugel treffsicher anzupeilen, und die winzige Schwerkraft eines Menschen, der sich dem Tisch nähert, wegen Irrelevanz vergessen.

Auch in der Liebe können wir die Ursachen so arrangieren, dass die gewünschten Wirkungen eintreten. Wer einen neuen Partner sucht, kann einem Sportklub beitreten, an Diskussionsforen teilnehmen, einen Tangokurs machen, abends ausgehen oder sonstigen Interessen nachgehen, um seinen Bekanntenkreis zu erweitern, und damit den Raum schaffen für neue Liebe.

Nehmen wir Barbara, die einen neuen Job suchte und deren Beziehung zu Bernhard zu einem Stillstand gekommen war. Sie nannte es Stillstand des ewigen Redens, weil sich nur noch in den Gesprächen viel tat. Und als sie so über ihre Berufswünsche sprachen, kam Bernhard auf die Idee, dass er Barbara einen Bekannten vorstellen könnte, der in ihrem Wunschberuf arbeitete. Die beiden trafen sich, aber anstatt über ihre Karriere zu reden, verliebten sie sich. Niemand hatte damit gerechnet - aber Bernhard hatte den Raum geöffnet, in dem sie sich kennenlernen konnten. Wäre Barbaras neuer Partner auf offener Straße an ihr vorbeispaziert, hätte sie ihn vermutlich nicht einmal gesehen.

Wer das Pferd von der anderen Seite aufzäumt, spart Zeit
"Dass zwei Menschen sich in der U-Bahn oder auf der Straße aus heiterem Himmel begegnen, ist die Ausnahme", sagt Caroline Erb, Psychologin bei Parship.at. Internet-Partnerschaftsagenturen leben vom Arrangieren der Ursachen. Wer sich registriert, will verhindern, dass ihnen der Zufall sein Unbill auftischt. Der Weg führt über einen Test von 74 Fragen mit insgesamt 400 Antwortmöglichkeiten, die ein Algorithmus auf 32 Persönlichkeitsmerkmale herunterrechnet. Das Programm hat Regeln, nach denen es zwei Menschen einander vorschlägt. "Von den Persönlichkeitsmerkmalen sollten etwa Nähebedürfnis und Einfühlsamkeit ähnlich gelagert sein, denn wenn der eine Partner ständig zusammensein will, der andere aber seine Freiheit braucht, ist Konflikt vorprogrammiert. Der Durchsetzungswille sollte dagegen eher gegensätzlich sein", sagt Erb. Bevor der Algorithmus online ging, wurde er von Psychologen an 80.000 Personen getestet. Seine Erfolgsquote liegt bei 38 Prozent.

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Dokument erstellt am 2017-02-13 17:23:09



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