• vom 01.06.2017, 17:11 Uhr

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Ängstlich, traurig und krank




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Von Alexandra Grass

  • Ein Viertel der österreichischen 10- bis 18-Jährigen leidet an einer psychischen Erkrankung.



Wien. Von Angststörungen, Depressionen oder ähnlichen psychischen Erkrankungen sind nicht nur Erwachsene betroffen: Nahezu ein Viertel der österreichischen Jugendlichen leidet unter solchen Krankheitsbildern. Mit dieser erschreckenden Zahl warteten am Donnerstag Wiener Psychologen auf. Erstmals gibt es damit hierzulande solide Daten, stellt Andreas Karwautz von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Medizinischen Universität Wien gegenüber der "Wiener Zeitung" fest. Diese können unter anderem dazu genutzt werden, das Versorgungssystem weiter aufzubauen.

Die vorliegende Studie ist nicht nur die erste für ganz Österreich, auch ihr Spektrum ist bisher einzigartig: Es wurden insgesamt 27 Krankheitsbilder erfasst, rund 4000 Jugendliche zwischen zehn und 18 Jahren befragt, davon fast 500 persönlich interviewt. Fragebögen alleine seien nicht ausreichend, so Karwautz. "Man muss die Patienten untersuchen und mit ihnen reden, um sagen zu können, ob überhaupt eine Krankheit vorliegt." Dabei werden eine ganze Menge Daten erhoben: der psychosoziale Status, die Lebensqualität, die Schulsituation, Traumatisierungen, Persönlichkeitsmerkmale, Krankheiten und vieles mehr, erklärt der Experte.


Hälfte bleibt unbehandelt
Erhoben wurde in der Studie auch ein weiteres brennendes Detail: Nicht einmal die Hälfte der Jugendlichen, die mindestens einmal im bisherigen Leben an einer solchen Störung erkrankt sind, hat bisher fachgerechte Hilfe in Anspruch genommen. Der Besuch beim Kinder- und Jugendpsychiater hängt stark vom Krankheitsbild ab: Ungefähr 63 Prozent der Befragten mit ADHS waren schon in Betreuung, bei Essstörungen waren es lediglich knapp 20 Prozent, noch weniger bei suizidalen Verhaltensstörungen (16 Prozent) und nicht-suizidalem, selbstverletzendem Verhalten (10 Prozent). Die Gründe dafür liegen laut Karwautz sowohl in der bestehenden Stigmatisierung der Erkrankungen als auch in der hohen Hemmschwelle, sich einem Arzt anzuvertrauen. "Wenn man weiß, wie gefährlich manche dieser Krankheiten sind, sollte man schon hoffen, dass zumindest 80 Prozent in Behandlung waren oder sind", so der Experte. Dem sei aber nicht so. Entweder finden die Betroffenen die Therapieeinrichtungen nicht oder es gibt zu wenige davon oder sie gehen zu den falschen Institutionen. Über diese Frage rätseln die Mediziner.

Eltern, Lehrern oder auch Mitschülern könnten so manche Störungen auffallen, sollte man meinen. Aber offenbar reagieren viele Menschen nur auf besonders "störende Sachen" wie etwa das bekannte Aufmerksamkeitsdefizits-und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS). "Bei einem hyperaktiven Kind, das allen auf die Nerven fällt", werde recht schnell reagiert. Bei Angststörungen hingegen, von denen immerhin zehn Prozent der Mädchen betroffen seien, war nur etwa ein Drittel jemals in Behandlung.

ADHS gehypt
Von ADHS hingegen sind im Gegensatz zur landläufigen Meinung nur vier Prozent der Kinder und Jugendlichen tatsächlich betroffen. "Manchmal hat man den Eindruck, dass das schon auf 30 Prozent zutrifft, aber das stimmt überhaupt nicht", so der Experte. Die Erkrankung werde regelmäßig gehypt. Bei den tatsächlich Betroffenen sei eine Behandlung umso wichtiger, denn ADHS habe Konsequenzen, die den schulischen Verlauf, soziale Beziehungen oder etwa die Jobaussichten betreffen. Doch müssten auch die Einrichtungen vorhanden und ausgestattet sein, betont der Mediziner, der auch Vizepräsident der Fachgesellschaft für Kinderpsychiatrie ist. In weiterer Folge sollen aus dem Datenberg auch die Ursachen für diese Entwicklung gefischt werden.




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Dokument erstellt am 2017-06-01 17:14:14



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