• vom 29.12.2017, 16:21 Uhr

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Von Alexandra Grass

  • Ob jemand Alkohol verträgt, hängt von der Aktivität bestimmter Enzyme im Körper ab.

Sekt und Champagner haben zu Silvester wieder Hochsaison. - © Fotolia/bernardbodo

Sekt und Champagner haben zu Silvester wieder Hochsaison. © Fotolia/bernardbodo

Melbourne/Wien. Wärmegefühle, Gesichtsröte, Herzrasen, leichter Schwindel bis hin zum Kater am Morgen. Der Verzehr von Alkohol hat vielerlei Auswirkungen - von Mensch zu Mensch in unterschiedlicher Intensität. Und wohl jeder kennt sie. Während die einen zu Silvester aber schon nach einem Gläschen Sekt beschwipst ins neue Jahr starten, vertragen andere wesentlich mehr bis zum Auftreten unangenehmer Begleiterscheinungen.

In Extremfällen treten schon nach nur zwei Schlückchen Sekt Symptome auf, wie sie bei vielen anderen erst nach einer durchzechten Nacht zum Vorschein kommen. Bekannt sind solch starke Reaktionen vor allem bei Menschen asiatischer Herkunft - aber nicht nur. Dahinter steckt schlicht und einfach eine Alkoholunverträglichkeit, betont der Molekularbiologe Terry Mulhern von der University of Melbourne rechtzeitig zum beschwingten Jahreswechsel im Online-Magazin "The Conversation".


Ursache ist zumeist ein vererbter Mangel bestimmter Enzyme, die beim Abbau von Alkohol im Körper eine große Rolle spielen. Dieser Abbau erfolgt in der Leber in zwei Phasen. In einem ersten Schritt wandelt das Enzym Alkoholdehydrogenase (ADH) den Alkohol in ein Zwischenprodukt namens Acetaldehyd um. Dieses ist neben anderen Giftstoffen für den Kater am Morgen verantwortlich. Ein zweites Enzym namens Aldehyd-Dehydrogenase (ALDH) verwandelt den Unhold schließlich in harmlose Essigsäure. Diese wird schlussendlich ausgeschieden.

Bei mangelnder Leistung der Enzyme steigt einerseits der Alkoholspiegel schneller an und sinkt andererseits langsamer ab als bei Menschen ohne diesen Defekt. Die volle Enzymaktivität liegt dann bei lediglich einem Prozent, und eben nicht bei den erwarteten 50 Prozent, betont Mulhern. Die defekte Version verhindert das harmonische Zusammenspiel dieser Katalysatoren.

Nicht ausreichend ist erforscht, warum dieses Leid vermehrt Ostasiaten trifft. Evolutionsbiologen vermuten den Ursprung im Mittelalter. Denn damals spielte im Gegensatz zu Europa Alkohol in Asien eine weniger wichtige Rolle. Die ausgeprägte Alkoholbeständigkeit war in unseren Breiten eher gefragt. Zudem waren auch in der Antike in Europa Getränke oft mit Alkohol gemischt - auch, um sie haltbar zu machen. Hingegen wurde in Asien vorwiegend Tee getrunken. Es ist nicht auszuschließen, dass diese Handhabung in Europa zu einer Genmutation geführt hat, die sich auf die Verträglichkeit positiv ausgewirkt hat. Ähnliches ist bei der Laktosetoleranz bzw. -intoleranz zu beobachten.

Die genetische Disposition hat aber auch ihre gute Seite. So sind alkoholbedingte Krebsarten bei Menschen mit Alkoholunverträglichkeit grundsätzlich wesentlich seltener anzutreffen. Trinken die Betroffenen allerdings dennoch in großem Zuge, sind sie wiederum einem wesentlich höheren Risiko ausgesetzt, etwa an Speiseröhrenkrebs zu erkranken.

Motive breit gestreut
Die Gründe, warum wir dem Alkohol zugeneigt sind, sind sehr komplex. Für viele - vor allem Erwachsene - bringt der Genuss positive Gefühle hervor. Alkohol nimmt einen wichtigen Stellenwert im Zusammensein mit Freunden ein. Andere wollen sich damit aufmuntern oder Probleme vergessen lassen. Bei Jugendlichen steht häufig der soziale Druck im Vordergrund. Trinken, um einer bestimmten Clique anzugehören. Trinken, um sich nicht ausgeschlossen zu fühlen. Die Motive sind breit gestreut.

Regelmäßig wird berichtet, dass bestimmte Antihistamine vor den Auswirkungen bei Alkoholunverträglichkeit schützen könnten. Dabei handelt es sich, so Mulhern, um Substanzen, die bei der Refluxkrankheit eingesetzt werden, wo die aggressive Magensäure die Schleimhäute in der Speiseröhre reizt. Der Wirkstoff blockiert den Histamin H2-Rezeptor, der die Produktion des Magensaftes reguliert. Dadurch lassen sich auch die Effekte beim Alkoholkonsum reduzieren.

Die Substanz maskiert allerdings nur die Symptome und nicht die toxischen Effekte des Acetaldehyds. Eine Pille zu schlucken und weiterzutrinken, kann dazu führen, dass der Körper zwar das Zwischenprodukt toleriert, aber dennoch das Krebsrisiko weiter ansteigt.

In welcher Form der Alkohol dem Körper zugeführt wird, macht keinen Unterschied. Die Konzentration des Acetaldehyds im Körper ist allerdings davon abhängig, wie viel Alkohol ein Drink enthält und wie schnell dieser zu sich genommen wird. In diesem Sinne: Prosit Neujahr!




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Dokument erstellt am 2017-12-29 16:26:10



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