• vom 10.05.2018, 19:01 Uhr

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Lepra könnte aus Europa stammen




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  • Forschern gelang die Rekonstruktion des bisher ältesten Lepra-Genoms.

Da Betroffene keinen Schmerz spüren, bleiben Wunden oft unbehandelt - in der Folge können Körperteile aufgrund von Entzündungen absterben.

Da Betroffene keinen Schmerz spüren, bleiben Wunden oft unbehandelt - in der Folge können Körperteile aufgrund von Entzündungen absterben.© Fotolia/a3701027 Da Betroffene keinen Schmerz spüren, bleiben Wunden oft unbehandelt - in der Folge können Körperteile aufgrund von Entzündungen absterben.© Fotolia/a3701027

Zürich. (gral) Lepra war in Europa bis ins 16. Jahrhundert weit verbreitet und ist bis heute in vielen Ländern der Welt endemisch. Weltweit werden jährlich mehr als 200.000 Neuerkrankungen gemeldet. Forschenden der Universitäten Zürich und Tübingen sowie des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena gelang es nun, das bisher älteste Lepra-Genom zu rekonstruieren. Ihnen zufolge könnte die Erkrankung sogar in Europa entstanden sein. Im Mittelalter waren der im Fachblatt "Plos Pathogens" publizierten Studie entsprechend nämlich in Europa mehrere Lepra-Bakterienstämme verbreitet und nicht wie bisher angenommen nur zwei.

Hauptverursacher der Erkrankung ist das Mycobacterium leprae. Bei Lepra sterben die Nerven ab und die Gefäße der Arterien und Venen verstopfen durch eine Verdickung des Blutes. Die Betroffenen verlieren meist das Gefühl für Kälte und Wärme.


Da die Erkrankten aber auch keinen Schmerz spüren, werden Wunden oft unbehandelt gelassen. Durch Entzündungen können diese Körperbereiche allerdings absterben. Daher stammt auch die Vorstellung, Lepra würde zum Abfallen von Fingern, Zehen, Händen und Ohren führen. Für die Übertragung des Erregers bedarf es eines langfristigen engen Kontakts mit einem Infizierten. Sie geschieht durch Tröpfcheninfektion. Grundsätzlich gilt Lepra heute jedoch als heilbar.

Hohe genetische Diversität
Das Wissenschafterteam hat nun zehn historische Genome des Bakteriums rekonstruiert und untersuchte Proben von etwa 90 Individuen aus ganz Europa aus der Zeit von etwa 400 bis 1400 n. Chr., die die für Lepra charakteristischen Knochenverformungen aufweisen. Aus diesen Proben wurden zehn mittelalterliche Genome rekonstruiert. Insgesamt umfassen die Genome alle bekannten Stämme der Erreger, auch solche, die heute in Asien, Afrika oder Nord- und Südamerika auftreten.

"Teilweise haben wir sehr verschiedene Lepra-Stämme aus Knochenmaterial vom selben Friedhof isoliert", berichtet Erstautorin Verena Schünemann von der Uni Zürich in einer Aussendung der Hochschule. "Dies zeigt besonders gut die Vielfalt der Stämme, die damals auf dem Kontinent kursierten."

Bei den Erregern im alten Europa hätten die Forscher viel mehr genetische Diversität gefunden als erwartet, erklärt der Biochemiker Johannes Krause von der Uni Tübingen. "Alle bekannten Lepra-Stämme traten bereits im mittelalterlichen Europa auf. Dies legt nahe, dass Lepra schon in der Antike in Asien und Europa weit verbreitet gewesen sein muss und dass die Krankheit ihren Ursprung im westlichen Eurasien haben könnte."

Eigentlicher Ursprung unklar
Eines der rekonstruierten Genome ist aus England und stammt aus dem Zeitraum zwischen 415 bis 545 n. Chr. Dieses älteste rekonstruierte Erbgut von Mycobacterium leprae gehört zum gleichen Lepra-Stamm, der in heute lebenden Eichhörnchen entdeckt wurde. "Das stützt die Hypothese, dass Eichhörnchen und der Handel mit ihren Fellen Faktoren bei der Ausbreitung der Lepra unter Menschen des Mittelalters in Europa darstellen", so Krause.

"Die Dynamik der Übertragung der Lepra-Erreger in der Geschichte der Menschen ist nach wie vor nicht völlig geklärt. Auch ist noch unklar, woher genau die Lepra ursprünglich stammt", erklärt Schünemann. Zwar verfügen die Wissenschafter über schriftliche Zeugnisse von Leprafällen aus der vorchristlichen Zeit, doch fehlen bisher die Proben, um dies auch auf der molekularen Ebene bestätigen zu können. Die neuen Studienergebnisse führen den Forschern zufolge zur Einschätzung, dass Lepra-Bakterien schon viel länger existieren als gedacht. Sie seien mindestens einige Tausend Jahre alt.

"Im nächsten Schritt wollen wir nach noch älteren Proben von durch Lepra deformierten Knochen suchen. Für die Identifizierung potenzieller Leprafälle stehen uns mittlerweile gut etablierte Methoden zur Verfügung", skizziert Krause.




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Dokument erstellt am 2018-05-10 16:27:46


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