• vom 15.05.2018, 17:17 Uhr

Mensch


Gesundheit

Die Vielfalt des Mikrobioms




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Von Alexandra Grass

  • Die Bakteriengemeinschaft des Menschen verändert sich durch Nahrung, Medizin und Psyche.



San Diego/Wien. Unseren Körper teilen wir uns mit rund 100 Billionen Bakterien, die vorwiegend im Verdauungstrakt angesiedelt sind. In ihrer Gesamtheit bilden diese Mikroorganismen das Mikrobiom. In der Wissenschaft und für die Gesundheit des Menschen gewinnt diese Bakteriengemeinschaft immer mehr an Bedeutung. In Form eines sogenannten Citizen-Science-Projekts haben US-Forscher nun erste Resultate der weltweit größten Datensammlung auf diesem Gebiet vorgelegt. Sie zeigen vorerst auf, welchen Einfluss Ernährung, Antibiotika und Psyche auf die mikrobielle Zusammensetzung der menschlichen Darmflora haben, und bilden die Grundlage für künftige Studien.

"Wir entdeckten eine viel größere mikrobielle Diversität, als es vorherige kleinere Studien zeigten", betont Daniel McDonald, wissenschaftlicher Leiter des American Gut Project der University of California School of Medicine in San Diego. Die Forscher vermuten, dass der Blick auf größere Bevölkerungsgruppen eine noch größere Vielfalt hervorbringen wird, die die Grenzen des menschlichen Mikrobioms aufzeigen könnten.

American Gut Project
Das im November 2012 gestartete American Gut Project soll zu einem besseren Verständnis des Mikrobioms beitragen, um zu erkennen, welche Bakterienarten wo leben, wie viele es davon gibt und wie sie Ernährung, Lebensstil und Krankheiten beeinflussen. Mehr als 11.000 Personen aus den USA, Großbritannien, Australien und weiteren 42 Ländern stellten bisher Abstriche ihrer Haut, Schleimhaut und Ausscheidungen zur Verfügung. In einem Fragebogen mussten sie über Gesundheitsstatus, Krankheitsgeschichte, Lebensstil und Ernährungsgewohnheiten Auskunft geben. "Wir waren sehr darüber erstaunt, dass mehr als 10.000 Menschen aus der Bevölkerung dazu bereit waren, ihre Kacke an unser Labor zu schicken", wundert und freut sich Projektinitiator Rob Knight.

Die Ergebnisse sind spannend: So spielt etwa die Anzahl der mit der Nahrung aufgenommenen Pflanzenarten für die Vielfalt des Mikrobioms eine Rolle. Unabhängig davon, ob Menschen vegan, vegetarisch oder Fleisch und Fisch essen - verändert sich die Zahl der Bakterienarten je nachdem, wie viele unterschiedliche Pflanzenarten jemand zu sich nimmt. So war bei Probanden, die mehr als 30 verschiedene Pflanzen, also Früchte und Gemüse, pro Woche aßen, das Mikrobiom wesentlich vielfältiger als bei jenen, die nur zehn oder weniger verspeisten.

Wie zu erwarten, war die Darmflora jener Menschen, die im Monat vor der Probenentnahme Antibiotika zu sich nahmen, weniger artenreich als jener, die über ein Jahr lang keine Bakterienkeule verabreicht bekamen. Aber auch hier wurde der Einfluss der Nahrung sichtbar. Ausgesprochene Pflanzenliebhaber wiesen weniger antibiotikaresistente Gene auf als die Vergleichsgruppe mit weniger Grünanteil auf dem Teller. Obwohl in der Studie nicht überprüft, gehen die Forscher davon aus, dass dies mit vermehrtem Fleischkonsum von Pflanzenverweigerern zu tun hat. Häufig beinhalten Fleisch, aber auch Fertiggerichte Antibiotika. Bekanntermaßen führt ein Übergenuss dieser zur Bildung von Resistenzen, die wiederum im Mikrobiom ihr Gesicht zeigen.

Darm und Gehirnleistung
Das Projekt nahm auch Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Schizophrenie, posttraumatischen oder bipolaren Störungen genauer unter die Lupe. Demnach fanden sich auch hier Unterschiede im Vergleich zu gesunden Probanden. "Das menschliche Mikrobiom ist komplex, doch je mehr Proben wir erhalten, umso früher wird es möglich sein, den Zusammenhang von Bakteriengemeinschaft und Gesundheit beziehungsweise Krankheit zu entschlüsseln", erklärt Knight im Fachblatt "mSystems".

Wie parallel dazu Forscher des Grazer BioTechMed-Forschungsverbundes herausgefunden haben, dürften die Bakterien im Darm auch Einfluss auf die Gehirnleistung zu haben. Erst jüngst hatte ein anderes Team festgestellt, dass eine bestimmte Zusammensetzung von Mikroorganismen im Darm das Erinnerungsvermögen sowie emotionale Entscheidungsprozesse positiv beeinflussen kann. Die Erforschung der direkten Zusammenhänge all dieser Ansätze stecken allerdings praktisch noch in den Kinderschuhen.




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Dokument erstellt am 2018-05-15 17:21:53



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