• vom 18.05.2018, 09:40 Uhr

Mensch

Update: 18.05.2018, 09:45 Uhr

Paläontologie

Moderner Mensch ließ Neandertaler und Co aussterben




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Von WZ Online, APA

  • Sagt der schwedische Paläogenetiker Svante Pääbo bei einem Wien-Besuch im Interview.

Der Forscher Svante Pääbo war anlässlich der Feierlichen Sitzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien.

Der Forscher Svante Pääbo war anlässlich der Feierlichen Sitzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien.© APAweb / dpa/Frank Vinken Der Forscher Svante Pääbo war anlässlich der Feierlichen Sitzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien.© APAweb / dpa/Frank Vinken

Wien. Der Paläogenetiker Svante Pääbo sequenzierte 2009 das Neandertaler-Genom und zeigte, dass Teile davon im Erbgut heutiger Menschen sind. Zudem identifizierte 2010 die vor 40.000 Jahren lebenden Denisova-Menschen anhand von DNA-Resten. Anlässlich eines Vortrags heute, Freitag, bei der Feierlichen Sitzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien sprach die APA mit dem Forscher.

APA: In ihren frühen Tagen haben die modernen Menschen gemeinsam mit Neandertalern und Denisova-Leuten existiert. Was fehlt diesen beiden Menschenarten, warum sind sie ausgestorben und die modernen Menschen übrig geblieben?

Pääbo: Ich glaube nicht, dass ihnen etwas fehlte, es liegt meines Erachtens ziemlich sicher an uns modernen Menschen. Heute sind zum Beispiel die Orang-Utans vom Aussterben bedroht, und wir wissen genau, was der Grund ist. Es liegt nicht an ihnen, sondern an uns, an der Abholzung, dem Wildern und so weiter. Genau so war es wohl, als sich die modernen Menschen verbreiteten. Die Neandertaler in Europa sind verschwunden, die Denisova Leute in Asien und die Hobbits in Indonesien waren auf einmal weg, und auch andere Menschenformen in Afrika, die es damals gab. Ich denke, es liegt irgendwie an dem Verhalten der modernen Menschen. Wir sollten also in unserem Erbgut nach dem Grund ihres Verschwindens suchen. Das kann man durch einen Vergleich des Genoms moderner Menschen etwa mit jenen von Neandertalern und Denisovanern untersuchen.

Haben Sie schon eine Vermutung oder gibt es konkrete Daten, was es sein könnte.

Eigentlich nein, es gibt nur Spekulationen. Ich vermute, es liegt daran, dass das Verhalten der modernen Menschen in mancher Hinsicht anders ist, als bei allen anderen Menschenformen. Die Neandertaler und andere ausgestorbene Menschenarten haben viel länger existiert, als moderne Menschen, etwa 400.000 Jahre gegenüber 200.000 Jahren. Sie sind aber nie nach Amerika gekommen, nie nach Australien, mit wenigen Ausnahmen haben sie Wasser nur überquert, wo man Land auf der anderen Seite sieht.

Das änderte sich drastisch, als die modernen Menschen kamen. In nur 50.000 bis 60.000 Jahren besiedelten sie alle großen Kontinente und jede kleine Insel bis ans Ende der Welt. Wir sind irgendwie verrückt und die anderen waren es nicht. Wir können auch nie aufhören, jetzt wollen wir sogar zum Mond und zum Mars. Es gibt also etwas bei modernen Menschen, dass sie sehr expansiv macht. Dadurch kam es wohl zu Konflikten oder zur Verdrängung von anderen, nahe verwandten Menschenformen, genauso wie wir es heute noch bei den Menschenaffen sehen.

Sind daran vielleicht Gene beteiligt, die im Hirn aktiv sind und eine andere Art des Verhaltens hervorrufen?

Es hat wohl irgendwas mit unserer Kognition (Wahrnehmung; Anm.) und dem Verhalten zu tun. Der moderne Mensch tickt vielleicht im sozialen Bereich irgendwie anders, und hat eine Tendenz, große Gesellschaften zu bilden.

Das heißt, es könnten auch Sprache und Kooperation grundlegend anders sein, und da gibt es vielleicht Gene zu finden, die das unterschiedlich beeinflussen?

Ja, genau.

Es gibt die modernen Menschen nun seit ein paar hunderttausend Jahren und sie haben sich stets weiterentwickelt. Passiert dies auch heute noch, oder ist die menschliche Evolution zum Stillstand gekommen?

Jedes Kind, das geboren wird, hat 50 bis 100 neue Mutationen, die weder vom Vater, noch von der Mutter kommen, und die Häufigkeit von genetischen Varianten trennen sich in den Populationen auf. Wir verändern uns also die ganze Zeit. Aber für die wesentlichen Dinge sind unser Verhalten und die Kultur wichtiger als die biologische Evolution. Seitdem wir Straßenverkehr und schnelle Autos haben, sind Verkehrsunfälle ein großes Risiko für unsere Kinder. Aber wir warten nicht auf Mutationen, die sie vorsichtiger machen, wenn sie die Straße überqueren. Wir bringen ihnen bei, links und rechts zu schauen und einen Zebrastreifen zu benutzen. Das ist eine kulturelle Antwort auf eine neue kulturelle Bedrohung. Heute ist also die soziale Entwicklung viel wichtiger als die biologische.

Was kann man noch alles von "alter DNA" lernen?

Wir haben zum Beispiel von ihr erfahren, dass die modernen Menschen vor etwa 600.000 Jahren einen gemeinsamen Ursprung mit Neandertalern hatten, später haben sie sich wieder getroffen und tatsächlich miteinander gemischt, also Kinder gezeugt. Diese wurden in die Gesellschaft der modernen Menschen integriert und hatten ihrerseits Nachwuchs, sodass ein paar Prozente Erbgut bei allen Menschen außerhalb Afrikas von Neandertalern stammen.





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Dokument erstellt am 2018-05-18 09:41:49
Letzte Änderung am 2018-05-18 09:45:41


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