• vom 30.05.2018, 09:00 Uhr

Mensch

Update: 30.05.2018, 09:42 Uhr

Isolation

Volkskrankheit Einsamkeit




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Von Eva Stanzl

  • Zwei Drittel der Österreicher haben Angst, gegen ihren Wunsch allein zu sein.

Nicht nur ältere, sondern auch immer mehr junge Menschen fühlen sich isoliert - neue Technologien leisten einen Beitrag dazu.

Nicht nur ältere, sondern auch immer mehr junge Menschen fühlen sich isoliert - neue Technologien leisten einen Beitrag dazu.© fotolia/tenenbaum Nicht nur ältere, sondern auch immer mehr junge Menschen fühlen sich isoliert - neue Technologien leisten einen Beitrag dazu.© fotolia/tenenbaum

Wien. Gemeinschaft ist eine Grundlage des Lebens. Ohne sie keine Partnerschaft, keine Familie, keine Freunde, weniger Vergnügen - und evolutionäre Nachteile. Denn vielerlei Vorbilder lehren uns vielfältige Verhaltensweisen, die uns fürs Leben rüsten, berichteten Forscher jüngst anhand einer Studie an Erdmännchen. Auf den Homo sapiens umgelegt bedeutet das: Der Mensch ist ein Herdentier. Unter unsereins fühlen wir uns wohl. Wir verbringen 80 Prozent unserer wachen Zeit mit anderen. Unerwünschtes Alleinsein schmerzt.

Dass Einsamkeit auch krank machen kann, zeigen die Warteschlangen beim Arzt. Nordirische Allgemeinmediziner fordern nun Unterstützung von der Regierung in London im Umgang mit Patienten, die über chronische Einsamkeit klagen: "Das zehnminütige Gespräch in der Ordi, das oft der einzige Kontakt am Tag ist, ist viel zu wenig im Umgang mit der neuen Volkskrankheit Einsamkeit", schlagen Branchenvertreter im Sender BBC Alarm: Einer von fünf Patienten käme "hauptsächlich aus Einsamkeit" zum Arzt.

Laut dem Roten Kreuz fühlen sich mehr als neun der 66 Millionen Briten oft allein. 200.000 Senioren sprechen höchstens ein Mal im Monat mit Freunden oder Verwandten. "Das Gefühl der Einsamkeit löst im Körper Stress aus. Wenn wir spüren, dass wir keine Kontrolle haben, leiden wir - ähnlich wie bei ständiger Überbelastung - unter chronischem Stress", erklärte der Gehirnforscher Manfred Spitzer jüngst im Interview mit der "Wiener Zeitung". Somit begünstige Einsamkeit Bluthochdruck, Herzkreislauferkrankungen und sogar Krebs.

US-Wissenschafter der Universität Utah haben entdeckt, dass chronische Einsamkeit ebenso gesundheitsschädlich sei wie das Rauchen von 15 Zigaretten am Tag oder Übergewicht und Bewegungsmangel. Und ein Team der Universität Chicago berichtet, dass Einsamkeit sogar ansteckend wirkt: Wenn eine Person sich alleine fühlt, können diese Gefühle bald auch von Lebenspartnern oder Familienmitgliedern empfunden werden.

Ministerium für Einsamkeit

Gesellschaftliche Veränderungen verstärken Isolation - etwa, wenn Arbeitslose für einen Job weite Strecken pendeln oder in eine unbekannte Stadt ziehen müssen. Flexibilität wird dabei insbesondere von Menschen gefordert, die ohnehin keine Familie haben und damit emotional auf sich selbst zurückfallen. Besonders häufig betroffen sind auch Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, etwa sozial Schwache und Menschen mit psychischen Erkrankungen. "Stellen Sie sich vor, es gäbe eine Krankheit, die immer häufiger auftritt und chronische Schmerzen verursacht - eine ansteckende, kaum erforschte Krankheit, die sich schneller ausbreitet, als Immunität gegen sie aufgebaut werden kann", schreibt Spitzer in seinem Buch "Einsamkeit - die unerkannte Krankheit". Das Tückische: Viele Betroffene wissen nicht einmal, dass sie an ihr leiden.

In Österreich haben insbesondere ältere Menschen Angst, zu vereinsamen. Laut einer Umfrage der Silver Living Gruppe befürchtet die Hälfte der 60- bis 69-Jährigen, am Lebensende zu wenige Freunde und Bekannte zu haben. Zwei Drittel der Österreicher haben Angst vor Einsamkeit.

Das Österreichische Roten Kreuz musste die Zahl seiner freiwilligen Helfer seit 2014 um fast ein Drittel auf 14.172 im Jahr 2017 erhöhen, weil unter anderem im Besuchsdienst immer mehr Leute benötigt werden. "Der Bedarf alter Leute nach Gesprächspartnern steigt", sagt Bereichsleiterin Monika Wild. "Der ökonomische Druck hat in der mobilen Betreuung dazu geführt, dass der Blick auf die Uhr die Arbeit dominiert. Es wäre nötig, wieder den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen."

Schon allein wegen der demografischen Entwicklungen stellt Einsamkeit im Alter eine enorme Herausforderung dar. Immer mehr junge Menschen verlassen ihre Familien am Land für die Stadt. Das britische Statistikbüro in London berichtet jedoch, dass sich die 16- bis 24-Jährigen sogar noch isolierter fühlen als Pensionisten. Technologien wie das Internet gelten als Grund, die wachsende Zahl der Single-Haushalte und die steigende Anzahl der Scheidungen als weitere. Einsame junge Menschen seien häufiger wegen psychischer Probleme beim Arzt. In London nimmt sich das Ministerium für Einsamkeit dieser traurigen Realität an. Ressortchefin Tracey Crouch hat eine Herkulesaufgabe, auch zumal die Regierung immer mehr Jugendzentren schließt.





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Dokument erstellt am 2018-05-29 17:22:06
Letzte Änderung am 2018-05-30 09:42:29


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