• vom 04.06.2018, 21:22 Uhr

Mensch

Update: 04.06.2018, 21:24 Uhr

Medizin

Für neue Impfstoffe fehlt das Geld




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  • Österreichische Ärztetage: Die Investitionen für eine Vakzine sind enorm, klinische Studien machen die Entwicklung teuer.

- © dpa/Josef Hildenbrand

© dpa/Josef Hildenbrand

Grado/Wien. Die Welt würde dringend neue Vakzine zum Schutz gegen Infektionen wie Tuberkulose, Malaria, Ebola, Dengue, Zika und Ähnliches benötigen. Doch es mangelt am Geld. Vor allem die klinischen Studien machen die Entwicklung immer teurer, sagte der Wiener Tropen- und Reisemediziner Herwig Kollaritsch im Rahmen der jüngsten Österreichischen Ärztetage in Grado.

"Die Entwicklungszeit für eine neue Vakzine beträgt noch immer 15 bis 20 Jahre. Die Investitionen liegen bei 300 bis 800 Millionen Euro", so Kollaritsch. Während in der Vergangenheit für die Zulassung eines Impfstoffes bei klinischen Studien auch der Nachweis der Effektivität bei der Erzeugung von Immunität gegenüber Krankheitserregern über Labor-Surrogatparameter möglich war - zum Beispiel durch den Nachweis hoher Antikörperkonzentrationen im Blut nach der Impfung -, verlangen die Zulassungsbehörden jetzt wesentlich mehr.


Effektivität "im Feld" belegen
"Ein Unternehmen muss für die Zulassung einer neuen Vakzine jetzt die Effektivität des Impfstoffes ‚im Feld‘ belegen", erläutert der Mediziner. Das bedeutet, dass jeweils in Placebo-kontrollierten Studien an bis zu tausenden Probanden bewiesen werden muss, dass die Vakzine vor Infektion oder einer Krankheit schützt. Gleichzeitig werden die Anforderungen an die Vakzine, was ihre Verträglichkeit angeht, immer höher.

Laut Kollaritsch gibt es derzeit eine Finanzierungslücke von 1,5 Milliarden Euro für bis zu drei Phase-II-Projekte zur Entwicklung eines später einsetzbaren Impfstoffes gegen einen jener Krankheitserreger, deren Bekämpfung die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als dringend einstuft. Hinzu kommen noch die Aufwendungen für die eigentliche Wirksamkeitsprüfung (Phase-III-Studien). Die Pharmakonzerne müssen dabei sehr genau zwischen Marktchancen, Marktwert und notwendigen Aufwendungen abwägen, ob sich der Aufwand im Einzelfall für sie auszahlen würde.

Der größte Erfolg bei bisher per Impfung nicht verhütbaren Erkrankungen dürfte der Impfstoff "rVSV-ZEBOV" gegen Ebola sein, der derzeit im Kongo zum Einsatz kommt. Die Vakzine wurde ursprünglich in Kanada konzipiert und dann vom US-Pharmakonzern Merck, Shark & Dohme weiterentwickelt. Geldgeber und Kooperationspartner waren die WHO, der britische Wellcome Trust, norwegische und kanadische staatliche Stellen sowie die NGO "Ärzte ohne Grenzen". Der Impfstoff besteht aus per Mutation künstlich abgeschwächten VS-Viren, die auch Proteinanteile der Ebola-Erreger tragen. VSV ist in erster Linie ein Tierpathogen, das kaum Erkrankungen beim Menschen verursacht. Bei "rVSV-ZEBOV" handelt es sich deshalb um einen Lebendimpfstoff, wobei sich das Virus nach der Impfung im Körper vermehrt und dadurch eine Immunantwort auslöst.

Wirksamer Ebola-Impfstoff
In einer klinischen Studie in Westafrika zwischen April und Juli 2015 wurden insgesamt 117 Personengruppen zu je rund 80 Menschen identifiziert, in denen es innerhalb der vorangegangenen drei Wochen zu einer Ebola-Erkrankung gekommen war und die in irgendeiner Weise Kontakt gehabt hatten. Diese Kontaktpersonen wurden entweder sofort oder nach drei Wochen geimpft. Nach einer positiven Zwischenauswertung wurden alle Kontaktpersonen immunisiert, auch Kinder ab sechs Jahren.

In der Endauswertung der Studie zeigte sich ein sehr gutes Ergebnis: Unter den sofort Geimpften (4123 Personen) kam es ab einem Zeitabstand von zehn Tagen zu keiner einzigen Ebola-Erkrankung. Bei den erst mit Verspätung Immunisierten (3528 Personen) wurden hingegen 16 Ebola-Infektionen registriert. Die Wirkung wurde in der entsprechenden wissenschaftlichen Untersuchung mit 100 Prozent angegeben.

Gerade bei Infektionskrankheiten, die bei Ausbrüchen schnell auftauchen und auch wieder verschwinden, ist die Entwicklung einer neuen Vakzine besonders schwierig, weil man für den Beweis der Wirksamkeit die Vakzine bereits parat haben muss. Zudem sollten Impfstoffe leicht lagerfähig sein, was in tropischen Regionen mit Blick auf die Tiefkühlung oft schwierig ist. Eine sprichwörtlich "unendliche Geschichte" seien bisher die Forschungen nach einer breit anwendbaren Malaria-Vakzine, betonte Kollaritsch. Dabei erschwert unter anderem der komplexe Lebenszyklus der Malaria-Erreger die Entwicklung eines Impfstoffes.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-04 17:49:12
Letzte Änderung am 2018-06-04 21:24:42


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