• vom 02.08.2018, 20:00 Uhr

Mensch


Anthropologie

Die Zwergen-DNA




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Von Alexandra Grass

  • Zu welcher Verwandtschaft der Frühmensch Hobbit zählt, bleibt rätselhaft.



Santa Cruz/Wien. Der mit dem Spitznamen Hobbit bezeichnete Frühmensch Homo floresiensis gibt der Wissenschaft nach wie vor Rätsel auf. 2004 war er anhand eines fossilen Knochenfunds in der Höhle der indonesischen Insel Flores erstmals beschrieben worden. Ein Wissenschafterteam der University of California in Santa Cruz hat nun sein Verwandtschaftsverhältnis zum modernen Menschen untersucht. Den Studienergebnissen zufolge konnte das Geheimnis um eine mögliche Verwandtschaft allerdings nicht gelüftet werden.

Von seinen Entdeckern war Homo floresiensis schon im Jahr 2004 als sogenannte Inselverzwergung stammesgeschichtlich von Homo erectus, aus dessen Linie der Neandertaler abstammte, abgeleitet. Auch heute lebt auf dem indonesischen Eiland noch eine Population an Kleinwüchsigen. Die Forscher um Richard E. Green gingen daher der Frage nach, ob es hier eine Verbindung geben könnte. Dafür analysierten sie das Genom von 32 Menschen aus dieser Bevölkerungsgruppe. Dabei erkannten die Wissenschafter evolutionäre Veränderungen, die mit der Ernährung und ihrer kleinen Gestalt einhergehen. Jedoch fanden sie keinen Nachweis von genetischem Material, das vom Homo floresiensis stammen könnte.


Natürliche Selektion
"Hätten wir die Chance gehabt, hier eine genetische Verbindung zum Hobbit herzustellen, wäre das sensationell gewesen. Aber sie existiert nicht. Es gibt keinerlei Anzeichen einer genetischen Strömung zwischen den beiden Menschenarten", erklärt Green in der im Fachblatt "Science" erschienenen Studie.

Bisher war es den Forschern gar nicht möglich, Hobbit-DNA zu gewinnen. Deshalb suchten sie beim heute lebenden Flores-Volk nach einem Hinweis auf Erbgutsequenzen einer bisher unbekannten frühen Menschenart. Zwar fanden sie kleine Mengen an Neandertaler-DNA und Erbgut des Denisova-Menschen, aber keinerlei Sequenzen fremder Herkunft.

"Genetisch unterscheiden sich die Kleinwüchsigen kaum von anderen Populationen dieser Inselregion", erklärt Green. Differenzen zeigten sich lediglich in für Größe und Ernährung zuständigen Erbgutstücken. Die Entwicklung der geringeren Körpergröße scheint bei den heute lebenden Flores-Bewohnern ein Resultat natürlicher Selektion zu sein, so der Forscher. "Das klingt nach einem langweiligen Ergebnis, doch es ist sehr bedeutsam", betont Green. Denn eine Reihe an Genvarianten scheint die Körpergröße zu beeinflussen. Und diese zeigen sich nicht nur aktuell, sondern auch in bekannten Vorfahren von Europäern und den Flores-Menschen. "Wir benötigen die Gene der Frühmenschen gar nicht für die Erklärung ihrer Kleinwüchsigkeit", betont der Forscher.

Der Fossilienfund belegt, dass der Homo floresiensis mit einer Körpergröße von 106 Zentimetern bedeutend kleiner war als die heutigen Flores-Bewohner mit einer Durchschnittsgröße von 145 Zentimetern. Heute ist bekannt, dass die Kleinwüchsigkeit bei Säugetieren mit einem geringeren Vorhandensein an Nahrungsressourcen einhergeht.

Menschliche Anpassung
Die Studie thematisiert fundamentale Fragen über die menschliche Anpassung nicht nur hinsichtlich der Größe, erklärt Koautor Peter Visscher von der University of Queensland. Jene Gene, die mit Ernährungsanpassungen in Verbindung gebracht werden können, existieren etwa auch bei den Inuits in Grönland. Summa summarum bleibt die Verbindung zum Hobbit weiter rätselhaft.




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Dokument erstellt am 2018-08-02 17:20:21


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