• vom 12.09.2018, 16:44 Uhr

Mensch

Update: 12.09.2018, 17:00 Uhr

Zeitumstellung

"Dicker, dümmer und grantiger"




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  • Die Abschaffung der Zeitumstellung könnte fatale gesundheitliche Folgen mit sich bringen: Dieser Meinung sind manche Experten.

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München/Berlin. (dpa/red) Im Sommer eine Stunde vor, im Winter eine Stunde zurück - viele Menschen leiden unter der Zeitumstellung. Die EU-Kommission hat jüngst auf Grundlage einer Befragung der EU-Bürger deren Abschaffung für das kommende Jahr angekündigt. Aus ihrer Sicht widerspricht der künstliche Wechsel der Biologie. Manche Forscher warnen aber vor der dauerhaften Sommerzeit - sie könne ihrer Meinung nach sogar fatale Folgen haben.

Die drastischsten Worte dazu findet Till Roenneberg vom Institut für Medizinische Psychologie der Uni München und Autor zahlreicher Bestseller zur Chronobiologie. Stelle man die Uhren ganzjährig auf die Sommerzeit um, werde es "riesige Probleme geben", warnt er vor dem "Cloxit". "Man erhöht die Wahrscheinlichkeit für Diabetes, Depressionen, Schlaf- und Lernprobleme - das heißt, wir Europäer werden dicker, dümmer und grantiger."


Er prognostiziert zudem: "Jedes Land, das das nicht macht, wird uns akademisch überholen." Denn vor allem Schüler und Studenten seien betroffen, weil Lernen und das Gelernte zu verarbeiten bei zu wenig Schlaf stark eingeschränkt werde. Russland habe schon einmal versucht, dauerhaft die Sommerzeit einzuführen - und sei gescheitert, so Roenneberg.

Sozialer Jetlag
Bei Sommerzeit müsse man an wesentlich mehr Tagen im Dunklen aufstehen - je nach Wohnort seien es bis zu sechs Wochen. Er kritisiert auch, dass die Befragung ohne Aufklärung geschehen sei. "Hätte Kommissionschef Jean-Claude Juncker gesagt, dass wir künftig alle ganzjährig eine Stunde früher arbeiten müssen, wären die Leute auf der Straße gewesen."

Die Forscher und die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin sprechen sich für eine dauerhafte "Normalzeit" aus. "Die bisherige Winterzeit entspricht den Verhältnissen, die unter Berücksichtigung der natürlichen Lichteinflüsse für unseren Schlaf-Wach-Rhythmus am günstigsten ist", sagt Vorsitzender Alfred Wiater.

Licht und Dunkelheit bestimmen unsere innere Uhr - wann wir wach und wann wir müde werden. Das Problem ist: Die wenigsten Europäer können sich nach diesem natürlichen Rhythmus richten. Ihr Tagesablauf wird von der sogenannten sozialen Zeit bestimmt, die uns Arbeit und Schule vorgeben. Roenneberg nennt das "sozialen Jetlag".

Wenn es durch die Sommerzeit abends länger hell ist, setzt die Produktion des Schlafhormons Melatonin erst später ein. Man wird nicht rechtzeitig müde, muss aber trotzdem früh aus dem Bett. "Mit der Zeit droht Schlafmangel - wir werden noch mehr zu einer chronisch übermüdeten Gesellschaft", so Schlafforscher Hans-Günter Weeß kürzlich im "Stern".

Aber auch die Umstellung der Uhren wie bisher bringe für viele Menschen Probleme mit sich - wie lange diese anhalten, ist individuell unterschiedlich. Manche leiden unter dem Hin und Her ähnlich wie unter einem Jetlag.

Die Entscheidung, ob sie die Sommer- oder die Winterzeit behalten wollen, sollen die Mitgliedsstaaten übrigens selbst treffen. Dennoch liefert die Kommission einen konkreten Vorschlag. Demnach würden am 31. März 2019 das letzte Mal die Uhren in den EU-Staaten verpflichtend umgestellt. Beim nächsten Termin am 27. Oktober 2019 wäre die Zeitumstellung für die Staaten freiwillig. Danach soll es keine weiteren Umstellungen zwischen Sommer- und Winterzeit geben.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-12 16:54:10
Letzte Änderung am 2018-09-12 17:00:34


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