• vom 11.01.2019, 13:32 Uhr

Natur

Update: 11.01.2019, 14:01 Uhr

Wiener Journal

Ein Sechseck am Firmament




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Von Christian Pinter

  • Der Winterhimmel wartet mit überaus hübschen Sternbildern auf.

Wintersternbilder am nördlichen Sternenhimmel - © Grafik Pinter mit Stellarium

Wintersternbilder am nördlichen Sternenhimmel © Grafik Pinter mit Stellarium

In langen, kalten Winternächten spenden uns helle Sterne Trost. Aldebaran, Pollux, Rigel, Capella, Sirius und Procyon formen ein weites Sechseck am Firmament. Es verbindet die Sternbilder Stier, Zwillinge, Orion und Fuhrmann miteinander; ebenso den Großen und den Kleinen Hund.

Beginnen wir die Entdeckungstour spät abends beim Orion. Er gilt vielen Naturfreunden als prächtigstes Sternbild überhaupt. Die Ägypter wähnten darin Osiris, den Gott des Jenseits und der Wiedergeburt. Die Griechen sahen in diesem Sternbild dagegen einen riesigen, recht ungestümen Jäger. Seine drei Gürtelsterne stehen in einer auffälligen, fast perfekten Reihe: Die zwei äußeren formen ihrerseits Trapeze mit den beiden Schulter- und Fußsternen der Orionfigur.

Die genannten Sterne sind selbst allesamt Riesen, wollen einander in puncto Leuchtkraft übertreffen. Um das Licht des heißen Überriesen Alnilam in der Gürtelmitte zu ersetzen, bräuchte es hunderttausend Exemplare unserer Sonne. In Wahrheit strahlt tatsächlich jeder Stern, den wir mit freiem Auge sehen, heller als die Sonne: Ihr Schein wäre schon in 70 Lichtjahren Abstand nur noch mit optischen Instrumenten nachzuweisen. Hingegen macht sich Alnilam selbst am aufgehellten Stadthimmel bemerkbar – trotz einer Distanz von 1500 Lichtjahren.

Das Auge als kosmisches Thermometer

Der Orion eignet sich vortrefflich, um die zarten Kolorierungen der Sterne miteinander zu vergleichen. Dabei mag ein Fernglas oder Fernrohr helfen. Man stellt das Gerät etwas unscharf, verwandelt die stellaren Lichtpunkte so in kleine Scheibchen.

Wenn immer das Auge Sternfarben registriert, wird es zum kosmischen Thermometer. Mutet uns ein Stern schlicht weiß an, ähnelt seine Oberflächentemperatur jener der Sonne (5500 Grad Celsius). Mischt sich ein Hauch von Blau ins Sternenweiß, muss sein Antlitz hingegen deutlich heißer sein. So ist das zum Beispiel auch beim Rigel, dem hellen Fußstern des Orion. Auf der Oberfläche dieses Blauen Riesen würde ein Thermometer 12.000 Grad Celsius messen.

Nehmen wir aber einen pastellartigen Gelb- oder gar Orangeton wahr, so ist das Stern-antlitz kühler als das unserer Sonne. Orions heller Schulterstern Beteigeuze belegt das. Er ist auf den knapp 1000-fachen Sonnendurchmesser angeschwollen. Dabei sank die Temperatur seiner einst sehr heißen Oberfläche auf 3200 Grad. Die Tage dieses Roten Riesen sind gezählt. Irgendwann wird Beteigeuze als Supernova explodieren und uns dann monatelang hell wie der Mond scheinen.

Wo Sonnen geboren werden

Himmelsfotografen wissen: Weite Teile des Orion sind von einer Riesenmolekülwolke durchzogen. In ihr werden neue Sonnen geboren. Unterhalb von Orions Gürtel sind einige dieser stellaren Kinder bereits hervorgetreten. Sie regen den umgebenden Wasserstoff mit ihrem starken UV-Licht zum Leuchten an. Abseits der Stadt ist dieser hellste Teil des Orionnebels schon mit unbewaffnetem Auge zu erahnen; ein Feldstecher offenbart seine Pracht.

Der leicht orangefarbige Stern Aldebaran – ebenfalls ein Roter Riese – bildet das blutunterlaufene Auge des himmlischen Stiers. Dieses Tierkreissternbild gemahnt an die Entführung der Europa. Der liebestolle Gott Zeus täuschte die phönizische Königstochter einst in Gestalt eines anmutigen weißen Stiers. Als sie sich arglos auf seinen Rücken schwang, tauchte er mit ihr ins Meer ein – und verschleppte Europa nach Kreta. Dort wurde sie so beliebt, dass man gleich den ganzen Kontinent nach ihr benannte.

Der himmlische Stier betört mit zwei Offenen Sternhaufen. An seinem Nacken schimmern die Plejaden. In der Antike sah man darin sieben Schwestern. Damit lagen die Alten gar nicht so falsch. Denn die Plejadensterne – es sind rund tausend – wurden vor etwa 100 Milionen Jahren in ein und derselben Molekülwolke geboren. Noch weilen sie eng beisammen. Die sechsmal älteren Hyaden wirken hingegen schon sehr aufgelockert. Diese v-förmige Sterngruppe schließt nur scheinbar an den Aldebaran an. Sie ist deutlich weiter entfernt.

"Schmuckkästchen" des Himmels

Offene Sternhaufen gelten als die "Schmuckkästchen" des Himmels. Um die drei distanzierten Haufen im Sternbild Fuhrmann zu studieren, braucht es ein Fernrohr. Der Fuhrmann soll Erichthonios darstellen, den mythischen König von Attika. Da er nicht gehen konnte, ersann er entweder das Rad oder wenigstens das Vierergespann. Begraben wurde Erichthonios auf der Athener Akropolis – und zwar an jener Stelle, an der sich der Tempel Erechtheion erhebt.

Hoch droben am Firmament leuchtet jetzt Capella (lat., "kleine Ziege"), der Hauptstern des Fuhrmanns. Capella repräsentiert jenes Tier, dessen Milch einst den jungen Zeus nährte. Der Säugling wurde zunächst nämlich im kretischen Idagebirge versteckt, da sein Vater alle Nachkommen verschlang. Das abgesägte Horn der Ziege wurde zum legendären Füllhorn, das fortan für Reichtum und Fruchtbarkeit stand.

Recht tief über dem Südhorizont wacht der Große Hund. An seinem Hals glänzt der aus irdischer Perspektive hellste aller Fixsterne, der Sirius. Zieht die Sonne durch die benachbarten Sternbilder, ertrinkt freilich auch dieser "Hundsstern" im Himmelsblau. Einige Wochen später taucht er frühmorgens wieder im Osten auf.

In altägyptischer Zeit fiel diese alljährliche Wiederkehr mit dem Einsetzen der eminent wichtigen Nilüberschwemmung zusammen. Daher brachten die Ägypter dem Sirius besondere Verehrung entgegen. Die Griechen machten den "Hundsstern" hingegen für die unerträgliche Sommerhitze verantwortlich, nannten den Hitzschlag "siriasis". Die Römer prägten den bis heute gebräuchlichen Begriff "Hundstage" für die Zeit der allergrößten Hitze – ebenfalls in Anspielung auf den Sirius.

Mit seiner doppelten Sonnenmasse leuchtet der Sirius in Wahrheit 25 mal kräftiger als unsere Sonne. Sein Licht schießt 8,6 Jahre unbeschadet durchs Vakuum des Weltraums. Doch in der letzten hunderttausendstel Sekunde wird es von der Erdatmosphäre entschleunigt. Es muss zahlreiche kleine Wirbel aus kühleren und wärmeren Luftmassen durchqueren. Die bremsen das Licht – je nach ihrer Temperatur – unterschiedlich stark: Brechungen entstehen. Es ist, als schöbe ein hochnervöser Optiker fortwährend Stapel schwacher Brillengläser zwischen uns und das All. Deshalb flimmern, blinken und funkeln die stellaren Lichtpunkte.

Beim hellen Sirius fällt das chaotische Wechselspiel besonders auf. Es prägt seinem Glanz in hektischer Folge rötliche, gelbliche, grünliche oder bläuliche Tönungen auf. Der Stern wird von einem Begleiter umkreist, der vor 125 Millionen Jahren ausbrannte und zum Weißen Zwerg verkam. Sirius wird dereinst das gleiche Schicksal erleiden. Noch aber überstrahlt er seinen kleinen Kompagnon ums 10.000-Fache. Daher sind Teleskope von mindestens 20 Zentimetern Öffnung nötig, um das ungleiche Paar zu trennen.

Tendenz zur Paarbildung

Noch schwerer fällt das beim Procyon, dem Hauptstern des Kleinen Hundes. Auch diese elf Lichtjahre entfernte Sonne kennt einen zwergenhaften Begleiter. Den Griechen galten Kleiner und Großer Hund übrigens als vierbeinige Jagdgefährten des Orion.

Einst nahm Zeus die Gestalt eines weißen Schwans an und verführte die Leda. Am selben Tag wurde sie auch noch von ihrem Gatten, dem König von Sparta, schwanger. So gebar sie Zwillinge: den unsterblichen Pollux und den sterblichen Castor. Als Castor im Kampf getötet wurde, wollte Pollux auf seine Unsterblichkeit verzichten und dem geliebten Bruder in die Unterwelt folgen. Das rührte Zeus. Die beiden durften zusammenbleiben und weilen seither einmal im Totenreich, dann aber wieder im Olymp. Das Tierkreissternbild Zwillinge erinnert an sie.

Die beiden ähnlich hellen Hauptsterne tragen die Namen der Brüder. Bei genauem Hinsehen glänzt Pollux, der Zeussohn, eine Spur kräftiger. Dafür entpuppt sich Castor schon im kleinen Fernrohr als hübscher Doppel- oder Dreifachstern. In Wirklichkeit kreisen hier sogar sechs Sterne jeweils paarweise umeinander. Im All herrscht generell eine Tendenz zur Paarbildung. Einzelkinder wie unsere eigene Sonne sind eher die Ausnahme – so wie bei den Menschen auch.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-11 13:35:25
Letzte Änderung am 2019-01-11 14:01:27


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