• vom 11.02.2019, 16:45 Uhr

Natur

Update: 11.02.2019, 16:56 Uhr

Gletscherforschung

Gletschervolumen überschätzt




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • Die weltweite Eismasse dürfte um rund 18 Prozent geringer sein als angenommen.

Eines der wichtigsten Süßwasserreservoirs liegt im Himalaja.

Eines der wichtigsten Süßwasserreservoirs liegt im Himalaja.© JFL Photography Eines der wichtigsten Süßwasserreservoirs liegt im Himalaja.© JFL Photography

Zürich/Innsbruck. Vor allem die Eismassen vieler asiatischer Gletscher wurden bisher deutlich überschätzt. Während diese sogar rund 27 Prozent weniger Masse haben könnten als zuvor gedacht, dürften die bisherigen weltweiten Schätzungen um rund 18 Prozent zu hoch gewesen sein, berichtet ein internationales Forscherteam im Fachblatt "Nature Geoscience". Seinen Berechnungen zufolge beherbergen die Gletscher der Welt - die Eisschilde Grönlands und der Antarktis ausgenommen - rund 158.000 Kubikkilometer.

Die Wissenschafter aus der Schweiz, Deutschland, Indien und Österreich kombinierten für die neue Studie Berechnungen aus fünf Gletschermodellen. In ihrer Studie berücksichtigten sie mehr als 215.000 Gletscher weltweit, abseits der großen Eisschilde Grönlands und in der Antarktis. Letztere verhalten sich anders als die deutlich kleineren Berggletscher, weshalb andere Modelle und Methoden zu deren Erforschung eingesetzt werden, erklärte Fabien Maussion vom Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften der Universität Innsbruck gegenüber der APA.


Schnellerer Eisverlust
Vor allem die bisher offenbar überschätzten Süßwasserreserven im vermeintlich ewigen Eis Asiens werfen ein neues Licht auf einige Annahmen über die zukünftige Entwicklung angesichts der Klimaerwärmung. Der Grund für diese Diskrepanz ist vor allem, dass die Berechnungen nun auf detaillierteren Satellitendaten beruhen, so der Glaziologe Daniel Farinotti von der ETH Zürich.

Mit etwa 75.000 Kubikkilometern befindet sich fast die Hälfte des weltweiten Gletschereises (exklusive der Eisschilde der Antarktis und Grönlands) in der Arktis. Eines der wichtigsten Eis- und damit Süßwasserreservoirs der Welt liegt überdies im Himalaja, auf dem Tibetischen Plateau und in den Gebirgen Zentralasiens. Die dortigen Gletscher speisen wichtige Flusssysteme, in deren Einzugsgebiet Hunderte Millionen Menschen leben. Die neuen Berechnungen ergaben in dieser Region ein gesamtes Volumen von rund 7.000 Kubikkilometern, was in etwa um ein Viertel unter dem zuvor angenommenen Wert liege. "Aufgrund dieser Neueinschätzung müssen wir davon ausgehen, dass die asiatischen Hochgebirge ihre Gletscher schneller verlieren können als bisher angenommen", so Farinotti.

Konkret bedeute dies, dass Asiens Gletscher möglicherweise schon in den 2060er- und nicht erst in den 2070er-Jahren ungefähr zu ihrer halben Größe zusammengeschrumpft sein könnten. Das wiederum hätte deutliche Auswirkungen auf die Wasserversorgung der vielen Menschen in der Region. Um 2090 rechnen die Wissenschafter nun damit, dass aus diesen Gletschern bis zu 24 Prozent weniger Schmelzwasser in die Flüsse gelangen wird.

Anstieg des Meeresspiegels
Insgesamt würde der Meeresspiegel um bis zu 32 Zentimeter ansteigen, wenn alle Berggletscher abschmelzen. Gebe es in den Alpen und Pyrenäen keine Gletscher mehr, ginge es um 0,3 Millimeter hinauf. Zum Vergleich: Schmilzt Grönlands Eisschild komplett, würden die Meere um rund sieben Meter ansteigen, wäre die Antarktis völlig eisfrei, wären es sogar um rund 60 Meter mehr. Momentan tragen die Berggletscher aber sehr viel zum Seespiegelanstieg bei, "weil sie schneller reagieren als die großen Eisschilde", sagte Maussion. Zwischen 1990 und 2010 stieg der Meeresspiegel aufgrund des Gebirgsgletscher-Schmelzwassers um ungefähr 1,5 Zentimeter.

Auch nach der neuen Untersuchung bleiben aber Fragezeichen, weil es bei zu vielen Gletschern kaum belastbare Eisdeckenmessungen gibt. Das gilt laut Maussion vor allem für die Gebiete Hochasiens. In einem nächsten Schritt wollen die Wissenschafter nun genauer auf die Verteilung des Gletschereisvolumens eingehen. Die Studie liefert nämlich auch Informationen über die Landschaft unter den Gletschern.




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-02-11 16:50:11
Letzte Änderung am 2019-02-11 16:56:09



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Sternenstrom "gleich ums Eck" entdeckt
  2. Adieu, Opportunity!
  3. Das blutige Desaster vom 12. Februar 1934
  4. Mehr Stress, weniger Gesang
  5. Orang-Utans sind planvolle Denker
Meistkommentiert
  1. Das blutige Desaster vom 12. Februar 1934
  2. Großmütter erhöhen die Chancen der Enkel nur für gewisse Zeit
  3. Frauengehirne bleiben länger jung
  4. Das digitale Kleinkind
  5. Frauen in Wissenschaft unterrepräsentiert

Werbung





Werbung