• vom 16.03.2012, 14:24 Uhr

Natur


Zoologie

Grauhörnchen ante portas




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Walter Schmidt

  • Europas Eichhörnchen droht Überlebenskampf gegen einen Eindringling aus Nordamerika
  • Biologen warnen vor einem der 100 gefährlichsten eingeschleppten Tiere.

Grauhörnchen übertragen einen tödlichen Parapox-Virus.

Grauhörnchen übertragen einen tödlichen Parapox-Virus.© © Don Johnston/All Canada Photos/Corbis Grauhörnchen übertragen einen tödlichen Parapox-Virus.© © Don Johnston/All Canada Photos/Corbis

Bonn. Die Konkurrenz schläft nicht, jedenfalls nicht tagelang, auch nicht in der kalten Jahreszeit. Anders als das Rote Eichhörnchen (Sciurus vulgaris) hält das Grauhörnchen (Sciurus carolinensis) keine Winterruhe und sucht auch dann, vorwiegend mittags, nach Knospen und Samen, am liebsten solchen von Buchen, Lärchen, Fichten und Birken.


Das wäre für das heimische Eichhörnchen auch kein Problem, wenn sein grauer Vetter noch immer im Osten Nordamerikas herumwuselte. Doch seit dem 19. Jahrhundert ist er in Großbritannien aktiv und hat dort - bis auf Nordengland und Schottland - das Eichhörnchen fast verdrängt. Und so könnte es auch für ganz Mitteleuropa kommen.

In Norditalien gibt es bereits viele Grauhörnchen, nachdem ein italienischer Diplomat 1948 ein Paar davon im Park seiner Villa aussetzte - wo die Tiere natürlich nicht blieben. "Sie verdrängen das bei uns heimische Rote Eichhörnchen in allen eroberten Gebieten", sagt der Biologe Piero Genovesi, Vorsitzender der Expertengruppe für Invasive Tierarten der Internationalen Naturschutz-Organisation IUCN, die das Grauhörnchen inzwischen auf der Liste der 100 weltweit schädlichsten unter den eingeschleppten oder eingewanderten Tierarten führt.

Obendrein schädigt das Grauhörnchen Baumrinden, was in Wirtschaftswäldern teuer werden kann. Zwar nagt auch das Rote Eichhörnchen bisweilen an Bäumen. "Doch das Graue ist viel größer und kann große Dichten je Hektar erreichen", sagt Genovesi. Durch das Aufreißen und Abknabbern der Rinde haben Baumpilze leichteres Spiel, können eindringen und für Stammfäulnis sorgen.

Vor allem aber wegen der Gefahr für das Eichhörnchen "sollte es stark kontrolliert werden", rät Genovesi - entweder durch Einfangen der Tiere oder, wie vielerorts in Großbritannien, durch Giftköder. Das freilich ärgert Tierschützer, die neben dem Einfangen das Auslegen fortpflanzungshemmender Stoffe bevorzugen, auch wenn dies teurer kommt.

Für das Eichhörnchen könnte der weitere Vorstoß des eifrigen Mitbewerbers ins nördliche Mitteleuropa das Ende bedeuten - zumindest ein Nischendasein. Der graue Cousin macht ihm die Nahrung streitig, ist dabei weniger wählerisch und findet im Winter viel besser versteckte Nüsse und andere Samen. Obendrein pflanzt er sich erfolgreicher fort. Schlimmer noch: Das Grauhörnchen überträgt den für seinen roten Verwandten tödlichen Erreger der sogenannten Eichhörnchen-Pocken, ist aber selber gegen dieses Parapox-Virus immun.

Vordringen über die Alpen
Für Menschen ist das Virus ungefährlich, sodass manche Briten erlegte Grauhörnchen unbesorgt verspeisen - längst gibt es Rezepte in Kochbüchern. Die seit jeher vogelbegeisterten Engländer sind auch darum alarmiert, weil Grauhörnchen ihren überwiegend vegetarischen Speiseplan bisweilen durch Vogeleier und Singvogel-Küken ergänzen. Die Eindringlinge besetzen auch Vogel-Bruthöhlen, und ihre bloße Anwesenheit kann den Waldkauz oder andere Vögel vom Brüten abhalten.

Momentan stehen die Grauhörnchen auf dem Sprung über die Alpen - erst in die Schweiz, dann nach Österreich. "Es breitet sich derzeit in der Lombardei aus, hat die Schweiz aber noch nicht erreicht", sagt Sandro Bertolino von der Universität Turin. Die Schweizer Behörden seien "sehr besorgt", weil ein Grauhörnchen-Bestand zwischen den Süd-Ästen des Comer Sees nur noch knapp von der Grenze bei Chiasso entfernt sei. "Da die Hörnchen sich entlang von Wäldern oder Baumreihen ausbreiten, gehen wir von einem noch zurückzulegenden Weg von 20 bis 25 Kilometern aus", merkt der Zoologe an.

Ein Projekt der Europäischen Union namens EC-Square zur Ausrottung und Kontrolle des Nagers soll durch Eingriffe in die norditalienischen Bestände die Gefahr mindern. "In diesem Jahr werden kleine Grauhörnchen-Populationen bekämpft oder zumindest soweit ausgedünnt, dass sie sich kontrollieren lassen und nicht weiter ausbreiten können", kündigt Bertolino an.

Kontrolleure müssen dabei genau hinschauen. Da auch manche Eichhörnchen bisweilen graues Fell tragen, sind Verwechslungen leicht möglich - so auch mit diversen Erdhörnchen, die aus Tiergärten ausgebüchst sind.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-03-16 14:29:08


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die versenkten Treibhausgase
  2. Gravitationswellen sind die Zukunft der Astronomie
  3. Wo sich der Fuchs zuhause fühlt
  4. Schritt Richtung Quanteninternet
  5. 66 eingeschleppte Arten gefährden Europas Artenvielfalt
Meistkommentiert
  1. Extreme Wetterereignisse nehmen zu
  2. Top-Forschungsland hat Sand im Getriebe
  3. Arktis wird immer wärmer
  4. Zähes Ringen ohne Erfolg
  5. Die versenkten Treibhausgase

Werbung





Werbung