• vom 10.04.2018, 14:40 Uhr

Natur

Update: 10.04.2018, 14:44 Uhr

Gewässer-Forscher

Zu viele Schmerzmittel verunreinigen Gewässer




  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (12)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ Online, APA, sda

  • Wirkstoffe kommen in großen Mengen in Gewässer und bedrohen Fische und andere Lebewesen.

Wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden, steige die Schmerzmittel-Belastung in den Gewässern bis 2050 um 65 Prozent. Dies gefährde sämtliche Gewässer-Organismen und alle Tiere, die sich von ihnen ernähren. - © APAweb/dpa, Lukas Barth

Wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden, steige die Schmerzmittel-Belastung in den Gewässern bis 2050 um 65 Prozent. Dies gefährde sämtliche Gewässer-Organismen und alle Tiere, die sich von ihnen ernähren. © APAweb/dpa, Lukas Barth

Wien. Es gelangen so viele Schmerzmittel in die Seen und Flüsse, dass Fische und andere Tiere immer stärker gefährdet werden, erklärten holländische Gewässerforscher bei einer Konferenz in Wien. Sie verfolgten, wie sich der Wirkstoff "Diclofenac" verteilt. Wenn seine Verwendung weiter zunimmt, steige auch die Umweltgefahr. Man sollte deshalb Pharmazeutika aus Abwässern filtern und vermindert einsetzen.

Diclofenac habe schon traurige Berühmtheit erlangt, als diese Substanz die Geier in Indien und Pakistan fast zum Aussterben gebracht hat, erklärte Francesco Bregoli von der UNESCO-Hochschule (IHE Institute for Water Education) in Delft (Niederlande) vor Journalisten bei der Generalversammlung der European Geosciences Union (EGU) in Wien. Der Wirkstoff wird bei Menschen für Patienten mit leichten bis mittleren Schmerzen und Entzündungen eingesetzt. In Österreich wird er sehr häufig verwendet. Er ist auch bei Veterinärmedizinern auf aller Welt beliebt. So bekamen die Kühe in Südostasien so viel davon, dass die Geier, die sich von ihren Kadavern ernährten, reihenweise das Zeitliche segneten. In Vögeln wirkt Diclofenac offensichtlich anders als in Säugetieren.

Eine akute Bedrohung für den Lebensraum

Auch für die Fische sei der Wirkstoff nicht ungefährlich, so Bregoli. Laut Studien gelangen bei Menschen 70 Prozent des Wirkstoffes über den Urin unverändert in die Umwelt. Wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden, steige die Schmerzmittel-Belastung in den Gewässern bis 2050 um 65 Prozent. Dies gefährde sämtliche Gewässer-Organismen und alle Tiere, die sich von ihnen ernähren.

Abgesehen von Diclofenac gelte dies auch für die anderen Medikamente. Deswegen solle man die Abwässer möglichst gut mit technischen Mitteln von Pharmazeutika befreien. Laut Modellberechnungen würden aber selbst die fortschrittlichsten Technologien bei steigendem Medikamentenkonsum nicht einmal ausreichen, um die Wirkstoffkonzentrationen in den Gewässern auf heutigem Niveau zu halten. Deshalb plädieren die Forscher, zu überdenken, ob die Menschen tatsächlich so große Mengen des Wirkstoffes schlucken, schmieren und spritzen müssen.

In einer weiteren Studie haben Forscher Verunreinigungen durch Abwässer in 10.000 Flüssen und ihren Zuläufen weltweit untersucht. Durch die Verstädterung nehmen sie rasant zu. Die Abwässer der Kommunen werden zwar jeweils gereinigt, dies geschieht aber in viel zu geringem Ausmaß, erklärte Maryna Strokal von der Wageningen Universität in den Niederlanden. Selbst in hoch entwickelten Ländern wie Österreich gäbe es hier noch einiges Potenzial nach oben.

 Amazonas-Grundwasser enthält zu viel Arsen und Mangan

Ist das Flusswasser zu schmutzig, bohren Dorfgemeinschaften am Amazonas oft nach Grundwasser, um die Bevölkerung zu versorgen. Die vermeintliche Lösung kann aber gefährlich sein, weil das Grundwasser zu viel Arsen, Aluminium und Mangan enthält. Dies zeigen Arbeiten der Geologin Caroline de Meyer von der Schweizer Forschungsanstalt Eawag, die sie am Dienstag bei einem Kongress in Wien präsentierte.

Sie hat zusammen mit ihrem Team sowie mit Forschern aus Peru und Brasilien erstmals systematisch Grundwasserproben entlang des Amazonas gesammelt und auf die wichtigen Spurenelemente untersucht. Die Spurenelemente werden unterirdisch aus den Flussablagerungen gelöst. Sie sind geogen und stammen nicht etwa aus Verschmutzungen durch die Industrie, wie de Meyer bei der Generalversammlung der European Geosciences Union (EGU) in Wien berichtete.

Ihre Resultate von über 250 Stellen haben die Forscher mit vorhandenen Daten zur Geologie, Flussmorphologie und Bodenbedeckung ergänzt und so ermittelt, wo die Werte von Arsen, Aluminium und Mangan problematisch sind. Mancherorts liegen die Höchstkonzentrationen von Aluminium etwa dreimal höher als die als unbedenklich geltenden Werte. Die Manganhöchstwerte liegen bei sechs Milligramm pro Liter, was die empfohlene Menge um das Fünfzehnfache übersteigt.

Allerdings sind die Anforderungswerte für Mangan und Aluminium umstritten. Studien empfehlen, dass vor allem Kinder kein Wasser mit mehr als 400 Mikrogramm Mangan pro Liter trinken sollten, da zu hohe Mangankonzentrationen die neurologische Entwicklung schädigen können.

Betroffene Dörfer oder Städte müssen mittelfristig wohl Alternativen zu ihren Brunnen suchen. Allerdings gebe es an vielen Orten kaum Bewusstsein für das Problem, so de Meyer. Immerhin enthält Wasser mit hohem Arsengehalt häufig auch viel Eisen.

Kommt dieses Wasser aus dem Untergrund an die Luft, oxidiert das Eisen und es erhält eine braunrote Farbe. "Darum lassen es die Leute zum Glück oft eine Zeit lang stehen", sagt de Meyer. Dann setzt sich das Eisen ab und - daran gebunden - auch ein Teil des Arsens. Mangan und Aluminium bleiben aber meist im Wasser. Für Arsen liegt der von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlene Grenzwert bei zehn Mikrogramm pro Liter.

Unklar ist bisher, wie viele Menschen in den strukturschwachen Regionen entlang des Amazonas betroffen sind. Zahlen seien erst für Peru ausgewertet und in der Fachzeitschrift "Science of the Total Environment" publiziert worden. Aber de Meyer warnt, wo Grundwasser gepumpt werde, dürfe die Arsen-, Aluminium- und Mangan-Kontamination des Wassers nicht unterschätzt werden. "Denn unsere Daten zeigen alle in dieselbe Richtung."





Schlagwörter

Gewässer-Forscher, EGU

3 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-10 14:42:52
Letzte Änderung am 2018-04-10 14:44:37


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Vater der "Marshmallow-Experimente" verstorben
  2. Kein Königreich für die Biologie
  3. Mikroplastik gelangt über Mücken in Vögel
  4. Singvögel bleiben auch bei voller Schüssel schlank
  5. Tauende Böden
Meistkommentiert
  1. Tauende Böden
  2. Tragödie am Genfersee
  3. Waldhüter und Korallengärtner
  4. Singvögel bleiben auch bei voller Schüssel schlank
  5. Rezept für eine grüne Wüste

Werbung





Werbung