• vom 20.06.2018, 20:00 Uhr

Natur


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Traditionelles Gezwitscher




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Von Alexandra Grass

  • Sumpfammern singen seit mehr als 1000 Jahren dieselben Lieder.



London/Durham/Wien. Seit mehr als 1000 Jahren singen die in Nordamerika beheimateten Sumpfammern dasselbe Lied. Schon den Wikingern dürfte ihr Gesang zu Ohren gekommen sein, der über Generationen weitergegeben wurde, wie ein internationales Wissenschafterteam um Robert Lachlan von der Queen Mary University in London nun im Fachblatt "Nature Communications" anhand von statistischen Analysen berichtet.

Für gewöhnlich werden dem Menschen einzigartige Traditionen zugeschrieben. Wir sind wesentlich bessere Nachahmungskünstler als andere Spezies. Unsere Gewohnheiten und Lebensart geben wir über viele Generationen weiter - ohne sie zu verlieren oder zu vergessen.


Doch eine neue Studie zeigt, dass auch Sumpfammern besonders gute Imitatoren sind. Die populärsten Lieder reproduzieren sie originalgetreu. Auf diese Art und Weise schufen sie eine altehrwürdige Tradition, die ebenso beständig sein könnte wie so manche menschlichen Riten, betonen die Forscher.

Jungvögel lernen schnell
Ihr melancholischer Gesang aus weichen Pfeiftönen ist in Sumpf- und Feuchtgebieten im östlichen und zentralen Nordamerika zu hören. Graubrüstig mit braunen Flügeln präsentiert sich die bis zu 14 Zentimeter große Sumpfammer. Mit ihrem speziellen Gesang lockt sie Partner an und verteidigt ihr Revier. Ihre Lieder sind aus Melodieformel mit zwei bis fünf Noten zusammengesetzt, die sich immer und immer wiederholen.

Seit Jahrzehnten beobachten Forscher die Vögel an verschiedenen Orten und verzeichneten nur geringfügig unterschiedliche Gesänge. Während New Yorks Bewohner eine Vorliebe für Sequenzen mit drei Noten zeigen, favorisieren ihre Pendants in Minnesota vier Noten oder kombinieren die Grundformel in unterschiedlicher Reihenfolge. Jungvögel lernen den musikalischen Brauch schon innerhalb der ersten Wochen ihres Lebens von den Erwachsenen.

Ähnliche kulturelle Traditionen wurden bei vielen Tierarten beobachtet. Doch bisher waren die Experten davon ausgegangen, dass nur menschliche Riten so lange halten. Für die Studie zeichneten die Forscher die Lieder von 615 männlichen Sumpfammern aus sechs Populationen von New York bis Wisconsin auf. Dabei identifizierten sie insgesamt 160 verschiedene Liedtypen im Computermodell. Mittels der Simulationstechnik Approximate Bayesian Computation (ABC), eine statistische Methode aus der Populationsgenetik, die auf Ähnlichkeitsmodellen beruht, war es den Forschern möglich, die kulturelle Evolution in Zahlen zu gießen. Jede Simulation repräsentierte die vergangenen 5000 Jahre.

Der populärste Song zählt
Mit den Berechnungen konnten die Forscher auch unterschiedliche Lernstrategien von Jungvögeln vergleichen und fanden heraus, dass diese nicht wahllos irgendein gehörtes Lied herauspicken, um dieses nachzusingen. Sondern sie lauschen in die Menge und ahmen den populärsten Song besonders häufig nach. Dies könne den Forschern zufolge kein Zufall sein. Einzigartige Lieder oder solche, die sich gegen den Mainstream richten, würden nämlich nicht einmal mit einem Piep gewürdigt.

Sumpfammern erlernen ihre Lieder mit einer Genauigkeit von 98 Prozent. Das scheint einen evolutionären Vorteil zu haben, so die Forscher. Schon vorherige Studien hatten gezeigt, dass Weibchen mehr auf typische Melodien ansprechen als auf ausgefallene.

Die Gesänge sind demnach keine vergänglichen Trends und kommen auch nicht aus der Mode. Sie werden über Generationen weitergegeben und so gibt es viele Songs, die mindestens seit mehr als 500 Jahren die Sümpfe und Feuchtgebiete des amerikanischen Nordens zum Erklingen bringen.

Vogelgesänge sind auch für die Klimaforschung von Bedeutung. Wissenschafter der Columbia University beobachten anhand von Tonaufnahmen, wann die Tiere in ihren Brutgebieten ankommen. Die Veränderung der Ankunftszeit gibt Auskunft über klimatische Veränderungen und zeigt die sich wandelnde Biodiversität in einer Region auf.




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Dokument erstellt am 2018-06-20 16:31:31


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