• vom 11.07.2018, 16:25 Uhr

Natur

Update: 11.07.2018, 18:49 Uhr

Ökologie

Böse Tiere




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Von Edwin Baumgartner

  • Wölfe und Haie sind wieder in den Schlagzeilen - die Angst vor großen Raubtieren ist dennoch unberechtigt.

Für Viele das personifizierte Böse: der Weiße Hai. - © Olga Ernst - CC 4.0

Für Viele das personifizierte Böse: der Weiße Hai. © Olga Ernst - CC 4.0

Huh, der Wolf hat zugebissen! Zwar hat er sich nur ein Schaf einverleibt, was seit biblischen Zeiten seine bevorzugte Kost sein dürfte, aber es hätt’ ja auch ein Mensch sein können. Und dann die Hai-Invasion vor Mallorca - einen Weißen Hai hat man gesehen, hochgerechnet auf die mediale Sommerflaute läuft im Meer vor der Insel mindestens siebenhundertdreiundzwanzig von diesen Menschenfressern das Wasser
im Mund zusammen beim Anblick all der Urlauber. Hoffentlich holen sich die Tiere keine Alkoholvergiftung, wenn sie sich an einem Ballermannpartytrinker laben. Was im laufenden Jahr noch fehlt in der Liste der tierischen Menschenfresser, wäre ein Bär. Und ein Krokodil in der Neuen Donau, eventuell der Lindwurm im Wörthersee. Warum soll denn nur Loch Ness sein Ungeheuer haben? - Gleiches Recht auf Scheusale für
alle. Nein, das Herunterspielen der Angst gilt nicht! Angst ist Angst, und Angst ist immer ernst zu nehmen. Auch hier. Aber wie bei allen Ängsten sollte die erste Frage sein, woher sie kommen.

Die ererbte Angst vor den großen Raubtieren

Die Angst vor großen Raubtieren hat der Mensch aus Urzeiten ererbt. Sie resultiert aus dem plötzlichen Umkippen der Nahrungskette. Der Mensch definiert sich als Krone der Schöpfung, was bedeutet, dass er an der Spitze der Nahrungskette steht: Der Mensch bestimmt, welches Tier er zwecks Nahrungsaufnahme oder, je näher wir der Gegenwart kommen, zum Freizeitvergnügen tötet. Allerdings ist der Mensch für solche Begegnungen vorbereitet, er verfügt unter diesen Umständen über die entsprechenden Utensilien, ob das nun seinerzeit Keulen, Speere, Pfeil und Bogen waren, oder, in neueren Zeiten, Schusswaffen und andere Tötungsapparate.

Begegnet der Mensch indessen unvorbereitet einem großen Raubtier, steht die Nahrungskette Kopf. Mensch gegen Wolf, Mensch gegen Bär, Mensch gegen Hai - da spielt es keine Rolle, ob in diesen Fällen Wolf, Bär oder Hai tatsächlich angreifen, es genügt, dass sie angreifen könnten und der Mensch unter diesen Umständen dem Angriff nichts entgegenzusetzen hätte.

Dass es sich um eine aus früher Menschheitsgeschichte geprägte Angst handelt, erkennt man schon daran, dass kaum jemand die gefährlichsten, seinerzeit aber unbekannten Lebewesen fürchtet, nämlich Bakterien. (Die ebenso gefährlichen Viren besitzen keinen Stoffwechsel und fallen daher nicht unter die Definition "Lebewesen".)

Die erzählerische und darstellende Tradition hat die Angst vor den großen Raubtieren weiter genährt. Obwohl es bis heute kaum nachgewiesene tödliche Angriffe von Wölfen auf Menschen gibt, trägt der Wolf im Märchen die Züge des menschenfressenden Monsters. Die vom Linnell-Report des Norwegischen Instituts für Naturforschung im Jahr 2002 veröffentlichten Fakten weisen für die Zeit von 1950 bis 2000 für Europa gerade einmal 59 Wolfsangriffe auf Menschen nach, für 38 davon waren tollwütige, also gleichsam wahnsinnige Tiere verantwortlich. Von den 21 Attacken gesunder Wölfe endeten 4 tödlich. Zum Vergleich: Allein in Deutschland kommt es jedes Jahr zu 30.000 bis 50.000 Beißattacken von Haushunden, von denen bis zu sechs tödlich verlaufen.




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Schlagwörter

Ökologie, Wolf, Hai

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-11 16:32:00
Letzte Änderung am 2018-07-11 18:49:22


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