• vom 20.09.2018, 20:00 Uhr

Natur


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Cholesterin lüftet Geheimnis




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  • Forscher identifizierten eines der ältesten Tiere aufgrund von Fettanalysen.

Das Dickinsonia-Fossil vom Weißen Meer verblüfft Forscher.

Das Dickinsonia-Fossil vom Weißen Meer verblüfft Forscher.© Australia National University/Bobrovskiy Das Dickinsonia-Fossil vom Weißen Meer verblüfft Forscher.© Australia National University/Bobrovskiy

Bremen/Canberra/Wien. (gral) Flechten, Algen oder Pilze? Bis dato waren Forscher davon ausgegangen, dass die seltsame Kreatur Dickinsonia, die vor rund 570 Millionen Jahren den Meeresboden bewohnte, einer jener Gattungen angehört. Doch handelt es sich bei dem bis zu 1,40 Meter großen Organismus um eines der ältesten Tiere überhaupt, wie ein Team um den Biogeochemiker Ilya Bobrovskiy von der Australian National University in Canberra nun herausgefunden hat. Anhand von Fettanalysen waren die Forscher dem Geheimnis auf die Sprünge gekommen, wie sie im Fachblatt "Science" berichten.

Ein seltener Glücksfall spielte den Wissenschaftern bei der Klärung der Frage in die Hände: Sie konnten am Weißen Meer in Russland Fossilien von 558 Millionen Jahren alten Dickinsonia sammeln, die noch Reste von organischem Material enthielten. "Das ist das erste Mal, dass so etwas in einem so alten Fossil gefunden wurde", erklärt Mitautor Benjamin Nettersheim vom Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena und der Universität Bremen. Den dünnen Biofilm analysierten Bobrovskiy und seine Kollegen im Labor. Darin entdeckten sie fossile Fettmoleküle - und zwar Cholesterin, das typisch für höhere Tierarten und Menschen ist. Damit war klar: Dickinsonia sind keine Pilze, keine Pflanzen, Flechten oder Algen.


Stabilisator von Zellen
Cholesterin bringen viele Menschen vor allem mit Herz-Kreislauf-Leiden in Zusammenhang. Zuviel davon kann zu Gefäßverkalkungen führen. Doch übernehmen die Lipide im Organismus auch eine Reihe lebenswichtiger Aufgaben. Cholesterin ist ein notwendiger Bauteil von Körperzellen. Er hält deren Wände stabil. Und diese Funktion übernimmt es in allen Tieren vom Regenwurm bis zum Menschen. Nach dem Tod eines Lebewesens werden Fette zwar verändert, ihre Grundstruktur oder größere Teile davon bleiben aber erhalten. Pilze, Pflanzen, Flechten oder Algen hätten hingegen im Vergleich dazu eine ganz andere Lipidsignatur, erklärt Mitautor Christian Hallmann.

Die Forscher konnten ebenso ausschließen, dass es sich bei dem Ur-Wesen um einen gigantischen Einzeller handelt, wie ebenso von einigen Kollegen lange angenommen wurde. Die Wissenschafter extrahierten nämlich Lipide von mehreren Exemplaren, die noch heute in der Tiefsee der Antarktis oder im Mittelmeer leben. Im Labor simulierten sie die geologischen Veränderungen, denen die Fettmoleküle über Jahrmillionen ausgesetzt gewesen wären. Und auch hier ergab sich eine andere Zusammensetzung der Fette.

Fundstelle einzigartig
Doch wie konnte das Cholesterin in den Dickinsonia-Fossilien überhaupt so lange erhalten bleiben? Generell könnten Fette recht lange überdauern, erklärt der Ornithologe Gerald Mayr vom Senckenberg Forschungszentrum für Naturkunde in Frankfurt am Main. Er hatte im vergangenen Jahr mit einem Vogelfossil für eine kleine wissenschaftliche Sensation gesorgt: In ihm konnte 48 Millionen Jahre altes Fett nachgewiesen werden. Die Studie zu den 558 Millionen Jahre altem Fett lag Mayr damals nicht vor. Er bezeichnete die Entdeckung wegen des hohen Alters nun als sehr erstaunlich.

Das bestätigt auch der Bremer Experte Hallmann. "Die Fundstelle ist ziemlich einzigartig." Normalerweise fressen Mikroorganismen einen Großteil des organischen Materials eines toten Tieres auf. Die Überreste werden mit der Zeit von immer mehr Sedimentschichten überlagert, sodass diese steigenden Temperaturen und hohem Druck ausgesetzt sind. "Das zerstört oft die Fettmoleküle", erläutert Hallmann. Wieso das bei den Fossilien vom Weißen Meer nicht geschehen ist, können die Experten nicht sagen.




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Dokument erstellt am 2018-09-20 16:54:16


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