• vom 02.11.2018, 16:54 Uhr

Natur


Klimawandel

Trockener Herbst stresst Pflanzen




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Von Eva Stanzl

  • In diesem goldenen Herbst sprießen sogar Kastanienblüten - der Wald würde Regen brauchen.


© Dan Race/stock.adobe.com © Dan Race/stock.adobe.com

Wien. Jede Menge Sonnenschein und für die Jahreszeit sehr warme Temperaturen: Auch kommende Woche darf Österreich mit goldenen Herbsttagen rechnen. Laut den Zwei-Wochen-Prognose reicht die Milde sogar bis Mitte November. Frostige Nächte gab es in diesem Vorwinter, der vielmehr ein Nachsommer ist, noch nicht. Mit Ausnahme der extremen Niederschläge in Kärnten vergangene Woche regnete es kaum.

Das schöne Wetter bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Welt der Pflanzen. Die Wälder tragen immer noch ihr Kleid. Erst allmählich verfärben sich die Blätter von Grün auf Gelb. "Normalerweise sind die Bäume zu Allerseelen schon kahl. Im heurigen Herbst sprießen aber sogar manche Kastanienblüten", berichtet Norbert Putzgruber, Leiter der Abteilung Waldbau der Österreichischen Bundesforste. Aus dem Bezirk Wiener Neustadt erfuhr die "Wiener Zeitung" dieser Tage sogar von blühenden Sonnenblumenfeldern. Vereinzelt schlagen so wie im Frühling die Bäume aus. Bringt nach dem langen, heißen Sommer ein ähnlich langer, milder Herbst nun endgültig Verwirrung in die Pflanzenzyklen? Zum Teil ist das der Fall, sagen Experten.


Halbleere Wasserspeicher
"Normalerweise wäre es kühler, daher kommt die Natur derzeit ein bisschen durcheinander. Das kann aber immer wieder passieren und ich würde es noch nicht als dramatisch ansehen. Zum Problem kann es allerdings dann werden, wenn es anhaltend nicht regnet", erläutert Putzgruber.

Im Herbst und Winter füllen sich die Wasserspeicher im Boden. "Wenn zuerst der Regen und dann der Schnee ausbleiben, steht den Pflanzen im Frühjahr beim Austrieb zu wenig Wasser zur Verfügung", sagt der Forstwirt. Gebiete nördlich der Alpen und insbesondere das niederösterreichische Wald- und das oberösterreichische Mühlviertel würden unter derartigen Niederschlagsdefiziten leiden.

Zum Hintergrund: Im Herbst, wenn die Bäume kahl sind, können die Regentropfen bis zum Boden fallen und einsickern. In den Tiefen sammelt sich ein Wasserspeicher an, der im Winter mit dem Boden einfriert. In dieser Zeit schränken die Bäume ihren Wasserverbrauch ein. Kahle Laubbäume können nicht transpirieren. Tannen und Kiefern überziehen ihre immergrünen Nadeln mit einer Wachsschicht, damit sie das zur Verfügung stehende Wasser möglichst bei sich behalten. Im Frühling, wenn es wieder warm wird, gehen die Bäume in den Saft. Das heißt, sie ziehen Wasser aus den unterirdischen Reserven. Wenn die Speicher in der Vegetationsperiode jedoch nicht gefüllt wurden und keine Schneeschmelze da ist, um nachzuhelfen, können selbst Tiefwurzler verdursten.

"Besonders nach dem trockenen Sommer wäre es wichtig, dass es heuer im Winter ausreichend regnet und schneit. Auch Kälte wäre nützlich, damit Schädlinge absterben, denn das sind unsere Bäume so gewohnt", betont Putzgruber.

Der Sommer 2018 war der viertwärmste der Messgeschichte. Heimische Landwirte verzeichneten Dürreschäden von bis zu 300 Millionen Euro. Doch nicht nur er, sondern auch der warme Herbst ist ein Eldorado für den Borkenkäfer. In manchen Teilen Österreichs würde bereits die vierte Generation fliegen, berichten die "Land&Forst Betriebe". Die kleinen Insekten bevorzugen Fichten, die Hauptbaumart in Österreich, und ein warmes, trockenes Klima. Der Nordosten ist vom Borkenkäfer-Befall besonders betroffen.

Auch die Miniermotte, die sich durch die Blätter frisst, liebt es warm. Und zugewanderte Arten, wie etwa der Buchsbaumzünsler, sind auf dem Siegenszug nach Norden. Zu ihnen gesellen sich neue Pflanzen: Schnell wachsende Bäume, wie die Rubinie oder der nach Popcorn riechende Götterbaum, bauen die Flora um - heimische Bäume können sich gegen die Invasion nicht wehren.

"Hitze, Trockenheit und Schädlingsbefall nehmen neue Dimensionen an. Wenn es nur ein Jahr so trocken ist wie heuer, erholen sich feuchtigkeitsliebende Bäume wieder. Man sieht ihnen den Stress zwar an, aber im nächsten normalen Jahr ist es wieder besser", sagt Christian Berg vom Wegener Center für Klima und Globalen Wandel der Universität Graz: "Schlimm wäre es aber, wenn das Wetter durch den Klimawandel so bleibt."

Dann käme irgendwann der Punkt, an dem ein goldener Herbst in einem alpinen Land wie Österreich nicht nur Freude, sondern auch Sorge auslöst.




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Dokument erstellt am 2018-11-02 17:04:08


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