• vom 22.06.2018, 16:49 Uhr

Technologie

Update: 22.06.2018, 17:12 Uhr

Mathematik

"Künstliche Intelligenz, ein komisches Ding"




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Von Eva Stanzl

  • In der Schule lernen Kinder nur Rezepte für Mathematik, aber nicht, wie sie funktioniert, sagt Martin Hairer, der mit der Fields-Medaille den "Nobelpreis" für Mathematik erhielt. Angst vor künstlicher Intelligenz hat er nicht.

Martin Hairer war auf Einladung der Akademie der Wissenschaften und des IST Austria in Wien.

Martin Hairer war auf Einladung der Akademie der Wissenschaften und des IST Austria in Wien.© apa/U. of Warwick Martin Hairer war auf Einladung der Akademie der Wissenschaften und des IST Austria in Wien.© apa/U. of Warwick

"Wiener Zeitung": Die mathematische Forschung bewegt sich zumeist auf einem so hohen Abstraktionsniveau, dass sie sich Nicht-Experten weder in Tragweite noch Inhalt erschließen. Im Fall Ihrer Studien scheint das anders zu sein. Eine mathematische Formel, wie viele kleine Entscheidungen letztlich in einer massiven Veränderung münden, könnte Anleger an der Börse hoffen lassen, die künftige Kursentwicklung nicht erraten zu müssen, sondern sie berechnen zu können. Machen Sie tausende Fondsmanager arbeitslos und sind Sie bald der reichste Mann der Welt?

Martin Hairer: (lacht) Davon gehe ich nicht aus. Mit Börse-Spekulation hat meine Forschung nichts zu tun. Ich benutze zwar ähnliche mathematische Objekte wie die Banken bei Börse-Modellen, jedoch sind Börse-relevante Rechnungen die einfachste Form davon. Die Finanzmathematik kann keine Kursverläufe vorhersagen, sondern nur Wahrscheinlichkeiten berechnen, was bei bestimmten Einflussfaktoren eintreten könnte. Insgesamt hat die Börse eher mit Psychologie zu tun als mit Mathematik.


Was darf man sich unter Ihrem Fachgebiet stochastische partielle Differenzialgleichungen vorstellen?

Diese Gleichungen beschreiben Systeme, die von Raum und Zeit abhängen und bei denen der Zufall eine Rolle spielt. Wenn ich den Luftzug im Raum modellieren will und etwas erzeugt zufällig eine Strömung, könnte ich diesen Faktor berechnen. Stochastisch bedeutet zufällig, jedoch können wir seinen Ausgang nicht berechnen. Außerdem ist das Problem, dass die Lösungen schwanken können, sodass ihre Bedeutung nicht klar ist. Meine Erfindung ist eine Regularitätsprinzip genannte Systematik, mit der sich die Bedeutung der Gleichung erkennen lässt.

Was ist für Sie das Schönste an Mathematik?

Wenn eine mathematische Aussage bewiesen ist, bleibt sie für alle Ewigkeit wahr. Die Mathematik der alten Griechen oder jene des 19. Jahrhunderts stimmt immer noch. Nicht alles ist heute relevant, aber es bleibt richtig.

Wann entflammte diese Liebe?

Ich studierte Physik und fühlte mich zur theoretischen Physik hingezogen. Jedoch hatte ich den Eindruck, dass die Argumente nur mehr oder weniger plausibel sind. In der Mathematik fand ich zweifelsfreie Beweise.

Warum haben viele Schülerinnen und Schüler Probleme mit Mathe? Sehen sie die Schönheit nicht?

Es wird versucht, Schülern beizubringen, wie etwas funktioniert, aber nicht, warum es funktioniert. Sie lernen 20 Muster-Probleme und jedes Rechenbeispiel ist eine Variation davon. Daraus entsteht der Eindruck, dass Mathematik aus Rezepten besteht, die man auswendig lernen muss, um sie dann auf Muster-Probleme anzuwenden. Aber die Zusammenhänge sehen viele Schüler nicht, weil ihnen niemand sagt, worum es wirklich geht und wofür es anzuwenden ist. Idealerweise sollte man Schülern vermitteln, Teile der mathematischen Welt für sich zu entdecken.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-22 16:55:33
Letzte Änderung am 2018-06-22 17:12:07


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