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Update: 11.01.2019, 12:36 Uhr

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Von Bernhard Baumgartner

  • Twitter und seine erfolgreiche Erosion der Debattenkultur bekommen Gegenwind. Immer mehr Nutzer danken ab.

- © Stevanovic Igor/Bits and Splits/stock.adobe.com

© Stevanovic Igor/Bits and Splits/stock.adobe.com

Wien. Er wolle sich am liebsten "in den Hintern beißen", ließ der Chef der deutschen Grünen, Robert Habeck, wissen. Nach einem epischen Shitstorm, weil er dem Land Thüringen in einem Twitter-Video mehr oder weniger absichtlich den Status einer Demokratie abgesprochen hatte, ließ der abseits des Online-Bereichs erfolgreiche Politiker wissen: Es reicht. Er werde sowohl seinen Facebook- als auch seinen Twitter-Account stilllegen. Lediglich Instagram will er behalten. Vor allem Twitter hat sich für ihn "zu einem Instrument der Spaltung entwickelt". Ein Dialog sei in dem Kurznachrichtendienst nicht mehr möglich: "Das ist doch ein Mythos."

Habeck erntete Anfang der Woche Spott und Hohn für seinen Schritt. Tenor: Wer zu blöd zum Twittern ist, soll nicht das Medium für seinen eigenen Fehler verantwortlich machen. Aber auch Verständnis und Lob gab es für den Schritt. Denn Habeck ist nicht alleine, vielmehr gibt es schon seit längerem den Trend (auch beliebter Accounts), sich vom kränkelnden Facebook, aber auch von Twitter zu verabschieden.

Die Zahlen sprechen für die Zweifler. Die Zeiten des Wachstums sind bei Twitter schon länger vorbei. Während die Aktienkurse aller Sozialen Medien im zweiten Halbjahr 2018 abstürzten, sinkt die Anzahl der aktiven Nutzer bei Twitter seit vier Quartalen in Folge - leicht, aber stetig. Für die Börsen schrillen da in einer Branche, in der stetiges Wachstum Pflicht ist, alle Alarmglocken. Von rund fünf Millionen Twitter-Accounts in Deutschland sind Statistiken zufolge nur mehr 1,8 Millionen wöchentlich aktiv, davon nur 600.000 täglich - weit weniger als ein Prozent der Gesamtbevölkerung. In Österreich ist die Lage ähnlich. Etwa 150.000 heimische Accounts gibt es, davon sind Schätzungen zufolge nur wenige Tausend täglich aktiv.

Das Empörium schlägt zurück

Das ist demografisch gesprochen freilich eine so gut wie irrelevante Größe. Die Twitter-Sphäre ist zahlenmäßig eine kleine Gruppe von immer denselben Accounts, die sich gegenseitig hochschaukeln und sich dabei ihrer wechselseitigen Unersetzbarkeit versichern. Wären die aktiven Twitter-User eine politische Partei, sie wäre so klein, dass sie in keinem einzigen demokratischen Gremium vertreten wäre.

Das ist freilich nur die eine Seite der Wahrheit, denn auf Twitter, dem Medium der Elite, ist eine hohe Dichte an Multiplikatoren zu finden. Es muss vermutet werden, dass die Prozesse der Meinungsbildung in dieser Schicht auch eine Ausstrahlung auf den Rest der Bevölkerung haben. Überschätzen sollte man das gerade in Zeiten einer gewissen gefühlten Abkopplung der Elite vom Rest der Bevölkerung wohl nicht.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-10 16:29:26
Letzte Änderung am 2019-01-11 12:36:57


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