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Update: 08.02.2019, 11:22 Uhr

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Mit Facebook im Bett




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Von Christa Hager

  • Der englische Medienwissenschafter Marcus Gilroy-Ware im Interview über den Reiz von Sozialen Medien.

- © WZ-Collage: Irma Tulek; Quelle: adobe stock

© WZ-Collage: Irma Tulek; Quelle: adobe stock

Es ist wohl kaum Zufall, dass Marc Zuckerberg nicht nur Informatik, sondern auch Psychologie studiert hat. Denn es sind grundlegende psychologische Mechanismen, die weltweit Milliarden Menschen dazu bringen, ihre Zeit den Sozialen Plattformen zu schenken. Selbst beim Sex. So gaben in einer 2016 durchgeführten Studie ein Zehntel der Befragten an, währenddessen auf das Smartphone zu schauen.

Der praktische Nutzen, der den Sozialen Netzwerken nachgesagt wird, spielt jedoch eine untergeordnete Rolle, betont der englische Medienwissenschafter Marcus Gilroy-Ware in seinem Buch "Filling the Void".  Im Interview mit der "Wiener Zeitung" erklärt er, warum Menschen ihre Zeit mit Sozialen Netzwerken vergeuden und inwieweit Facebook die Kommerzialisierung von Freundschaften vorantreibt.

Information

Marcus Gilroy-Ware, Filling the Void: Emotion, Capitalism & Social Media" (Repeater Books, 2017).

*****

"Wiener Zeitung": Soziale Netzwerke machen unglücklich, schlaflos und nervös, sagen Studien. Warum benutzen so viele Menschen diese dann?

Marcus Gilroy-Ware: Es gibt in der Tat sehr viele Studien, die zeigen, dass es zwischen den von Ihnen erwähnten Problemen und der Verwendung sozialer Medien positive Korrelationen gibt. Jedoch zeigen nur sehr wenige Studien diesbezüglich auch eine eindeutige Kausalität. Darum ist es wichtig, dass man diese positive Korrelation anstatt eines einfachen "Soziale Medien sind schlecht" mit einer gleichzeitigen Kausalität in beide Richtungen – also mit einem zirkulären Prozess oder einer "Feedback-Schleife" – erklärt.

Können Sie das genauer erklären?

Soziale Medien sind höchstwahrscheinlich schlecht für unser emotionales Wohlbefinden, genauso wie Schokolade schlecht sein kann, wenn man zu viel davon isst. Und genauso wie bei Schokolade oder anderen Köstlichkeiten erhöhen wir den Konsum, wenn wir unter Stress stehen. Bei Depressionen zum Beispiel können soziale Medien eine Depression noch verstärken; es gibt Studien, die dies belegen. Aber Depressionen führen wahrscheinlich wiederum auch zu einem kompensatorischen Medienkonsum. Dasselbe Muster gilt auch bei weniger schwerwiegenden Formen psychischer Beschwerden.Dass dieses Muster kommerziell ausgenutzt wird, ist bei genauer Betrachtung jedenfalls ziemlich grausam.

Was wird kompensiert, wenn man auf Facebook oder YouTube schaut?

Dies ist eine große Frage. Die kurze Antwort lautet: Die Menschen flüchten vor genau diesem emotionalen Stress, vor dem Unbehagen. Mich interessierte vor allem der gesellschaftliche und strukturelle Charakter von psychischen Störungen, insbesondere in der angloamerikanischen Welt. Wie der Psychologe Oliver James in seinem Buch "Selfish Capitalism" dokumentiert hat, sind diese Probleme hier erheblich größer als in Kontinentaleuropa. In Großbritannien zählen Depressionen ja zu den medizinisch am häufigsten behandelten Erkrankungen. Die Informationen für  Österreich sind begrenzt.

Wie ich in meinem Buch gezeigt habe, sorgen die Lebenserfahrungen im Spätkapitalismus mit den Überwachungskameras, dem Junk-Food, der Austerität oder den langen Arbeitszeiten für eine Malaise im Hintergrund - so als wüsste ohnehin fast ein jeder, dass etwas falsch ist, aber nur wenige können genau erkennen oder ausdrücken, was es ist.

Was genau kann man sich unter dieser Malaise im Hintergrund vorstellen?

Dieses Gefühl setzt sich aus verschiedenen Farben zusammen, die sich zu einem undefinierbaren und eher dystopischen bräunlichen Farbton vermischen – durch die extreme Unsicherheit über die Zukunft, durch die kulturelle Stagnation, in der die Vergangenheit wiederholt durchgespielt wird und es keine neuen Ideen und Bewegungen gibt, durch die Prekarisierung selbst für mittelständische Berufe wie Akademiker und Rechtsanwälte, sowie den Rückgang gesellschaftlicher Strukturen wie Zugehörigkeit und Solidarität. Wir sind zu "Individuen gegen die Welt" geworden.

Solange es Menschen gibt, die verzweifelt versuchen, ihre Leere mit etwas "zu füllen", wird der Kapitalismus auch weiterhin Ersatz und Nicht-Lösungen gewinnbringend verkaufen können, auch wenn uns diese Produkte bei übermäßigem Konsum krank machen oder gar umbringen können.

Warum können so viele Menschen nicht mit Sozialen Netzwerken aufhören, wenn sie nicht guttun?

Eine der vielen für User wie Unternehmen wichtigsten Features von Facebook ist der News Feed. Ähnliche Features gibt es nahezu auf jeder anderen Plattform, wie die Timeline auf Twitter, das Konto auf Instagram oder die Empfehlungen auf YouTube: Sie alle bieten eine fast unbegrenzte Anzahl von algorithmisch zugeschnittenen Inhalten, die der Benutzer durchforsten kann.

Diese "Timelines" haben vier wesentliche Merkmale. Diese machen zwar nicht "süchtig", sind aber äußerst ansprechend und nur schwer zu widerstehen, da sie ständige emotionale Stimulation bewirken. So sind Neuigkeiten ein wichtiger Bestandteil dieser emotionalen und affektiven Erfahrung von "Timelines". Denn Dopamin, das von den belohnungssuchenden Bahnen des Gehirns angetrieben wird, liebt Neuigkeiten! Variationen sind ebenso wichtig, denn wenn die Inhalte unvorhersehbar und abwechslungsreich sind, besteht ein noch größerer Anreiz. Außerdem kommen die meisten Inhalte aus bekannten Quellen, von den Freunden und Bekannten, womit ich noch den Faktor "vertrauenswürdig" dabei habe. Abwechslungsreiche Inhalte aus bekannten Quellen sind darüber hinaus viel verlockender, da man sich nicht zurückhalten braucht.

Interessanterweise hat das auch langfristige Konsequenzen: So hat eine Studie 2015 herausgefunden dass je größer die Proportion von Unbekannten ist, denen man auf Instagram folgt, die Wahrscheinlichkeit von Depression umso größer ist.

Weshalb ignorieren die meisten Menschen den Handel mit ihren Daten?

Wer protestiert oder beschwert sich schon über etwas, das er umsonst bekommt? Diese Timelines liefern Daten in Form von Reaktionen - Likes, Klicks, Retweets, Speichervorgänge, Kommentare oder Emojis. Auch wenn wir uns ein Video ansehen wird gespeichert, wie lange wir schauen. Als Facebook die neuen Emojis hinzufügte, hieß es, dies sei auf Nachfrage der Nutzer geschehen. Tatsache ist: Sie sind zur Datenerfassung für Werbekunden da. Sozialen Plattformen und Medien wie YouTube oder Netflix aus reiner Gewohnheit oder zur Kompensation konsumiert werden. So lange die Benutzer keinen Anreiz haben, ihr Verhalten zu ändern, bleiben sie innerhalb dieser Muster.

Kapitalismus funktioniert am besten, wenn niemand die Bedingungen des Tausches infrage stellt. Der beste Weg hierfür ist, zumindest aus der Sicht des Kapitals, diesen Austauschprozess zu verschleiern. "Loggen Sie sich ein, erhalten Sie Medien und zahlen Sie nichts": So soll sich der gesamte Prozess der Nutzung von Facebook-, Twitter- und Google-Services anfühlen. Als ob der Konsum sämtlicher Inhalte auf der Social-Media-App oder Website "etwas für nichts" wäre. Doch die meisten Menschen haben nicht einmal die leiseste Ahnung davon, wie viel Traffic Facebook überhaupt erzeugt: 25% des gesamten Internetverkehrs kommt ausschließlich von Facebook, 32% von den Sozialen Medien insgesamt (LINK)!

Viele Menschen löschen ihre Accounts, kommen aber später wieder zurück. Wie erklären Sie dieses Phänomen?

Marcus Gilroy-Ware (geb. 1983) ist Medientheoretiker, er unterrichtet digitalen Journalismus an der University of the West of England und an der University of London.

Marcus Gilroy-Ware (geb. 1983) ist Medientheoretiker, er unterrichtet digitalen Journalismus an der University of the West of England und an der University of London.© Francis Ware Marcus Gilroy-Ware (geb. 1983) ist Medientheoretiker, er unterrichtet digitalen Journalismus an der University of the West of England und an der University of London.© Francis Ware

Rund ein Dritter aller Verlasser reaktiviert das Konto wieder. Je wichtiger einem die Inhalte sind, desto schwieriger fällt es einem natürlich, Accounts zu löschen. Das ist ein bisschen so, als würden Sie zum Umzug einen Benzinkanister bekommen, um zuerst Ihr altes Haus niederzubrennen. Die Konstrukteure solcher Systeme wissen das ganz genau.

Doch wir sind Menschen und keine Roboter. Genau wie beim Rauchen oder Junk-Food konsumieren wir weiterhin Dinge, von denen wir wissen, dass sie schlecht für uns sind. Wie Sigmund Freud deutlich gemacht hat, ist die Frage nicht, ob wir irrationale oder für uns schädlliche Dinge tun sollten oder nicht, sondern die Frage ist vielmehr "Warum" wir sie tun.

Auf den Timelines vermischen sich auch Unterhaltung und Informationen: Sind diese beiden überhaupt kompatibel?

Das ist eine sehr wichtige Frage, vor allem im Zusammenhang mit "fake news" die uns seit 2016 um die Ohren fliegen. Über das Internet wird immer wieder gesagt, dass es seinen Ursprung im Teilen "trockener" Fakten hat. In der Zwischenzeit sind aber die Informationen, die im Medien-Ökosystem eine Rolle spielen, von Inhalten dominiert (allen voran von sogenannten user generated content) die nicht informationsorientiert sind. Dass sachliche Nachrichten über ein Konstrukt abgerufen werden, das allen voran emotionale Reaktionen erzeugen soll um von diesen zu profitieren, ist ein großes Problem.

Diese Inkompatibilität von emotionalen Erntemaschinen und Genauigkeit, wie der Journalismus für sich beansprucht, zeigt aber auch, was von dem Versprechen von Facebook, das Problem mit "Fake News" zu lösen, zu halten ist: Nichts. Denn das würde drastische Entbehrungen für das Geschäftsmodell mit sich bringen - ein Geschäftsmodell, das im letzten Quartal 2018 17 Milliarden US-Dollar eingebracht hat.

Erwarten Sie in Zukunft Grenzen für das Duopol Google/Facebook?

Wie viel wir beide regulieren hängt davon ab, wie gesund und effektiv unsere Demokratien sind. Ich bin fest davon überzeugt, dass eine Regulierung zum Schutz der Bürger vor dem rücksichtslosen Wunsch des Kapitals, von unserem Unglück und unserer Unsicherheit zu profitieren, ein wichtiger Teil einer Demokratie ist, ebenso wie die Ausbeutung von Hunger und dem Bedürfniss nach einem Dach über dem Kopf reguliert werden, beziehungsweise werden sollten.

Wie der Arabische Frühling gezeigt hat, können Social Media politischen Aktivismus unterstützen. Heute liegt der Fokus hauptsächlich darauf, wie Facebook den Sieg von Trump oder das Ergebnis des Brexit-Referendums beeinflusst hat. Wie erklären Sie diese Verschiebung?

Jeder ernsthafte Wissenschaftler der ägyptischen oder tunesischen Politik wird nicht akzeptieren, dass soziale Medien als Ursache des Arabischen Frühlings genannt werden. Dies ist im Wesentlichen eine technozentrische, liberale Fantasie, die die straffe Organisation, die riesigen Risiken und die harte Arbeit ignoriert, die mit der Kampfansage an eine brutale Regierung verbunden ist. Was Experten zu dieser Frage jedoch akzeptieren, ist, dass Soziale Medien als Beschleuniger wirken konnten und eine wichtige moralische Unterstützung waren. Evgeny Morozov hat 2011 darauf hingewiesen, dass die Wirksamkeit sozialer Medien bei solchen Ereignissen überbewertet wird, was wahrscheinlich ihre Fähigkeit untergräbt, auf diese Weise zur Demokratie beizutragen.

Ich bin nicht sicher, ob ich mit der Behauptung einverstanden bin, dass sich der Fokus verschoben hätte. Ob im Arabischen Frühling, bei der Wahl von Trump, bei Krisen der psychischen Gesundheit oder bei anderen wichtigen globalen Ereignissen: Es wird immer Menschen geben, die die Bedeutung der Technologie übertreiben, als ob sie über eine eigene Autorität verfügen würde, während die komplizierten strukturellen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Triebfedern des Wandels ignoriert werden. Dies ist insbesondere in einer Welt der Fall, in der "ideologisch" ein schmutziges Wort geworden ist.

In Ihrem Buch kritisieren Sie technologischen Determinismus. Ist Facebook also doch nur eine App?

Facebook ist nicht "nur eine App". Es ist eine Plattform, eine Website und eine Produktserie, die Werbung verkauft. Facebook, Instagram oder Facebook Messenger wollen uns emotional so stark wie möglich einbinden, um zum Mittelpunkt im Leben der Benutzer zu werden. Facebook möchte, dass "Freundschaft" gleichbedeutend ist mit dem Status "Freund". Allerdings wird verschwiegen, dass auf Facebook auch über Trennungen oder Streit gesprochen wird.

Es soll einfach das ganze Leben auf der Plattform ablaufen, damit darauf tagein tagaus gezielt Werbung verkauft werden kann – auch dann, wenn Sie morgens um vier Uhr im Bett liegen und nicht schlafen können. Wenn Sie dann nach Ihrem Smartphone greifen und mit dem Scrollen beginnen, dann sind Facebook und die Aktionäre glücklich.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-02-08 08:46:40
Letzte Änderung am 2019-02-08 11:22:47



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