• vom 18.05.2016, 16:29 Uhr

Digital-Life


Instagram

Die Ur-Angst vor dem Update




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Von Christina Böck

  • Skandal, Instagram ändert sein Logo! Warum ist die mutmaßlich fortschrittliche Social-Media-Generation so unflexibel?

Da hat ein Einhorn auf die Kamera gekotzt: Oben das alte Instagram-Logo, unten das simplifizierte bunte neue, das die Gemüter - wieder einmal - erhitzt.

Da hat ein Einhorn auf die Kamera gekotzt: Oben das alte Instagram-Logo, unten das simplifizierte bunte neue, das die Gemüter - wieder einmal - erhitzt.© Instagram/Collage WZ Da hat ein Einhorn auf die Kamera gekotzt: Oben das alte Instagram-Logo, unten das simplifizierte bunte neue, das die Gemüter - wieder einmal - erhitzt.© Instagram/Collage WZ

Am Dienstag war ein besonderer Tag. Die Vorzeichen waren eigentlich eindeutig. Aber alles gespannte Warten hat nichts genützt. Die Meldung, dass auf dem Kurznachrichtendienst Twitter bald mehr als 140 Zeichen geschrieben werden dürfen, verhallte nachgerade sang- und klanglos im Empörium der Digitalwelt. Nur ein paar wenige Widerständler posteten ein schwächliches "Nein. Bitte nein. Das Letzte, was wir brauchen, ist, dass Twitter ein persönliches Tagebuch wird wie Facebook." Oder: "Ich habe keine Zeit für Schimpftiraden à la Facebook hier." Oder, etwas handfester: "Mehr Platz für Blödsinn." Die meisten Nutzer zeigten sich aber unaufgeregt und manche gar erfreut.

Das ist ungewöhnlich. Normalerweise läuft das anders ab. Sehr anders. Zum Beispiel vergangene Woche. Da überraschte die Bilderteil-Plattform Instagram über Nacht mit einem neuen Logo. Das alte Markensymbol, das an eine Sofortbildkamera erinnerte, wurde von einer stilisierten, reduzierten Variante in Regenbogenfarben mit hohem Pink-Anteil ersetzt. Es folgten tumultartige Szenen auf den Sozialen Medien. Die "New York Times" nannte die Episode bereits "The Great Instagram Logo Freakout 2016". "Es sieht aus, als hätte ein Einhorn auf das alte Logo gekotzt", war noch einer der freundlicheren Kommentare.


Photoshop für Anfänger
Bei solchen "Freakouts" gibt es einmal die Nerds, die Technologiefreaks, die auch schnell virale Reaktionen produzieren. Beim Instagram-Logo waren das vor allem Menschen aus dem Grafikgenre, die sich über den üppigen Gebrauch von Farbverläufen lustig machten. Etwa mit einem Video, das einen Teenager bei der zufriedenen Betätigung von "Photoshop für Anfänger" zeigt. So mancher hätte da übrigens ein Déjà-vu haben können. Als Apple nämlich vor einigen Jahren die Logos seiner iPhone-Apps (Fotos, Kamera, Kalender, iTunes) änderte, wurde das auf dieselbe Art und Weise belächelt. Der Wechsel vom sogenannten skeuomorphen Design - das sich an einem älteren, vertrauten Gegenstand orientiert, etwa einem Telefon oder einer Kamera - auf das "flache Design - das mit Reduktion und Stilisierung arbeitet - ist also traditionell nicht ohne Zwischenrufe zu bewerkstelligen.

Abseits von den Professionalisten gibt es die größere Gruppe an ärgerlichen Alltagsnutzern: Das sind zum einen jene, die das alte Logo einfach schöner fanden und denen das neue aus mannigfaltigen Gründen - zu pink, zu wenig pink, zu rund, zu wenig rund, zu modern, zu wenig modern - nicht gefällt. Außerdem müssen sie die App jetzt so lange suchen, weil das ja jetzt alles so anders aussieht. Verwandt mit diesem Typus ist der dritte, der sich eingehender Sorgen macht: Ob nämlich die App selbst auch geändert wurde und der Umgang damit womöglich nicht nur ungewohnt, sondern gar erschwert wurde.

Das digitalisierte FruFru
In Relation zum echten Leben kann man das in etwa so erklären: Die eine Gruppe verhält sich wie jene TV-Zuseher, die partout nicht damit umgehen konnten, dass sich Peter Rapp einmal seinen Bart abrasiert hat. Hat verstörend ausgesehen, hat aber nicht die geringste Auswirkung auf die ordnungsgemäße Funktion von Peter Rapp gehabt. Die andere Gruppe ist vergleichbar mit jenen Menschen, die auf die Barrikaden gingen, als es das Joghurt FruFru plötzlich nur mehr vorgerührt zu kaufen gab: Das hat nicht nur den nostalgischen Verzehr-Ablauf der FruFru-Fans gestört, es hat auch anders geschmeckt.

Wie kommt es aber, dass ausgerechnet die Generation Facebook so unflexibel erscheint? Dass ausgerechnet die Digital Natives so schwer mit Veränderungen umgehen können, dass jede noch so kleine Abweichung beweint und bewehklagt werden muss? Natürlich hat das mit einer gewissen Markenloyalität zu tun, die man unversehens entwickelt, wenn man so ein Symbolbildchen dutzendfach am Tag auf seinem Handy sieht. Das trifft aber nicht immer zu: Als Google zum Beispiel letztens seinen Schriftzug änderte - was von der Breitenwirkung ungefähr damit vergleichbar ist, dass Coca Cola seinen Schriftzug ändert -, war das der ganzen Welt verblüffend wurscht.

Der hohe Echauffiergrad liegt wohl vielmehr in der Natur der Sozialen Medien begründet: Man regt sich viel lieber auf, wenn einem jemand zuhört. Das Publikum, noch dazu ein lauthals zustimmendes, ist ja hier in Hundertschaften gegeben. Zum anderen haben Proteste in Sozialen Medien über Soziale Medien einen Vorteil zur Parallelwelt "echtes Leben": Nicht alles, worüber man sich dort beschwert, kann man auch gleich in ein hübsches Sackerl reden. Tatsächlich wurden manche Änderungen auch wieder zurückgenommen, nachdem sie ganz schlecht angekommen waren. So hat Facebook etwa seine Chronik, die vor einigen Jahren plötzlich massiv umgestaltet wurde, relativ schnell den Kundenwünschen gemäß adaptiert. Die Hoffnung lebt also. Weniger Glück hatten allerdings die Twitter-User, als zur Markierung von Beiträgen, die gefallen, statt einem Stern ein Herz eingeführt wurde. Die Ablehnung dieser - rein optischen, von der Funktion her völlig folgenlosen - Neuerung war so herzerweichend laut wie erfolglos. Noch heute, ein halbes Jahr nach der Herzifizierung, stößt man auf erst kürzlich unwillkürlich gepostete Aufseufzer: "Ich bin noch immer nicht darüber hinweggekommen, dass es jetzt Herzen statt Sterne sind."

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Dokument erstellt am 2016-05-18 16:32:05


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