• vom 09.02.2018, 18:38 Uhr

Digital-Life

Update: 10.02.2018, 12:17 Uhr

Digitalisierung

China perfektioniert den Traum eines jeden Diktators




  • Artikel
  • Kommentare (9)
  • Lesenswert (74)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ-Korrespondent Finn Mayer-Kuckuk

  • Die Volksrepublik arbeitet derzeit mit vollem Einsatz am Aufbau des totalen Überwachungsstaates.





Peking. Auf den ersten Blick sieht der neueste Ausrüstungsgegenstand der Polizisten in Zhengzhou nicht viel anders aus als eine gewöhnliche Sonnenbrille. Doch die schwarz getönten Brillen, mit denen die Beamten in der Hauptstadt der chinesischen Provinz Henan seit kurzem auf Streife gehen, haben es in sich. Denn in Zusammenspiel mit einer hochmodernen Gesichtserkennungs-Software und im Hintergrund arbeitenden Datenbanken können mit ihrer Hilfe alle Passanten im Blickfeld präzise und innerhalb von Sekunden identifiziert werden. Hinter dem misstrauischen Blick eines Polizisten steckt in China damit nicht mehr nur die Staatsmacht - sondern auch die geballte Macht der Künstlichen Intelligenz.

Die neuen Brillen sind allerdings nicht nur öffentlichkeitswirksame Spielerei, sondern logische Anwendung der bereits bestehenden Möglichkeiten zur Identifikation aller Bürger. Der Staat verfügt bereits über eine Datenbank mit den Gesichtern von allen 1,3 Milliarden Erwachsenen im Lande - schließlich herrscht biometrische Ausweispflicht.


170 Millionen Kameras
China stellt derzeit den Aufbau des totalen, technisierten Überwachungsstaates fertig. Inzwischen kann niemand mehr seine Handlungen oder seinen Aufenthaltsort verbergen. Die Behörden haben sich in den vergangenen Jahren bereits Zugriff auf alle Datenspuren in der Digitalwelt verschafft. Jetzt stopfen sie die letzten Schlupflöcher in der Realität. Die moderne Technik macht den Traum aller Diktatoren wahr: Der Staat weiß alles und sieht alles.



Zu jedem Bürger sammeln die Behörden auf diese Weise künftig täglich Millionen von Datenpunkten. Die Gesichtserkennungs-Brillen sind da nur eine Anwendung von vielen. Das Ministerium für Öffentliche Sicherheit und seine regionalen Ableger betreiben landesweit 170 Millionen Kameras. In drei Jahren sollen es 400 Millionen sein.

Früher wäre so eine solche Flut von Bildern von niemandem handhabbar gewesen - wer hätte sie anschauen sollen? Heute übernehmen intelligente Maschinen diese Arbeit. Für die Auswertung der Kamerabilder in Peking, der am besten überwachten Stadt des Landes, liefert die Firma Megvii die Software. Dabei handelt es sich um ein Unternehmen, das weltweit von sich hören macht. Das hier entwickelte Programm "Face++" dürfte dank der starken Nachfrage und der vielen Praxisanwendungen in China schon bald globaler Marktführer bei der Gesichtserkennung sein.



Megvii verwendet neuronale Netze, also die gleichen Strukturen wie das menschliche Gehirn, um Gesichter auch in Menschenmengen schnell und präzise zu erkennen. "Notfalls reicht auch ein Handyfoto als Vorlage", sagt Firmenmitarbeiterin Ai Jiandan bei einer Vorführung der Fähigkeiten des Programms. Megvii wirbt ganz unbefangen für seine "hochentwickelte Technologie". Tatsächlich pickt das Programm Versuchsobjekte auch dann aus Datenquellen heraus, wenn sowohl Vorlage als auch Kamerabild von miserabler Qualität sind.

weiterlesen auf Seite 2 von 3




9 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-09 18:41:33
Letzte Änderung am 2018-02-10 12:17:10



Werbung




Werbung