• vom 27.11.2018, 07:00 Uhr

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China

"Die Arbeiter haben keinerlei Macht"




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Von Michael Ortner

  • Giftige Chemikalien, Zwangsarbeit, Repression, Selbstmord: Um unsere iPhones zu produzieren, werden Arbeiter in China ausgebeutet.

Protestplakat vor einem Apple-Shop in Hong Kong 2017. - © APAweb, afp, Anthony Wallace

Protestplakat vor einem Apple-Shop in Hong Kong 2017. © APAweb, afp, Anthony Wallace

Wien. Klinisch sauber glänzt die Oberfläche des iPhone. Das Produkt soll rein aussehen. Es steht für Luxus. Dafür wird es in chinesischen Fabriken auf Hochglanz geputzt. Mehrere Male müssen es Arbeiter in langen Fertigungsstraßen reinigen. Sie verwenden Benzol, ein chemisches Mittel, das auch in Farben, Kraftstoffen oder Pestiziden enthalten ist. Es ist giftig und krebserregend.

Die Arbeiter tragen Atemmasken und Handschuhe. Doch die Masken müssen sie sich selbst kaufen. Zudem kann es in den Fabriken sehr heiß werden. Eine Zwölf-Stunden-Schicht damit hält kaum jemand durch. Sie atmen die Dämpfe ein. Das Benzol ätzt ihre Plastikhandschuhe auf. So kommen die Arbeiter in direkten Kontakt mit dem Mittel. Sind sie dem Gift langfristig ausgesetzt, schädigt es die inneren Organe und das Knochenmark. Sie werden krank.

Seit 1971 gibt es eine Konvention der Internationalen Arbeitsorganisation ILO, um das giftige Benzol zu bannen. In westlichen Ländern wird die Chemikalie nur noch sehr eingeschränkt verwendet. In China nicht.

Regierung hält Zahlen zurück

Chinesische Arbeitsrechtorganisationen haben zahlreiche Fälle dokumentiert, in denen Arbeiter, die mit Benzol hantierten, an Leukämie erkrankten. Wie viele genau betroffen sind, lässt sich nicht beziffern. "Die Regierung gibt die Zahlen nicht heraus. Auch die Unternehmen teilen uns nicht mit, wie viele Arbeiter krank werden", sagt Pak Kin Wan gegenüber der "Wiener Zeitung". Er arbeitet in Hong Kong für die NGO Labour Education and Service Network LESN, die sich seit 2001 für faire Arbeitsbedingungen in der Elektronikbranche einsetzt.

Information


"The Link between Employment Conditions and Suicide" (2018), Studie der NGO Electronics Watch und des Economic Rights Institute.

"The Poisonous Pearl" (2016), Bericht über chemischen Vergiftungen.

Sacom-Bericht über die Zwangsarbeit von Studenten bei Apple-Zulieferer Quanta.


Die offizielle Krebsdiagnose stellt ein regierungsnahes Krankenhaus. Ein gesondertes Amt entscheidet, ob die Krankheit durch die Arbeit hervorgerufen wurde oder nicht. "Die Regierung hat das Interesse der Konzerne im Blick, nicht das der Arbeiter", sagt Matthias Haberl von der NGO Südwind. Zwischen der Diagnose und einer Entschädigung für den Arbeitsausfall vergehen manchmal Jahre, wie ein Bericht von LESN aus dem Jahr 2016 zeigt. Oft scheitern die Menschen an den bürokratischen Hürden.

In Städten wie Shenzen, Guangzhou oder Dongguan schlägt das Herz der chinesischen IT-Produktion. Am Leben gehalten wird es vom Strom der Migranten. 287 Millionen Menschen verließen laut chinesischem Statistikbüro 2017 ihre Heimat, um in den Städten im Perlflussdelta Arbeit zu finden. Sie sind die Basis für das rasante wirtschaftliche Wachstum, das China in den vergangenen Jahren hingelegt hat. Junge Chinesen, die versuchen, der Armut zu entfliehen. Sie lassen ihre Kinder in der Obhut ihrer Großeltern und hoffen auf einen guten Job in einer der zahllosen Fabriken. Sie glauben, ihre Lebensqualität würde sich verbessern. Schnell holt sie jedoch die Realität ein. "Täglich zwölf Stunden Arbeit, da bleibt keine Zeit mehr für ein Privatleben", sagt Wan.

Pak Kin Wan arbeitet bei Labour Education and Service Network (LESN), einer Nichtregierungsorganisation aus Hong Kong, die sich seit 2001 für faire Arbeitsbedingungen der Arbeiter in der Elektronikbranche einsetzt. Die NGO informiert Arbeiter über ihre Rechte und berät sie bei Themen wie Kündigungen, erzwungene Überstunden und ungeregelte Lohnzahlungen. Wan war auf Einladung von Südwind in Wien.

Pak Kin Wan arbeitet bei Labour Education and Service Network (LESN), einer Nichtregierungsorganisation aus Hong Kong, die sich seit 2001 für faire Arbeitsbedingungen der Arbeiter in der Elektronikbranche einsetzt. Die NGO informiert Arbeiter über ihre Rechte und berät sie bei Themen wie Kündigungen, erzwungene Überstunden und ungeregelte Lohnzahlungen. Wan war auf Einladung von Südwind in Wien.© Wiener Zeitung, Michael Ortner Pak Kin Wan arbeitet bei Labour Education and Service Network (LESN), einer Nichtregierungsorganisation aus Hong Kong, die sich seit 2001 für faire Arbeitsbedingungen der Arbeiter in der Elektronikbranche einsetzt. Die NGO informiert Arbeiter über ihre Rechte und berät sie bei Themen wie Kündigungen, erzwungene Überstunden und ungeregelte Lohnzahlungen. Wan war auf Einladung von Südwind in Wien.© Wiener Zeitung, Michael Ortner



Arbeiter als Ware

Für die Elektronik-Zulieferer sind die Arbeiter nichts anderes als Ware, die jederzeit verfügbar ist. Sie werden von der Straße weg eingestellt und genauso schnell wieder gefeuert. Werden sie krank, findet sich schnell Ersatz. Denn es mangelt nicht an Nachschub. Gesundheitliche Beeinträchtigungen bemerken die Fabrikarbeiter oft erst zu spät. Sie berichteten von Schwindel, Kopfweh, Erschöpfung, Schmerzen. Doch sie glauben, es hängt mit den langen Arbeitszeiten zusammen. "Wenn du in die Fabrik kommst, dann riechst du vielleicht noch die Chemikalien, nach einer Woche merkst du sie nicht mehr, weil der Geruch normal geworden ist", sagt Haberl, der mit einigen Arbeitern vor Ort gesprochen hat.

Sie berichteten, wie sie mit Chemikalien die Bildschirme von Smartphones reinigten. Bei einer Frau wurde eine berufsbedingte Erkrankung festgestellt. Ihr Chef bekam Wind davon. Anstatt sie zu unterstützen, wurde sie gefeuert. Manchmal führt die Arbeit auch zum Tod: "Eine Frau hat uns von einer erst 18-jährigen Kollegin erzählt, die aufgrund der Arbeitsbedingungen gestorben ist. Die Familie wollte die Firma verklagen, doch das Gericht hat die Klage nicht einmal zugelassen", berichtet Haberl.

Zwangspraktika für Studenten

Die Situation für Studenten ist noch prekärer. Studenten werden zu Zwangspraktika verdonnert. "Wenn sich die Studenten weigern, die Praktika zu machen, können sie keinen Abschluss machen", sagt Wan. Sie verdienen noch weniger als die regulären Fabrikarbeiter – bei gleich langen Arbeitszeiten. "Im Grunde ist das illegal, aber die Praktika sind vom chinesischen Arbeitsgesetz ausgenommen." Dass das Problem immer noch virulent ist, zeigt ein aktueller Bericht der NGO Sacom (Students And Scholars Against Corporate Misbehavior) vom Oktober 2018.

In einer Fabrik des Apple-Watch-Zulieferers Quanta kommen Hunderte Studenten zum Einsatz. Studenten berichten, dass sie am Fließband ihre Praktika verrichten müssen, obwohl sie in Fächern studieren, die nichts mit der Elektronikbranche zu tun haben. "Studenten sind die Hauptarbeitskraft. Die Fabrik könnte ohne die Studenten gar nicht am Laufen gehalten werden", wird ein Betroffener im Bericht zitiert. Bekannt wurden die illegalen Beschäftigungen bereits 2012. Zuletzt untersuchten Sacom die Arbeitspraktiken 2017. Geändert hat sich seither nichts.

Arbeiterinnen an einer Fertigungsstraße beim Apple-Zulieferer Foxconn.

Arbeiterinnen an einer Fertigungsstraße beim Apple-Zulieferer Foxconn.© APAweb, afp Arbeiterinnen an einer Fertigungsstraße beim Apple-Zulieferer Foxconn.© APAweb, afp



Exzessive Arbeitszeiten, Hungerlöhne, unzureichende Arbeitskleidung und Sklaverei-ähnliche Zustände in der chinesischen Elektronikindustrie sind seit Jahren bekannt. In die Schlagzeilen schaffte es 2010 der Apple-Zulieferer Foxconn, als eine Reihe von Selbstmorden von Fabrikarbeitern bekannt wurde. 14 Menschen nahmen sich das Leben, vier überlebten den Suizid schwer verletzt – die "Wiener Zeitung" berichtete. Die Probleme betreffen aber nicht nur die Zulieferer von Apple oder Samsung, sondern die gesamte Elektronikbranche Chinas.

Ökonomischer Druck lastet auf Arbeitern

Ein neuer Bericht hat den Zusammenhang von Arbeitsbedingungen und Suiziden unter die Lupe genommen. Die NGO Electronics Watch und das Economic Rights Institute aus Hong Kong haben insgesamt 167 Fälle von versuchten und vollendeten Suiziden in den Jahren 2007 bis 2017 untersucht. Die Studie kam zu dem Ergebnis, das eine Reihe von Faktoren wie Feindseligkeit am Arbeitsplatz und der enorme ökonomische Druck, der auf den Arbeitern lastet, zu den Selbstmorden geführt hat. So gaben 17 Prozent von 89 untersuchten Fällen an, sie wollten ihr Leben beenden, weil sie am Arbeitsplatz angefeindet wurden.

Hat sich die Situation für die Arbeiter also verschlechtert? "Die Regierung zensiert Berichte über Suizide und auch Unternehmen versuchen, Medienberichte über sie zu verhindern. Unsere Untersuchung legt den Hinweis nahe, dass der Trend zu Suiziden seit 2010 zugenommen hat. Aber sie zeigt auch, dass die Berichte über Selbstmorde seit 2015 weniger wurden. Deshalb ist es sehr gut möglich, dass die Regierung bei Berichten über Selbstmord-Proteste strenger kontrolliert", sagt Dimitri Kessler, Forscher am Economic Rights Institute zur "Wiener Zeitung".

Zwar würde die Selbstmordrate in China generell abnehmen. Doch die Untersuchung lässt darauf schließen, dass Suizide unter jungen Chinesen eher zunehmen. Kessler hat im Zuge der Studie mehr als 60 Elektronik-Zulieferbetriebe besucht. "Es hat mich überrascht, dass es bei mehr als 20 Prozent Mitarbeiter-Suizide gab."

Öffentlichkeit ist nicht erwünscht

Für NGOs ist es mühsam, über die Zustände in den Fabriken zu recherchieren. Denn die Arbeiter fürchten Repressionen. "Grundsätzlich ist es schwierig, Leute zu finden, die ihre Geschichten erzählen, weil sie sich dadurch natürlich einem gewissen Risiko aussetzen", sagt Haberl. Es gebe sogar Unternehmen, die ihre Arbeiter auffordern, nicht mit NGOs und Journalisten zu sprechen. Probleme sollen vertuscht werden, Öffentlichkeit ist nicht erwünscht. Deshalb haben auch NGO-Mitarbeiter Repressionen zu befürchten. Regierungsbehörden lesen Chats mit, Smartphones werden via GPS überwacht, es gibt immer wieder grundlose Festnahmen durch die Polizei.

Wenn sich Arbeiter an ihre Fabrik-Manager wenden und bessere Arbeitsbedingungen einfordern, stoßen sie auf taube Ohren. Gewerkschaften oder Betriebsräte existieren nicht. Denn in China gibt es nur eine gesetzliche Gewerkschaft für alle: Die All-China Federation of Trade Unions (ACFTU). Sie untersteht der Regierung, die jegliche Form einer von den Arbeitern selbst organisierten Protestform unterbindet. Streiks finden so gut wie nicht statt. "Die Arbeiter haben keinerlei Macht. Falls doch, müssen sie sich der Konsequenzen eines Streiks bewusst sein", sagt NGO-Mitarbeiter Wan. Er erzählt von Protestführern, die nach einem Streik rausgeschmissen wurden.

Auf Hilfe von der chinesischen Regierung brauchen die Arbeiter nicht hoffen. Grund dafür ist die politische Struktur des Staates. Neben der starken Zentralregierung haben in den Provinzen Regionalregierungen das Sagen und verfügen über eigene Einnahmen. Die Zentralregierung führte ein strenges Arbeitsrecht ein, doch die Praxis sieht anders aus. "Mit dem Arbeitsrecht ist es wie mit jedem anderen Recht in China auch. Die rechtlichen Bestimmungen sind zwar strenger geworden, aber die Durchsetzung ist immer noch schwer", sagt der Sinologe Christian Göbel von der Universität Wien. Eine unabhängige Justiz, an die man sich wenden könnte, gebe es in China nicht.

Hersteller in der Pflicht

Die wirtschaftliche Entwicklung hat eine enorme Bedeutung, gerade für die Provinzen. "Regionalregierungen werden bewertet mit Punkten für Erfolge und Punktabzug für Misserfolge", sagt Göbel. Deshalb buhlen sie um Unternehmen. "Die Regierungen wollen, dass die Unternehmen weiter in ihrer Provinz investieren. Da gibt es einen starken Wettbewerb zwischen den Provinzen", sagt NGO-Aktivist Wan. Die Arbeitsrechte bleiben auf der Strecke. Letztlich bleibt den Arbeitern nur, sich mit ihren Problemen an die NGOs zu wenden. "Sie haben keine andere Wahl."

Die Konsumenten dagegen haben eine Wahl. Kaufen sie das teure Produkt von Apple oder nicht? Das Smartphone des kalifornischen Herstellers, aber auch die Konkurrenz aus Südkorea, ist kaum noch aus unserem Alltag wegzudenken. Alternativen gibt es wenige. Der niederländische Hersteller Fairphone etwa versucht, seine Geräte ohne Ausbeutung von Mensch und Natur zu produzieren. Bisher hat das Unternehmen mehr als 160.000 Geräte verkauft. Ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Wan hingegen nimmt nicht den Konsumenten in die Pflicht, sondern den Hersteller. Er fordert mehr Verantwortung von Apple. "Es liegt in der Verantwortung des Unternehmens, die Zulieferkette zu kontrollieren, und zu garantieren, dass den Arbeitern kein Schaden zugefügt wird", sagt der NGO-Mitarbeiter.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-26 13:59:16
Letzte Änderung am 2018-11-26 14:42:44


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