• vom 03.01.2011, 09:28 Uhr

Digital-News

Update: 04.01.2011, 20:16 Uhr

Das Nachdenken hat ein Ende: Viele Verlage wollen Geld für Inhalte sehen

Das Ende der Gratiskultur




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Von Von Bernhard Baumgartner

  • Verlage holen sich kostenlos angebotene Online-Inhalte zurück.
  • Mehr als 40 Prozent wären bereit, für Print online zu zahlen.
  • Der Chef der Springer-Verlages, Mathias Döpfner, der Druckwerke wie das Boulevardblatt "Bild" zu verantworten hat, ist Applaus aus der Branche nicht gerade gewöhnt.

Ein Magazin-Cover auf dem iPad.

Ein Magazin-Cover auf dem iPad.© APA Ein Magazin-Cover auf dem iPad.© APA

Schließlich gilt der Verlag mit seinem wenig zimperlichen Agieren nicht als Hort der Werte des hehren Journalismus: Dennoch lieferte er einen Satz, der quasi als das Paradigma der deutschsprachigen Verlagsbranche gelten kann: "Jeder Verleger sollte sich einmal am Tag hinsetzen, beten und Steve Jobs dafür danken, dass er die Verlagsindustrie rettet." Döpfner sprach diese Worte im April in einer US-TV-Show. Er meinte mit seiner Lobeshymne das iPad und seine Apple-Familie inklusive iPhone oder iPod.

Und er machte dabei aus den Eigeninteressen der Verleger gar kein Hehl: Nicht die Technologie ist es, die ihn fasziniert. Dass man einen Artikel zuerst klein ansieht und ihn dann heranzoomen kann, dass man umblättern und Videos einbinden kann - das alles ist nicht so ein Thema. Aber dass die Verleger endlich ein System zu entdecken geglaubt haben, mit dem sich Geld aus Online-Inhalten machen lässt, das ist das Spektakuläre daran. Steve Jobs, der mit seinem iPod schon die Musikindustrie aus den Klauen der bösen Filesharer befreit hat, setzt nun also zu seinem nächsten Schlag an: Die Verlage werden aus der für sie schädlichen Gratiskultur des Internet gerettet - so sieht es zumindest Döpfner.


Bereitschaft zu Zahlen

Aber ist das tatsächlich so? Sind Internet-Nutzer bereit, für Inhalte, die sie bisher gewohnt waren, gratis zu erhalten, plötzlich Geld zu zahlen? Und unter welchen Voraussetzungen tun sie das? Und wird alleine Apples gigantische Marktmacht ausreichen, um das Steuer für die großen Verlage herumzureißen?

Tatsächlich scheint es nicht unmöglich zu sein, von kostenlosem auf "payed content" umzusteigen. Das Marktforschungsinstitut Nieslon hat dazu in einer groß angelegten Studie dieses Jahr 27.000 Konsumenten aus 52 Ländern befragt. "Haben Sie schon einmal für Inhalte bezahlt oder wären Sie bereit dazu?" war die Fragestellung - und die Antwort überrascht: Mehr als die Hälfte sind bereit, für Filme, Musik und Spiele aus dem Netz zu zahlen. Doch nun wird es für Verlage interessant: Schon an fünfter und sechster Stelle kommen Printmedien. Knapp 50 Prozent würden für Magazininhalte bezahlen, mehr als 40 Prozent für Zeitungsinhalte. Für Radio immerhin noch ein Drittel, nicht professionelle Inhalte wie Blogs sind hingegen praktisch unverkäuflich.

Prefessionalität

Offenbar macht es für Konsumenten einen Unterschied, ob ein Produkt professionell ist respektive ob dessen Produktion mit hohen Kosten verbunden ist. Ist der Aufwand nachvollziehbar, sind sie auch bereit, zu zahlen - versichert Nielsen. Allerdings stellt der Konsument dafür Bedingungen: 71 Prozent wollen, dass das kostenpflichtige Online-Angebot einen Mehrwert zu dem bietet, was bisher gratis war. 62 Prozent sind zudem der Meinung, dass sie mit den Inhalten nach dem Kauf machen dürfen sollen, was sie wollen, also diese auch teilen oder kopieren. Dass dies rechtlich nicht geht, spielt scheinbar keine Rolle - man fühlt sich im Recht. Interessant dabei: Genau bei Apple, das bei Musik sehr erfolgreich ist, ist das technisch nicht möglich.

Apple kann also nicht der Heilsbringer sein, als den ihn Döpfner sah. Apple macht das zudem nicht kostenlos. 30 Prozent der Einnahmen, die durch den Verkauf der Apps gemacht werden verbleiben bei Apple. Wird die Werbeplattform iAd aktiviert, dann sind 40 Prozent der Einnahmen als Provision abzuliefern. Bedenkt man, dass im Inseratenverkauf etwa bei den Zeitungen Provisionen in derart astronomischer Höhe völlig unüblich sind, versteht man auch, warum der iPad-Hype bei den Verlagen oft schaumgebremst ist. Auch wenn dabei meist das Motto gelten kann: Besser Abstriche machen, als weiterhin - ohne jede Strategie - die oft hochqualitativ produzierten Inhalte gratis ins Netz zu stellen.

Es gibt einige Verlage, die bereits damit aufgehört haben, sich selbst im Internet Konkurrenz zu machen: Das "Wall Street Journal" (WSJ) etwa setzt bereits auf bezahlte Inhalte. Die "Washington Post" konzipiert. Und Rupert Murdochs "Times" hat 2010 in einem in der Verlagsbranche viel beachteten Experiment eine sogenannte "paywall" aufgezogen. Inhalte sind demnach nur mehr gegen Geld zu haben. Ein Pfund pro Tag oder zwei Pfund pro Woche sind die Gebühren.

Qualitätsmedien

Die "Financial Times" wertete das Experiment als "Achtungserfolg". Zwar verlor man mehr als zwei Drittel der Nutzer, die verbliebenen sind jedoch bereit, für die Inhalte zu bezahlen. Dabei dürfte eine Rolle spielen, dass es bei Qualitätsmedien generell schwieriger ist, seinen Nachrichtenbedarf einfach auf einer anderen Seite zu decken.

Wer "Times"-Inhalte will, muss sich eben die "Times" kaufen und kann nur bedingt auf ein x-beliebiges auf Agenturmaterial basierendes News-Service umsteigen. Gerade Medien, die über eine solide Marke verfügen, müssen sich dabei keine Sorgen über ihre Zukunft machen. Letztlich ist das Medium sekundär, wenn die Marke für Qualität steht.

Das ist jedoch kein Freibrief zur Untätigkeit. Tatsächlich gehen gerade herkömmlichen Printmedien durch die wohl schlimmste Krise der vergangenen Jahrzehnte. Gratiszeitungen, Internetportale und das wenig krisenfeste Anzeigengeschäft setzen ihnen zu. Dennoch sah eine Studie von Price Waterhouse Coopers aus dem Vorjahr hohes Potenzial. So ist zwar das Wachstumspotenzial im Online-Bereich groß, der umsatzstärkste Teil bleibt aber das Print-Geschäft und zwar für längere Zeit. Demnach werden Zeitungen mit anderen Medien co-existieren, wenngleich vielleicht nicht mit den Auflagen der Vergangenheit.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-01-03 09:28:00
Letzte Änderung am 2011-01-04 20:16:00

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