• vom 14.12.2016, 22:00 Uhr

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Update: 16.12.2016, 07:53 Uhr

Silicon Valley

Götterdämmerung im Silicon Valley




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Von WZ-Korrespondentin Veronika Eschbacher

  • Der Wahlsieg des Republikaners Donald Trump hat das Silicon Valley aus allen Wolken fallen lassen.

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San Francisco. Die erste Lektion erfolgte in zwei Schnitten. Schnipp, schnapp, ging es, an diesem Sommermorgen im Jahre 1989. "Ich will das nie wieder an dir sehen!", sagte der Vizepräsident zu Nicholas Simon, drehte sich am Absatz um und ließ den verdutzten jungen Mann, der noch "Hey, die ist brandneu!" eingeworfen hatte, am Gang verstümmelt stehen. Simon schaute hinunter auf seine Brust und traute seinen Augen nicht. "Er schnitt mir wirklich die Krawatte vom Hals", erinnert sich der heute 62-Jährige an seinen Einstand im Silicon Valley.

Das Verhalten passte zur damaligen Zeit. Den Mikrobiologen Simon hatte es an die US-Westküste in den gut 80 Kilometer langen Streifen zwischen San Francisco und San Jose gezogen, nachdem er von "all den großartigen Dingen" gehört hatte, die dort vor sich gingen. Apple hatte bereits seinen Rekordbörsengang von 1980 hinter sich, den Biologen Herbert Boyer und Stanley Cohen war es sieben Jahre davor hier gelungen, ein Gen zwischen zwei Organismen erfolgreich auszutauschen und so die Biotech-Branche zu begründen. Es habe damals nach Wildem Westen gerochen und Goldgräberstimmung geherrscht, erinnert sich der gebürtige Marylander an seine Motivation, an den Ort zu ziehen, an dem Patente und Innovationen vom Himmel zu fallen schienen. Und Simon hatte eine gute Nase.

Dabei war der Erfolg nicht vorprogrammiert. Die wenigsten hätten damals eine Ahnung gehabt, wie man Unternehmen gründet oder finanziert, sagt Simon. Doch das änderte sich schnell. Denn eine mindestens so gute Nase hatten erfahrene Manager, die das kreative Chaos der technologiebesessenen Tüftler und Akademiker disziplinierten. Diese Kombination, spektakuläre Risikofreude und immer mehr Risikokapital machte das Valley zu dem, was es heute ist: Dem Technologie-Mekka der Welt, das Tag und Nacht nach der nächsten disruptiven Technologie sucht, die ganze Industrien umwerfen, und in das Menschen pilgern, nur um Fotos von sich selbst vor Firmenschildern wie Facebook, Google oder Tesla zu schießen.

Die von ihm produzierten Disruptionen kennt das Tal selbst zur Genüge. Einst noch als Santa Clara Valley von schier endlosen Obstplantagen durchzogen, wurde hier erst an Radiotechnologie gefeilt, dann militärisch geforscht, danach in immer größer werdenden Fabrikhallen die namensgebenden Silicium-Computerchips gebaut, daraufhin Software entwickelt, bis schließlich das Internet übernahm. Heute gibt es selbst im Valley keine einzelne Branche mehr, die dominiert. Im Tal sprießen viele verschiedene Blüten gleichzeitig, von künstlicher Intelligenz, Medizintechnik, eine ganze Automobilbranche bis hin zu Robotik oder Drohnen, um nur einige zu nennen. In den vergangenen paar Jahren scheint dafür ein moralischer Anspruch die sich exponentiell vermehrenden Akteure zu einen: Bitte nicht stören, wir arbeiten hier an einer besseren Zukunft. Und das weit entfernte, oft behäbige Washington D.C. ließ die als Rockstars gefeierten Entrepreneure gewähren.

Abgehobener Mikrokosmos

Das Valley in Zahlen und live...

Das Valley in Zahlen und live...© WZ Grafik, Eschbacher Das Valley in Zahlen und live...© WZ Grafik, Eschbacher

Zumindest war das bisher so. Seit der Wahl des republikanischen Präsidenten Donald Trump beginnt der abgehobene Mikrokosmos die Augen zu öffnen und sich mit den Vorgängen im restlichen Amerika und den Folgen seiner Erfindungen auseinanderzusetzen. Der neue Präsident, für die "Techies" die personifizierte Antithese des von ihnen gelebten Fortschrittsoptimismus, könnte nicht nur ihre jetzigen Geschäftsmodell infrage, sondern auch ihre Zukunft auf den Kopf stellen.

Wenn Nick Simon heute, etwas mehr als ein Monat nach der Wahl, morgens um sieben Uhr in San Mateo in sein Auto steigt und in sein Büro im südlichen San Francisco fährt, weiß er nicht recht, wie er sich fühlen soll. Nach vielen Jahren bei Bio-Tech-Unternehmen hat er vor mehr als zehn Jahren die Seite gewechselt und managt als Venture Capitalist heute drei Risikokapital-Fonds, die in den Bereich Life Sciences, also Start-ups im Bereich Medikamentenforschung, Medizintechnik und Diagnostik, investieren. Die Fonds sind 1,4 Milliarden Dollar schwer, Simon und seine Kollegen verbringen den Großteil ihrer Zeit damit, sich durch scheinbar nie enden wollende Berge an Unterlagen von Start-ups, die Finanzierung wollen, zu wühlen. Für acht bis neun Investments im Jahr sehen sie sich 500 bis 600 Firmen an. Dabei kommen noch einmal zwei oder drei Mal so viele Firmen auf sie zu, als sie wirklich treffen. Im Schnitt dauert es drei Monate, bis er sich entscheidet, eine neue Firma ins Portfolio aufzunehmen.

Knieschlottern im Valley

Hört man Simon zu, merkt man, dass er kein Typ ist, der das Risiko scheut. Im Gegenteil, er flirtet fast mit ihm, tanzt Tango mit der Ungewissheit und spottet dabei ein bisschen über diese Europäer, die diese Risikofreude nicht an den Tag legen. Venture Capitalists, so heißt es, gehen das Risiko, Abermillionen in ein Unternehmen zu stecken, das in kürzester Zeit wieder implodieren kann, nicht ein, weil sie Geld verlieren wollen - sondern weil die Investition große Chancen bietet. In den von Simons mitgemanagten Fonds sind je zwischen 15 und 22 Unternehmen; viele bezeichnet er als "moderat risikoreich" und einige als "Hochrisiko-Investitionen". Erstere nehmen sie auf, um zu garantieren, "dass wir ganz gut verdienen", Letztere, weil die break-out-cases eine außergewöhnliche Rendite einspielen können.


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Dokument erstellt am 2016-12-14 18:23:20
Letzte Änderung am 2016-12-16 07:53:32


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