• vom 24.11.2018, 15:00 Uhr

Geschichten


Reportage

Höllenarbeit auf der "Schlachtschiffinsel"




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Von Sonja Blaschke

  • Der düstere Charme der Ruinen auf der westjapanischen Insel Gunkanjima zieht heute viele Touristen in den Bann. Einst wurde hier Kohle gefördert.

Die Kohlemine auf Hashima (Beiname Gunkanjima) wurde im Jahr 1974 stillgelegt und die Insel dem Verfall preisgegeben. - © Kntrty/CC BY 2.0

Die Kohlemine auf Hashima (Beiname Gunkanjima) wurde im Jahr 1974 stillgelegt und die Insel dem Verfall preisgegeben. © Kntrty/CC BY 2.0

Mit seiner schwarzen Schirmmütze, auf der in goldener Farbe die Umrisse eines Schlachtschiffes aufgedruckt sind, könnte der weißhaarige Senior glatt als Kapitän in Rente durchgehen. Hinter Tomoji Kobata, der eine Regenjacke und weiße Handschuhe trägt, ragt ein Betonklotz sieben Stockwerke in die Höhe. An vielen Stellen fehlen die Außenwände. Der bröckelnde Betonwürfel gibt den Blick auf die tragende Stahlkonstruktion frei. Diese rostet seit Jahrzehnten, von den Elementen verformt, vor sich hin. "Dort habe ich einmal gewohnt", sagt der 77-Jährige und deutet nach oben. "Im vierten Stock, ganz außen rechts." Es war das erste Hochhaus in Japan, gebaut vor über 100 Jahren auf einer winzigen Insel, tausend Kilometer westlich der japanischen Hauptstadt Tokyo.

Eine vierzigminütige Bootsfahrt vom geschützten Hafen Nagasaki entfernt, liegt Hashima. Die Insel ist trotz mehrerer Aufschüttungen nur 6,3 Hektar groß, vergleichbar mit acht Fußballfeldern. Seit 40 Jahren ist sie unbewohnt. Umso schwerer ist es, sich vorzustellen, dass der befestigte Felsklotz einmal der am dichtesten besiedelte Ort der Welt war. Ende der 1950er Jahre lebten dort rund 5300 Menschen, nicht nur Arbeiter, sondern auch deren Familien.

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Sonja Blaschke lebt als freie Journalistin seit Jahren in Tokyo.

Was diese auf den unwirtlichen Flecken Land 15 Kilometer vor der Küste gelockt hatte, war eine Kohlemine, die der Vorläufer des japanischen Megakonzerns Mitsubishi dort betrieb. Zu den besten Zeiten der Mine zwischen 1950 und 1970 lag die Bezahlung weit über dem japanischen Durchschnitt. Dafür nahmen viele die harten Arbeitsbedingungen auf sich.

James-Bond-Kulisse

In Kobatas Fall war es nicht das Geld, das ihn angelockt hatte. Ein Onkel hatte ihm eine Schreibtischarbeit versprochen. Stattdessen erwartete ihn ein Knochenjob an einem der gruseligsten Arbeitsplätze der Welt. Nicht nur, dass er in tiefer Finsternis unter Tage schuften musste. Auch über Tage musste er als Angestellter eines Sub-Subunternehmers die dreckigsten Aufgaben verrichten. Zu den schlimmsten Tätigkeiten habe es gehört, die Gemeinschaftslatrinen mit Kübeln, die sie ins Meer kippten, zu leeren. "Man hatte noch Stunden später das Gefühl zu stinken", erinnert er sich mit Schaudern.

Die Kohlemine Hashima ist bekannter unter dem Beinamen "Gunkanjima", was "Schlachtschiffinsel" bedeutet: Umgeben von meterhohen Betonmauern, die die Anlage bei Stürmen vor hohen Wellen schützen sollen, ragen einige Dutzend mehrstöckige, halbverfallene Gebäude in die Höhe. Die Silhouette ähnelt einem alten Kreuzer. Weltweiten Ruhm erlangte die eng bebaute Geisterinsel mit ihrem Gänge-Labyrinth als Schauplatz des James-Bond-Films "Skyfall". Vor Ort drehen durfte das Team wegen Einsturzgefahr der Gebäude allerdings nicht; die Kulisse wurde andernorts nachgebaut.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-23 13:25:33
Letzte Änderung am 2018-11-23 17:04:54


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