• vom 15.12.2018, 12:00 Uhr

Geschichten


Literatur

Ein fast perfekter Mord




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Von Wolfgang Machreich

  • Vor 125 Jahren ließ Arthur Conan Doyle seine Erfindung Sherlock Holmes in den Tod stürzen. Doch die Totenruhe währte nur kurz.

Erinnerung an einen Untoten: Holmes-Statue vor der Kirche von Meiringen (CH). - © Machreich

Erinnerung an einen Untoten: Holmes-Statue vor der Kirche von Meiringen (CH). © Machreich

Diese Geschichte handelt vom seltenen Fall eines perfekten Mordes, der zum Glück des Mörders misslungen ist. Schuld daran hatte der Reichenbachfall beim Dorf Meiringen im Berner Oberland.

Hätte der Täter das Opfer gefragt, niemals wäre die Wahl auf diesen Schweizer Tatort gefallen. Sherlock Holmes hätte Arthur Conan Doyle mit Sicherheit abgeraten, ausgerechnet beim Tod des Meisters von Sachlichkeit, Analyse und Deduktion auf Action zu setzen: "Es ist ein Ort zum Fürchten", beschrieb Sherlocks Alter Ego Dr. Watson den Wasserfall:

"Der Gießbach stürzt sich, vom Schmelzwasser angeschwollen, in eine ungeheure Schlucht, aus der Gischt aufwogt wie Rauch aus einem brennenden Haus." Das Naturspektakel begeisterte den Schöpfer des Meisterdetektivs, sodass er von seinem ursprünglichen Plan abließ, Holmes in einer Gletscherspalte verschwinden zu lassen. Ein Fehler, der Doyle reich und Holmes wieder lebendig machen sollte. Aber dazu später, noch handelt diese Geschichte vom Tod.

Ehrenbürger Holmes

Bereits auf der Ortstafel wirbt Meiringen mit seinem weltberühmten (Un-)Toten. Und folgerichtig ernannte die Ortschaft Holmes und nicht Doyle zum Ehrenbürger. In Bronze gegossen, in Lebensgröße und Pfeife rauchend sitzt er vor der Englischen Kirche. Umgewidmet in ein Museum für Devotionalien aus dem Krimi-Reich des Detektivs ist das Kirchlein neben der Londoner Baker Street 221b ein Wallfahrtsort für "Sherlockianer" aus aller Welt.

Schon die Hinweistafel zeigt den prominentesten Fall des Falles . . .

Schon die Hinweistafel zeigt den prominentesten Fall des Falles . . .© Machreich Schon die Hinweistafel zeigt den prominentesten Fall des Falles . . .© Machreich



Damit diese kulinarisch in der Geschmacksrichtung ihres Helden bleiben und nicht mit Schweizer Spezialitäten fremd gehen müssen, bietet das Gasthaus oberhalb des Wasserfalls ein "Sherlock-Holmes-Monster-Dinner". Wenigstens der Kirchplatz ist nach Doyle benannt. Ein touristischer Abstecher während einer Vortragstournee durch die Schweiz im Sommer 1893 führte den Autor ins Berner Haslital. Als er am Reichenbachfall dem Wasser auf seinem Sturz in die Tiefe nachschaute, hatte er die Antwort auf seine drängendste Frage vor Augen - in sein Tagebuch schrieb er: "Killed Holmes".

Wobei allein schon aus finanzieller Sicht Doyles Hass auf Holmes unverständlich war. Denn so wie für das heutige Holmes-Merchandising in Meiringen oder Baker Street war der Detektiv für seinen Erfinder ein Goldesel, mit dem er sich ein herrschaftliches Leben und seine andere, für ihn bedeutendere "echte" Schriftstellerei finanzieren konnte. Mit jeder neuen Holmes-Episode schraubte Doyle seine Honorare in die Höhe - in der Hoffnung, die Verleger würden ablehnen und den Holmes-Spuk von sich aus beenden. Doch die Magazine zahlten jeden Preis, und Doyle schrieb neben den Entschluss, seine Schöpfung zu töten, ins Tagebuch: "Es war mir klar, dass ich damit auch mein Bankkonto in dem Wasserfall versenkte."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-12-12 16:10:51
Letzte Änderung am 2018-12-12 16:23:50


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