• vom 29.12.2018, 14:00 Uhr

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Kulturgeschichte

Typisch Wienerisch




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Von Peter Payer

  • Die Entwicklungsgeschichte traditionsreicher Wienbilder bietet interessante Einblicke in die Identitätsbildung der Donaumetropole.

Hölzerne Berge und Täler, die die imperiale Vergangenheit der Stadt zeigen: Bissspuren der Hofpferde in der Durchfahrtshalle des Leopoldinischen Trakres. - © Archiv Payer

Hölzerne Berge und Täler, die die imperiale Vergangenheit der Stadt zeigen: Bissspuren der Hofpferde in der Durchfahrtshalle des Leopoldinischen Trakres. © Archiv Payer

Die jüngste Diskussion über die Verbannung der Fiaker aus der Wiener Innenstadt hat es einmal mehr verdeutlicht: Was als typisch Wienerisch empfunden wird, scheint nahezu unveränderbar - um nicht zu sagen heilig. Tief verankert im kollektiven Gedächtnis der Stadt, ist daran so gut wie nicht zu rütteln. Doch allzu gerne vergessen wir, dass auch die traditionsreichsten Wienbilder historisch gewachsen sind und eine Entwicklungsgeschichte haben, die sie - mit Bedeutung hoch aufgeladen - erst zu dem machte, was sie heute für uns sind. Ob der Steffl, das Riesenrad oder eben die Fiaker: sie alle fungierten über die Zeitläufte hinweg als wichtige soziokulturelle Projektionsflächen und trugen so das Ihre zur sich akkumulierenden Identität der Stadt bei.

Ihre kritische Hinterfragung, bisweilen auch Erweiterung, ist aus historischer Sicht ebenso erkenntnisreich wie gesellschaftlich notwendig. Hat man, wie der Autor dieser Zeilen, regelmäßig mit Texten und Quellen über Wien um 1900 zu tun, stößt man mitunter auf recht kuriose Nachrichten aus der Vergangenheit, die einem das Wesen der Zeit und der Stadt geradezu auf den Punkt zu bringen scheinen.

Information

Peter Payer ist Historiker, Stadtforscher und Kurator im Technischen Museum Wien. Zahlreiche Publikationen, u.a. "Der Klang der Großstadt. Zur Geschichte des Hörens. Wien 1850–1914" (Böhlau 2018).

Nicht nur, dass die reichhaltige Publizistik jener Jahre eine Fülle an stilistisch fein geschliffenen Miniaturen hervorbrachte, auch so manche materielle Zeugnisse vermitteln - bis heute - ein aufschlussreiches Bild des Alltags jener Jahre. Im Folgenden drei quintessenzielle Fundstücke, die das zum Klischee geronnene Image der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien auf ihre Weise widerspiegeln.

"Ameisen im
Apfelstrudel"

Unter diesem Titel berichtete die konservative "Reichspost" am 21. November 1913 über einen Aufsehen erregenden Zwischenfall, der auf gerichtlicher Ebene gar bis zur Staatsanwaltschaft ging. Was war geschehen? Ein Kunde eines Zuckerbäckermeisters in Wien-Fünfhaus hatte in einem Apfelstrudel Ameisen entdeckt. Friedrich Spangenmacher, der Betriebsinhaber, wurde unverzüglich wegen Übertretung des Lebensmittelgesetzes angezeigt und vor das örtliche Bezirksgericht zitiert.

Die Zeitung berichtete über die Details: "In der Verhandlung hatte der Angeklagte angegeben, daß er alles aufbiete, um seinen Betrieb rein zu halten. Die einvernommenen Angestellten erklärten als Zeugen, daß der Meister mit unnachsichtlicher Strenge auf die von ihm angeordnete Reinlichkeit des Betriebes gesehen habe. Ferner wurde nachgewiesen, daß unmittelbar vor dem verhängnisvollen Verkaufe jenes Apfelstrudels die alljährlich zweimal erfolgte Revision durch einen Ungeziefervertilger gerade stattgefunden hatte. Spangenmacher wurde auf Grund dieses Ergebnisses des Beweisverfahrens freigesprochen." Die Berufung des Klägers gegen dieses Urteil wurde letztlich von der Staatsanwaltschaft zurückgezogen. Der Freispruch erlangte Rechtskraft.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-12-27 19:20:04
Letzte Änderung am 2018-12-28 15:07:12


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