• vom 12.09.2015, 15:00 Uhr

Geschichten


Schwimmunterricht

Wassersport als Lebensaufgabe




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Von Gerhard Strejcek

  • Vor fünfzig Jahren starb der in Leipzig geborene, aber viele Jahre in Österreich tätige Sportpionier Kurt Wießner, der mit seinem "Natürlichen Schwimmunterricht" für eine nachhaltige didaktische Grundlage sorgte.

Schwimmlehrer Kurt Wießner im Wiener Dianabad, 1932.

Schwimmlehrer Kurt Wießner im Wiener Dianabad, 1932.© privat Schwimmlehrer Kurt Wießner im Wiener Dianabad, 1932.© privat

Wer in der Online-Enzyklopädie "Wikipedia" das Stichwort "Schwimmen" aufruft, erhält einen instruktiven historischen Überblick über die Geschichte des Wassersports. Der Leser stößt in dem Artikel auch auf den Namen des deutsch-österreichischen Schwimmpioniers Kurt Wießner, der im Jahr 1925 den auf Ernst Pfuel (1805) und Johann Guts Muths (1798) zurückgehenden "mechanistischen" Zugang zur Schwimmschule durch einen neuen Ansatz revolutionierte.

Wießners Gedanken über eine ausgewogene und erfolgversprechende Lehrmethode mündeten in dem Werk "Natürlicher Schwimmunterricht". Sein Zugang entsprach dem Zeitgeist, erschien doch im Jahr 1936 ein Buch des Skiexperten Fritz Hoschek mit dem nicht unähnlichen Titel "Der natürliche Skiunterricht". Kernthese von Wießners illustrierter und häufig auch persönlich (etwa im Wiener Dianabad und in Warschau) demonstrierter Schwimmschule war der Verzicht auf mechanische Hilfsgeräte wie Angeln oder Leinen und eine didaktisch ausgeklügelte Gewöhnung der Schüler an das nasse Element. Am Beginn des Unterrichtsprozesses stehen weder Theorie noch Trockentraining, sondern Schwebeübungen im Schwimmbecken und die allmähliche Überwindung der Angst vor dem Untertauchen.

Eine Ausgabe von Wießners sportpädagogischem "Klassiker".

Eine Ausgabe von Wießners sportpädagogischem "Klassiker". Eine Ausgabe von Wießners sportpädagogischem "Klassiker".

In diesem, für den Lehrerfolg maßgeblichen Punkt hatte schon die erste europäische Schwimmschule von Everard Digby um 1587 eine Vorreiterrolle gespielt. In seinem Werk "De arte natandi libri duo" (= "Zwei Bücher über die Schwimmkunst") gab der in Cambridge lehrende Theologe den künftigen Schwimmern Tipps, die er durch Holzschnitte verdeutlichte: Man solle langsam ins Wasser gehen, einen Gefährten aus Sicherheitsgründen mitnehmen und keinesfalls in unbekannte Gewässer springen, so der Pfarrer und Biophysiker, der aus Leicester stammte und sich fortan am Land (Rutland) der Betreuung von insgesamt drei Pfarreien und dem geliebten Freizeitsport Schwimmen widmete.


Digby kann als der Ahnherr des Synchronschwimmens gelten, zeigte er doch eindrucksvolle Figuren im Wasser, die mehr der Ästhetik als der schnellen Fortbewegung verpflichtet waren. Die Ansichten in Digbys bahnbrechendem, von Charles Middleton 1596 auf Englisch übersetztem Werk illustrieren bereits Grundzüge des Rücken-, Seiten- und Brustschwimmens samt den damit verbundenen Bewegungen zur Wasserverdrängung, wogegen die Wettkampfstile Kraulen und Delphin späteren, außereuropäischen Entwicklungen entsprangen.

Wießners Schwimmschule verfolgte anders als jene Digbys weder einen ästhetischen noch einen leistungssportlichen Ansatz, sondern richtete sich an Schwimmlehrer und -warte, aber auch an die baulichen Planer und Gestalter der deutschen und österreichischen Bäder, die 1920 vielfach in einem hoffnungslos veralteten Zustand waren. Hatten die Flussbäder in Moldau, Spree und Donau zwar ein gutes Jahrhundert lang ihre Dienste geleistet, so entsprachen sie nicht mehr den Anforderungen an zeitgemäße Einrichtungen für das Schulschwimmen. Der Autor sprach sich daher für eine moderne und funktionelle Gestaltung der Ausbildungsstätten in der Weimarer Republik aus und konzipierte diese als gelernter Bautechniker (Absolvent der Leipziger Baugewerbeschule) gleich selbst.

Konzepte für Bäderbau
Wießners Konzepte sollten im Schulunterricht und im Breitensport wertvolle Dienste leisten und hatten maßgebliche Auswirkungen auf den Bäderbau in mehreren europäischen Ländern (wie Niederlande, Dänemark, Polen). Selbst die gelungenen Beispiele des modernen Wiener städtischen Bäderbaus in den 1950er und 1960er Jahren, die zumeist unter Beauftragung des heute wegen seiner Rolle im NS-Staat umstrittenen Architekten Roland Rainer vor sich gingen, berücksichtigten diese Erkenntnisse und entwickelten Wießners Thesen weiter.

In der Tat ist eine übersichtliche und anheimelnde Atmosphäre in einem Schwimmbad von großer atmosphärischer Bedeutung. Befragt man heutige Wiener Schülerinnen und Schüler im Zuge des Schwimm-Sportunterrichts, so zeigt sich, dass sich diese in den Wiener Bädern in Simmering, der Großfeldsiedlung, Donaustadt, Brigittenau, Hietzing und Döbling am wohlsten fühlen, die alle einem einheitlichen und übersichtlichen Konzept folgen. Hingegen gelten Jörger- und Amalienbad zwar als bauhistorische Juwele, finden aber bei den jungen Schwimmschülern weniger Anklang, weil sie in den hohen Räumlichkeiten und der hallenden Akustik weniger Sicherheit verspüren.

Im Wesentlichen entsprach aber die Bauart der älteren Bäder dem state of the art der frühen Zwanzigerjahre. Auch in der Weimarer Republik konnte Wießner neue Akzente setzen. Eine Studie der Architekturhistorikerin Uta Maria Bräuer und ihres Kollegen Jost Lehne über die Geschichte der Berliner Bäder, die im Jahr 2013 erschienen ist, dokumentiert die Umsetzung von Wießners Thesen in den dortigen Schwimm-Einrichtungen.

Die ersten Schwimmbäder der deutschen Hauptstadt gehen übrigens auf denselben Urheber zurück wie die Prager Militärschwimmschule (1810) und vermutlich auch die Rekruten-Schwimmschule im Wiener Prater (1813), nämlich auf Ernst Henrich Adolf Ritter von Pfuel. Denn im Zuge der Befreiungskriege, in denen sich die nach Digby ausgebildeten französischen Soldaten auch als Schwimmer bewährten, kam der märkische Schwimmpionier als Major in österreichischen Diensten nach Prag und nach Wien. Er war mit Heinrich Kleist eng befreundet, wobei der Dichter und Dramatiker die Schwimmkünste Pfuels überschwänglich lobte.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-09-11 15:47:07
Letzte Änderung am 2015-09-11 21:50:06


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