• vom 31.10.2015, 18:00 Uhr

Geschichten


Kosovo

Stark, doch mit Verstand




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Von Daniela Schröder

  • Das "Care"-Bildungsprogramm "Be a Man" hilft jungen Männern im Kosovo, neue Verhaltensweisen zu finden.

Der 18-Jährige Jetmir (hier mit seiner Mutter) gehört zu Kosovos "neuen Männern".

Der 18-Jährige Jetmir (hier mit seiner Mutter) gehört zu Kosovos "neuen Männern".© Care/Sabine Wilke Der 18-Jährige Jetmir (hier mit seiner Mutter) gehört zu Kosovos "neuen Männern".© Care/Sabine Wilke

Als Mutter ist Jetmir ein Star. "Kochen, putzen, waschen, bügeln, einkaufen - und schön aussehen soll ich auch noch?", ruft er mit hoher Stimme, streicht seine wallende Mähne zurück und lässt sich erschöpft aufs Sofa fallen. Die Zuschauer klatschen und pfeifen, Jetmir dankt dem Publikum mit Handküssen. Wenn er mit Perücke, Make-up, ausgestopftem BH und Pumps über die Bühne stolziert, dominiert er das Stück. "Ach mein Sohn", klagt Jetmir theatralisch. "Warum bist du kein Mädchen, das mir im Haushalt hilft?"

Immer wieder geht das so. Bis "Mutter" eines Tages streikt und nur noch auf dem Sofa liegt. Dem "Sohn" bleibt nichts anderes übrig, als selbst zum Spülschwamm zu greifen, Essen zu kochen, Hemden zu bügeln. Erst stinkt es ihm und seine Freunde lästern, irgendwann macht es ihm sogar Spaß und die anderen Jungs sind beeindruckt. Ganz zu schweigen von seiner "Mutter". Die kann es kaum glauben, als sie ihren "Sohn" beim Abwaschen sieht. "Ein Wunder, ein Wunder!" trillert Jetmir und hüpft begeistert um den "Sohn"-Darsteller. Der hat Mühe, ernst zu bleiben, das Publikum in einem Jugendclub in Pristina rastet regelrecht aus.

Information

Care International zählt zu den
weltweit größten internationalen Hilfsorganisationen. Über 9000  MitarbeiterInnen weltweit, davon 98 Prozent direkt aus den  Projektländern arbeiten an der Vision einer Welt ohne Armut. Care hat
Beraterstatus bei den Vereinten Nationen und ist politisch und religiös unabhängig. Care International besteht aus 14 unabhängigen nationalen Mitgliedsorganisationen. Dazu zählen: Australien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Indien, Japan, Kanada, Niederlande,
Norwegen, Österreich, Peru, Thailand, USA.


Verhaltensänderung
Ein 18-Jähriger, der eine Hausfrau spielt, das bricht in seiner Heimat Kosovo alle Konventionen. Jetmir Fejzullahu - groß, kräftig, kurzgeschorene Haare - stört das nicht. Im Gegenteil. "Ich liebe es, mich zu verwandeln, einen ganz anderen Charakter darzustellen", erzählt er nach der Aufführung. Vor allem aber spielt Jetmir eine Geschichte, die er bestens kennt. Es ist seine eigene.

Gut drei Jahre ist es her, da war Jetmir ein klassischer kleiner Macho. Zu Hause rührte er keinen Finger, in der Schule und mit Freunden gab er den aggressiven Draufgänger - keine Ausnahme, sondern normal in einer Gesellschaft, deren Männerbild von traditionellen Verhaltensweisen und Erwartungen geprägt ist. Ein richtiger Mann raucht, trinkt, hat Kraft, baut auf seine körperliche Stärke. Wenn ihm zu Hause etwas nicht passt, schlägt er zu, draußen sowieso, notfalls greift er auch zur Waffe. Wer Frauen und Mädchen gleichwertig behandelt, der ist ein Schwächling; Gefühle zeigen und darüber sprechen, das ist für einen Mann tabu.

Kurz bevor Jetmir in die zehnte Klasse kam, hörte er von einer Initiative namens "Be A Man", ein Bildungsprogramm für junge Männer zwischen 13 und 19 Jahren, mit dem die internationale Hilfsorganisation Care und lokale Partner in der Balkan-Region mobil machen. "Sei ein Mann" lautet das Motto, aber definiere dich und deine Rolle neu. Die Initiative läuft in Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Serbien und Montene-gro, 2006 startete sie im Kosovo. Kern des Projekts sind regelmäßige Treffen, bei denen die Teilnehmer über Themen reden, die in ihrem Alter wichtig sind: Mädchen, Sex, Drogen, Gewalt, Probleme mit den Eltern, Zukunftspläne.

In der Rexhep Mala, einer schmalen Seitenstraße im Zen-trum von Pristina, zwei Ecken entfernt vom Bildungsministerium, teilt sich "Be A Man" mit mehreren Zivilgesellschafts-Organisationen ein Haus. Ein junger Mann in roter Jeans und schmalem Schal steht vor der Tür, Jetmir und seine Freunde begrüßen ihn mit Handschlag, halber Umarmung, zwei Wangenküssen. Care-Mitarbeiter Besnik Leka, der das Anti-Macho-Programm im Kosovo leitet, sieht kaum älter aus als die Teilnehmer, 30 ist er gerade geworden.

Kritische Fragen
Die Burschen setzen sich um einen großen ovalen Tisch, Jetmir und zwei andere fallen auf Sitzsäcke. "Etiketimi" schreibt Leka auf einen Bogen Papier an der Wand und kringelt das Wort ein, so heißt "Etikett", oder "Label" auf Albanisch. "Etiketimi - was versteht ihr darunter?", fragt er. "Wenn mich jemand mit einem Begriff bezeichnet, der verächtlich ist", sagt Agon Kelmendi, 18, schmales Bärtchen, tief sitzende Jeans, Kapuzenpulli. "Jemand so alt wie ich, der mich immer wieder Sohn nennt, der nimmt mich nicht ernst, der macht sich über mich lustig." - "Früher dachte ich, Gewalt ist, wenn man sich prügelt oder Schlimmeres", sagt Korab Jaha, 18, blonde Wuschelfrisur, Sneaker. "Aber Schimpfwörter sind auch eine Form von Gewalt. Oft tun sie sogar mehr weh als ein Schlag ins Gesicht."

Betreuer Besnik Leka hört den Jugendlichen zu, fragt oder bohrt nach, taut die Schweigsamen auf, bändigt die Redenschwinger. Seit vier Jahren betreut er das Programm. Leka hat als Kellner gearbeitet, wird bald für ein Studium in die USA gehen und träumt davon, eines Tages im Kosovo eine Schule zu leiten. Aufgewachsen ist er in Kamenica, einer Kleinstadt im Osten des Landes. Ein trister Ort, sagt Leka. Die Familie hatte acht Kinder, Besnik war nicht der Jüngste, aber der Kleinste, die Schwestern zogen ihm oft Mädchenkleider an.

"Wann ist ein Mann ein Mann? Das ist in unserer Gesellschaft eine schwierige Frage", sagt Leka. "Wir schreiben daher niemandem vor, wie er sich verhalten soll. Unser Ziel ist, dass sich die Jugendlichen über die herrschenden Einstellungen zu Gewalt und Geschlechterrollen bewusst werden und dass sie andere Wege kennen lernen, miteinander umzugehen."

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Dokument erstellt am 2015-10-30 16:14:05
Letzte Änderung am 2015-10-30 17:08:21



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