• vom 28.02.2016, 11:00 Uhr

Geschichten


Technikgeschichte

Steter Zug nach oben








Von Gerhard Strejcek

  • Vor 100 Jahren starb in Wien der aus Nordmähren stammende Ingenieur, Aufzugskonstrukteur, liberale Politiker und Sozialreformer Anton Freißler.

Wer das Wiener Rathaus von der Felderstraße her betritt, hat die Wahl zwischen einem geräumigen Pendellift in einer modernen Glashülle oder dem guten alten Paternoster. Während der flottere, dem heutigen Zeitgeist entsprechende Aufzug mit seinem lautlos gleitenden Fahrkorb irgendwo in den Höhen der Wienbibliothek Passagiere entlädt oder aufnimmt, bewegen sich die fünfzehn Kabinen des hölzernen Ungetüms aus dem Jahr 1918 kontinuierlich auf- und abwärts. Das hat Vor- und Nachteile, die es abzuwägen gilt. Zwar dauert eine Paternoster-Fahrt über mehrere Stockwerke hinweg länger als die Fahrt mit dem Pendellift, doch kann sie meist ohne Wartezeit angetreten werden.

Anton Freißler (1838-1916). Foto:Wikimedia Commons

Anton Freißler (1838-1916). Foto:Wikimedia Commons Anton Freißler (1838-1916). Foto:Wikimedia Commons

Zur Erinnerung an den vor hundert Jahren verstorbenen Konstrukteur und Aufzugspionier Anton Freißler wollen wir eine Fahrt mit dem in den Achtzigerjahren restaurierten Modell wagen. Zunächst wirkt die Paternosterfahrt als kein großes Wagnis, doch bald wird die Akustik bedrohlich. Beständiges Stampfen begleitet den vorwitzigen Passagier, der zwar beständig aufwärts gezogen wird, aber gleichwohl im Freien zu stehen vermeint. Schon verschwindet der schützende Boden, die leicht schwankende Kabine entschwebt Richtung Raumdecke. Keine schützende Tür bewahrt den Fahrstuhlbenutzer vor einer Kollision mit der näher kommenden Deckenkante.

Ein erster Höhepunkt des Schreckens wird erreicht, wenn der Bodenbelag des Erdgeschosses in weiter Distanz liegt und die Kabine den Durchlass in das erste Stockwerk, in den "Mezzanin" oder das "Hochparterre", durchstößt. Besonders unheimlich ist eine Fahrt via Kellergeschoss oder über den Dachboden, wo die Kabinen über einen Totpunkt hinausfahren und sodann, wie von Geisterhand bewegt, wieder auf- oder abwärts gleiten. Kein Wunder, dass der Umlauf-Personenlift den Namen "Paternoster" erhielt, nötigte er doch den einen oder anderen Fahrgast zum Beten.

Mähren - Wien - Paris

Der Aufzugspionier Anton Freißler, der auch den noch repräsentativeren Paternoster im Haus der Industrie am Schwarzenbergplatz konstruiert hat (er ging noch zu seinen Lebzeiten 1911 in Betrieb), verdient jedenfalls, ins Licht gestellt zu werden.

Freißler kam am 13. März 1838 in dem kleinen Ort Klantendorf (Kujavy) in Nordmähren zur Welt. Nach der Volksschule besuchte er in Troppau (Österreichisch-Schlesien) die Unterrealschule, dies allerdings gegen den Willen des Vaters, der auf einen raschen Berufseintritt gedrängt hatte. Aus der kleinen Landeshauptstadt, die heute Opava heißt und in Mähren (Tschechische Republik) liegt, machte sich der junge Freißler um 1860 auf den Weg nach Wien. Er inskribierte dank seiner guten Noten, zwar ohne Geld, aber mit dem Segen der Eltern, am k.k. Polytechnischen Institut am Karlsplatz, der heutigen TU (Technische Universität).

Freißler erwies sich als begabter und anwendungsorientierter Ingenieur. Nach Abschluss seines Studiums, bei dem ihn ein jüngerer Bruder unterstützte, der in Wien als Kaufmann erfolgreich war, wurde er nach zahlreichen erfolglosen Bewerbungen Volontär in der technischen Fabrik Ferdinand Dolainsky, die mit rund 400 Angestellten Kessel und Maschinen erzeugte. Seit dem Königgrätz-Jahr 1866 war er dann als Angestellter bei den Zivilingenieuren Erb & Henrici tätig, welche Wasserleitungen für den Ringstraßenbau planten und errichteten.

Im Jahr der Dezemberverfassung 1867 sandte ihn der Niederösterreichische Gewerbeverein nach Paris zur Weltausstellung mit dem Auftrag, über die Innovationen der damals modernsten europäischen Hauptstadt zu berichten. Freißler zeigte sich begeistert von den technischen Finessen der Franzosen, zu denen auch hydraulische und pneumatische Aufzüge zählten. Dieses Produkt sollte sein weiteres Leben entscheidend bestimmen.

Innovative Technik

Bald bot sich für den innovativen Techniker eine Chance, sich als Jungunternehmer selbstständig zu machen. Er erwarb eine alte Schmiede im vierten Gemeindebezirk und heiratete 1869 die Tochter des ehemaligen Besitzers. Mit drei Angestellten begann Freißler zunächst, manuell betätigte Lastenaufzüge und Flaschenzüge zu bauen, später ging er auch auf pneumatischen Antrieb über, der ab 1884 durch Elektromotoren ersetzt wurde.

Freißler hatte aber auch Neigungen, die ihn von anderen sozialen Aufsteigern maßgeblich unterschieden. Der Ingenieur interessierte sich für Sozial- und Wirtschaftspolitik, was später in einem Gemeinderatsmandat für die Liberalen (1875-1878) und der Gründung einer eigenen Krankenkasse Niederschlag fand. Die österreichische Rechtsordnung der cisleithanischen Reichshälfte sah ab 1878 Anstalten für die Arbeiterunfallversicherung vor, gestattete aber weiterhin die Gründung von Einrichtungen auf Gegenseitigkeit und ermöglichte private Betriebskrankenkassen.

Für seine Innovationen, vor allem aber den ersten elektrisch betriebenen Aufzug, erhielt Freißler ein vom Polytechnikum geprüftes Privileg, das, einem Patent gleich, den Schutz seiner Erfindungen manifestierte. Dank des großen Erfolges seiner Hebezeuge hatte er bereits acht Aufzüge bei der Wiener Weltausstellung 1873 gezeigt und noch modernere, elek-trische Lift-Produkte bei der Messe 1883 präsentiert. Die "Anton Freissler" genannte Firma verließ bald die zu klein gewordenen Gewerberäume im vierten Bezirk und zog in eine Fabrik auf dem Erlachplatz im zehnten Bezirk. Den ersten hydraulisch betriebenen Aufzug der Firma Freissler installierte der Pionier in der Wipplingerstraße 2 in der noblen Wiener Innenstadt.



Der alte Paternoster im Wiener Rathaus ist eine Konstruktion Anton Freißlers. Foto: Wikimedia Commons

Der alte Paternoster im Wiener Rathaus ist eine Konstruktion Anton Freißlers. Foto: Wikimedia Commons Der alte Paternoster im Wiener Rathaus ist eine Konstruktion Anton Freißlers. Foto: Wikimedia Commons


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-02-26 13:17:06
Letzte Änderung am 2016-02-26 16:34:35


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