• vom 10.04.2016, 14:00 Uhr

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Stadtgeschichte

Hausherren und Seidenfabrikanten




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Von Thomas Hofmann

  • Im 18. und 19. Jahrhundert war die Produktion und Verarbeitung von Seide in Wien ein relevanter Wirtschaftsfaktor. Das bekannte Wiener Lied von den "Hausherrnsöhnln" hat also einen realen Hintergrund.

". . . denn unser Vater is a Hausherr und a Seidenfabrikant": Wiener Größen wie Helmut Qualtinger und André Heller, aber auch Wolfgang Ambros haben diesen Klassiker des Wiener Liedes gesungen. Doch was hat es mit den Seidenfabrikanten auf sich?

Ein letztes Relikt der Wiener Seidenproduktion: Der als Naturdenkmal geschützte Maulbeerbaum im Innenhof des Spitals St. Elisabeth auf der Landstraßer Hauptstraße.

Ein letztes Relikt der Wiener Seidenproduktion: Der als Naturdenkmal geschützte Maulbeerbaum im Innenhof des Spitals St. Elisabeth auf der Landstraßer Hauptstraße.© Hofmann Ein letztes Relikt der Wiener Seidenproduktion: Der als Naturdenkmal geschützte Maulbeerbaum im Innenhof des Spitals St. Elisabeth auf der Landstraßer Hauptstraße.© Hofmann

Der Refrain von "D’ Hausherrnsöhnln" ist ein Ohrwurm. Der Text stammt von Wilhelm Wiesberg, einem populären Volkssänger, der 1896 im Alter von nur 46 Jahren starb. Einer seiner Fans war Kronprinz Rudolf, zu dessen Lieblingssongs Wiesbergs Couplet "Das hat ka Goethe g’schrieb’n, das hat ka Schiller ’dicht’" gehörte.

Doch zurück zu den Seidenfa-brikanten und zum siebenten Bezirk. Auf Grund zahlreicher, dort ansässiger Seidenfabriken wurde - so weiß es Peter Autengrubers "Lexikon der Wiener Straßennamen" - im Jahr 1862 die damalige Fuhrmanngasse in Seidengasse umbenannt. Hier befand sich auf Nummer 32 die Hofposamentierwarenfabrik von Rudolf Chwalla, Seidenzeugfabrikant und Förderer der Seidenraupenzucht.

Namhafte Unternehmer

Zur Zeit des Biedermeier hatten sich in den Vororten zahlreiche Seidenfabrikanten niedergelassen, darunter auch der gebürtige Waldviertler Karl Fuchsthaller. Er war nicht nur "landesbefugter und bürgerlicher Seidenzeugfabrikant", sondern auch Hausbesitzer der Liegenschaft Bleichergasse 57.

Weiters seien Johann Baptist Marchetti, Hausbesitzer und Seidenfabrikant, oder Christian Georg Hornbostel genannt. Letzterer erbte die Seidenzeugfabrik seines Vaters Cornelius Christian Gottlieb Hornbostel. Dieser war 1768 von Hamburg nach Wien gekommen, hatte die Seidenfabrik von Engelbert König in Gumpendorf erworben, die er zur ersten Seidenfabrik Wiens machte.

Somit verfügen die Wiener Vorstädte mit der Fuchsthallergasse im 9. und der Hornbostel-, Chwalla- und Marchettigasse im 6. Bezirk über vier weitere "Seidengassen". Um korrekt zu bleiben, muss festgehalten werden, dass die Bezeichnung der Hornbostelgasse auf den Politiker Theodor Friedrich von Hornbostel zurückgeht. Selbiger war der Sohn des genannten Christian Georg; somit trifft auf ihn der Refrain vom Vater als Hausherr und Seidenfabrikant voll inhaltlich zu.

An der Peripherie Wiens, in den einstigen Vororten, existiert mit der Bujattigasse, einer Parallelstraße zur Hüttelbergstraße im 14. Bezirk, eine weitere "Seidengasse". Der Seidenfabrikant Franz Bujatti besaß ab den 1830er Jahren eine Fabrik in der Zieglergasse. Diese wiederum wird von oben erwähnter Seidengasse gequert.

Doch das Wien des 19. Jahrhunderts war nicht nur ein Zentrum der Seidenfabrikanten, sondern auch ein Hotspot der Seidenproduktion. Die Rede ist von Naturseide, die das Produkt der Seidenraupe ist. Diese wiederum ist die Larve des Seidenspinners, eines Schmetterlings, namentlich des Maulbeerspinners, Bombyx mori. Er ist mehlweiß oder perlgrau, 32 bis 38 Millimeter breit und hat blass- bis gelbbraune Querstreifen auf den Flügeln. Seine Ernährung besteht ausschließlich aus Blättern des Maulbeerbaumes (Morus alba, bzw. Morus nigra).

Bei der begehrten Seide handelt es sich um einen bis zu 900 Meter langen Faden, aus dem der Kokon besteht. Aus diesem würde Bombyx mori schlüpfen, wenn nicht vorher der Kokon vom Menschen zwecks Seidengewinnung gesammelt würde. Diese wunderbare Verwandlung von der unansehnlichen Raupe in den nur mittelmäßig hübschen Schmetterling nennen Biologen "Metamorphose". Dabei spinnt sich das Tier ein höchst begehrenswertes Gehäuse, sprich: einen Kokon (auch Puppe oder Galette genannt) .

Wer sich als Seidenproduzent versuchen will, muss zunächst viele Maulbeerbäume pflanzen, um Futter für die Raupen bereitzustellen. Da das Wachstum der Bäume Jahre dauert, ist die Seidenproduktion nichts für schnelle Spekulanten, sondern eher für langfristige Investoren mit Geduld. Dementsprechend lange können einzelne Maulbeerbäume aber auch überleben.

Langlebige Bäume

Den Beweis dafür liefert das Naturdenkmal Nr. 4, ein Weißer Maulbeerbaum, der seit 3. Dezember 1936 gesetzlichen Schutz genießt. Er steht auf der Landstraßer Hauptstraße im dritten Bezirk im Innenhof des Klosters und Spitals St. Elisabeth und wird bereits 1710 in der Chronik erwähnt.

Damit ist jener Baum ein Vorbote der landesweiten Maulbeerinitiative von Maria Theresia, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts zu greifen begann und ab 1749 staatlich gefördert wurde. Damals wurde die erste Maulbeerbaumschule Wiens in Margarethen angelegt, wo unentgeltlich junge Bäumchen verteilt wurden. Allein 1752 wurden 10.050 hochstämmige und 16.900 Spalierbäume an insgesamt 47 Parteien abgegeben. In den ersten fünf Jahren waren es nicht weniger als 262.046 Bäume; freilich wurden sie nicht alle in Wien, sondern auch in Niederösterreich gepflanzt. Der Trend hielt an, so wurde die Baumschule erweitert und man konnte auch bald vom Rennweg oder der Ungargasse, wo es ebenfalls Maulbeerbaumschulen gab, Pflanzen beziehen. Man vergab - selbstverständlich unentgeltlich - nicht nur die Bäume als Nahrungsgrundlage der Raupen, sondern mit den Bäumen auch die Eier als Vorstadien der Raupen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-04-08 15:44:07
Letzte Änderung am 2016-04-08 16:07:08


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