• vom 11.09.2016, 14:30 Uhr

Geschichten


Entdeckungsreise

Tödliche Suche nach Nickelerz




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Ilona Gälzer

  • 1896 wurde eine österreichische Expedition auf einer südpazifischen Insel von Einheimischen angegriffen. Der wissenschaftliche Leiter, Heinrich von Foullon, kam dabei auf mysteriöse Weise ums Leben.

1898 wurde an der Universität Wien eine Gedenktafel für den ermordeten Forschungsreisenden angebracht. Sie hängt heute im Geozentrum der Universität.

1898 wurde an der Universität Wien eine Gedenktafel für den ermordeten Forschungsreisenden angebracht. Sie hängt heute im Geozentrum der Universität.© Gälzer 1898 wurde an der Universität Wien eine Gedenktafel für den ermordeten Forschungsreisenden angebracht. Sie hängt heute im Geozentrum der Universität.© Gälzer

Als Heinrich v. Foullon jun. im Sommer 1896 zu Gast im Barbara- haus auf dem Erzberg war und gefragt wurde, wo sich der Herr Papa denn gerade aufhalte, soll er scherzhaft gemeint haben: "Er lässt sich gerade von Kannibalen verzehren." Diese in einem Salonblatt wiedergegebene Anekdote wurde fast zur gleichen Zeit auf Guadalcanar grausame Realität. Über das tatsächliche Geschehen im südpazifischen Raum hatte das Kriegsministerium seinerzeit strikte Geheimhaltung verfügt, sodass die Presse geneigt war, die wenigen bekannt gewordenen Fakten phantasievoll auszuschmücken.

Der 1850 in Gaaden geborene Heinrich Reichsfreiherr von Foullon von Norbeeck war gleichsam aus der Art geschlagen. Während viele seiner Vorfahren und Verwandten militärische Karrieren einschlugen, wandte er sich geologischen Studien zu, studierte an den Bergakademien Schemnitz in der Slowakei und Přibram in Böhmen, später auch an der Universität Wien. Berufliche Erfahrungen schöpfte er bei einer Eisenhütte in der Südsteiermark und in der Verwaltung eines Silberbergbaus bei Schemnitz.


1878 trat Foullon in die k.k Geologische Reichsanstalt ein und diente sich in deren chemischem Laboratorium vom Volontär zum Adjunkten hoch. Er erwarb sich einen ausgezeichneten Ruf als Chemiker und Petrograph und nutzte die Zeit für Fachpublikationen sowie Exkursionen, z.B. nach Griechenland, Italien, in den Ural, nach Bosnien oder Kanada. Der nächste Karriereschritt führte ihn 1892 in das k.u.k. Finanzministerium, wo er zum Montansekretär bzw. Bergrat der Landesregierung für Bosnien und Herzegowina ernannt wurde.

Suche nach Nickel
Bei der Finanzierung seiner wissenschaftlichen Reisen kam es zunehmend zu Kooperationen mit Industriellen, die an den Forschungsergebnissen interessiert waren. So benötigte etwa Arthur Krupp für seine Berndorfer Stahlerzeugung ergiebige Nickelvorkommen und beauftragte Foullon mit der Suche. Weder die Reise nach Nordamerika, noch eine Expedition in den südpazifischen Raum brachte überzeugende Ergebnisse; Foullon empfahl allerdings auf Grund erster geologischer Befunde vertiefende Untersuchungen auf den Salomon-Inseln, insbesondere auf Guadalcanar (oder Guadalcanal). Sein Versuch, das Innere der gebirgigen Insel beim ersten Besuch 1893 zu erkunden, musste nach einigen Tagen abgebrochen werden.

Information

Ilona Gälzer ist Juristin; sie war Universitätsdirektorin in Wien und arbeitet über historische Themen, vor allem den Wienerwald betreffend.

Arthur Krupp überzeugte den Leiter der Marinesektion im Kriegsministerium, Admiral Sterneck, davon, nochmals eine von ihm mitfinanzierte Expedition auf die Salomon-Inseln zu schicken. Das Finanzministerium lehnte eine neuerliche Beurlaubung Foullons ab, auch er selbst wehrte ab; er kannte die Gefährlichkeit einer solchen Unternehmung und wollte seine Frau Adele und die drei Kinder durch eine angemessene staatliche Beschäftigung versorgt wissen.

Krupp beharrte auf Foullon wegen seiner ausgewiesenen Expertise. Nach vielen Verhandlungen verließ Foullon den bosnisch-herzegowinischen Landesdienst und wurde als Chefgeologe an die k.k. Geologische Reichsanstalt zurück versetzt. Eine privat abgeschlossene Unfallversicherung sollte im Falle seines Todes die Familie absichern.

Unter dem Kommando des Korvettenkapitäns Josef Mauler von Elisenau verließ das S.M. Kanonenboot "Albatros" mit 114 Mann an Bord 1895 den Kriegshafen Pola. Foullon ging ein halbes Jahr später in Sydney als wissenschaftlicher Leiter an Bord. Offi-ziell hatte die Expedition den Auftrag, im Zielgebiet u.a. für die k.k. Hofmuseen naturhistorische, ethnographische und anthropologische Sammlungen sowie Messungen durchzuführen. Der Geheimauftrag, die Suche nach Nickelerzen auf den der englischen Einflusssphäre unterliegenden Inseln, war lediglich Foullon und dem Kapitän bekannt.

Der Überfall
Am 5. August 1896 ging das Schiff an der flachen, nordöstlichen Küste der Insel Guadalcanar vor Anker. Um das Ziel, den Berg Lionshead, zu erreichen, war die Insel zu durchqueren. Begleitet von einigen einheimischen Führern, startete die mit Proviant für acht Tage ausgestattete Expedi-
tion: Foullon, seine beiden Diener sowie 24 Mann militärischer Bedeckung unter Leitung des Linienschiff-Fähnrichs Franz Budik und mit den Seekadetten Armand de Beaufort und Max Rosen. Die Mannschaft war mit Gewehren, die Offiziere waren mit Pistolen ausgestattet. Durch sumpfiges und dicht bewachsenes Gelände erreichte man nach zwei Tagen ein Dorf, heuerte weitere Begleiter ins Landesinnere an und schickte einige mittlerweile verletzte und erschöpfte Teilnehmer zurück zur Küste.

Am Tatube, einem Vorberg des Lionshead, wurde ein Lager errichtet. Rufe der einheimischen bushmen waren zu hören, von Zeit zu Zeit begleiteten sie die Expedition, tauchten - mit Keulen und Tomahawks bewaffnet - auf und verschwanden geheimnisvoll wieder. Foullon schlug Budik vor, die Gruppe möge sich nochmals teilen, um den Aufstieg zum Tatube zu erleichtern. So geschah es am Morgen des 10. August; neun Mann verließen unter Budiks militärischer Leitung das Lager, der Rest der Mannschaft verblieb dort unter dem Kommando Beauforts.

Bei einer kurzen Rast tauchte plötzlich ein reich geschmückter Einheimischer auf - vermutlich das Zeichen zum Angriff. Als aus dem Tal zwei Schüsse zu hören waren, stürzten sich bushmen aus ihren Verstecken auf die Expeditionsteilnehmer; Foullon wurde am Nacken verletzt, sein Angreifer von Budik erschossen, zwei Ma-trosen wurden schwer verwundet. Mit Waffengewalt konnten die Angreifer vertrieben werden, dann kehrte man mit den Verwundeten - nach Budiks Bericht soll Foullon aus einer tiefe Wunde am Genick und an der rechten Schulter geblutet haben - in das Lager zurück. Dort hatten die Einheimischen Beaufort und seine Matrosen beim Frühstück überrascht; zurück blieben drei Tote - unter ihnen Beaufort - und mehrere Verletzte. Im Lager verstarb bald auch Heinrich von Foullon.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-09-09 13:59:07
Letzte Änderung am 2016-09-09 14:39:21


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Ich bin doch nur ein Depp"
  2. Republik für ein paar Stunden
  3. Kennedys sorgsam gepflegter Mythos
  4. "Sexualität ist wie eine Vergrößerunglinse"
  5. Mörder oder Störenfried?
Meistkommentiert
  1. "Sexualität ist wie eine Vergrößerunglinse"
  2. Kennedys sorgsam gepflegter Mythos
  3. Republik für ein paar Stunden

Werbung




Werbung