• vom 17.12.2016, 12:00 Uhr

Geschichten


Ukraine

Mandoline statt Maschinengewehr




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Von Jens Malling

  • Jeden Samstag treffen sich in der ostukrainischen Stadt Slowjansk Veteranen, um alte Soldatenlieder zu singen. Nun hat sie der Krieg wieder eingeholt.



Der 91-jährige Ramasan Muchametgalijew ist einer der musikalischen Kriegsveteranen.

Der 91-jährige Ramasan Muchametgalijew ist einer der musikalischen Kriegsveteranen.© J. Malling Der 91-jährige Ramasan Muchametgalijew ist einer der musikalischen Kriegsveteranen.© J. Malling

Die Töne eines Akkordeons dröhnen durch den Raum. Das Instrument wird zusammengepresst und erweitert sich zwischen den kundigen Händen von Andrej Plakidkin. Rund um den 39-jährigen Musiklehrer steht ein Chor von Veteranen. Die alternden Sänger stimmen mit Strophen über den Zweiten Weltkrieg ein:

"In der Dunkelheit der Nacht zischen die Kugeln über die Steppe . . . In der Dunkelheit der Nacht, weiß ich, dass du nicht schläfst, meine Liebe . . . Ich glaube an dich, meine Liebe . . . In der Dunkelheit der Nacht schützt dieser Glaube mich gegen die Kugeln . . . Ich weiß, dass wir uns wieder treffen, egal was passiert . . . Du wartest auf mich und schläfst nicht bei der Wiege. . . Deswegen weiß ich, dass mir nichts passieren wird . . ."

Liste der Chormitglieder

Mehrere Chormitglieder kämpften in den Jahren 1941 bis 1945 gegen die Nazis und halfen mit, den Aggressor aus der damaligen Sowjetunion zu vertreiben. Die erste Nummer klingt aus. Mit einer Liste in der Hand versucht Andrej einen Überblick zu bekommen, wer heute noch erscheint. Es stellt sich heraus, dass einer der musikbegeisterten Kriegsveteranen, 93 Jahre alt, leider krank geworden ist und nicht kommen kann. "Tot" steht hinter mehreren Namen in dünnem Bleistiftstrich. Das respektable Alter der ehemaligen Soldaten bedeutet, dass die Zahl der Chormitglieder beständig fällt.

Nach dem ersten Lied bricht eine heftige Diskussion unter den zwölf Anwesenden aus. Welche Lieder sollen sie heute singen? Leidenschaftliche Argumente für das eine und gegen das andere werden angeführt. Endlich wird ein Konsens erzielt. Goldzähne glitzern, Hörgeräte werden eingeschaltet - dann gibt Andrej den Rhythmus vor, und die nächste Ballade beginnt.

Es ist Samstagvormittag in
Slowjansk im Osten der Ukraine - eine Stadt, die im aktuellen Krieg zwischen pro-russischen Separatisten und ukrainischen Regierungstruppen harte Kämpfe erlebt hat. Slowjansks umkämpfte Stellung verhindert jedoch nicht, dass die Chormitglieder sich einmal pro Woche in einem Klassenzimmer der Technischen Hochschule der Stadt treffen. (Die Studenten benutzen die Räumlichkeiten am Wochenende nicht.) Trotz ihres fortgeschrittenen Alters und ihrer schmächtigen Körper singen die Veteranen mit großer Kraft.

Ihre Lieder durchdringen das gesamte Gebäude und die Musikstücke sind bis weit auf die Straße hinaus zu hören. Bei den erfreulicheren Songs wird zwischen den Schultischen getanzt. Die Schritte werden mit rhythmischem Klatschen und von begeistertem Jubel begleitet.

Der 91-jährige Ramasan Muchametgalijew trägt zur Ensemble-Leistung mit Stimme und Mandoline bei. Sieben Jahrzehnte, nachdem Muchametgalijew mithalf, das Dritte Reich ins Grab zu legen, brach der neue Krieg in der Ostukraine aus. Von seiner Wohnung aus hört der alternde Veteran nun wieder Granaten fallen und Salven krachen. Für ihn lässt sich der Große Vaterländische Krieg, wie der Zweite Weltkrieg in den ehemaligen Sowjetrepubliken genannt wird, aber nur schwer mit den aktuellen Kämpfen um Slowjansk vergleichen:

"Was jetzt in der Ukraine passiert, halte ich nicht für Krieg. Es kommt mir vor, als ob die beiden Seiten bloß spielen, so wie Kinder. Sie schießen einfach, um zu schießen. Damals, als wir eine Offensive einleiteten, kam es nicht selten vor, dass tausend Männer niedergemäht wurden. Nun erzählen sie darüber im Radio, wenn ein oder zwei gefallen sind."

Keine Musik damals

Die schlimmsten Kämpfe wüteten im Frühjahr 2014 in Slowjansk. "Die Bomben konnte ich nicht zählen, sie trafen zufällig. Diejenigen, die sie abgeworfen haben, konnten anscheinend nicht gut zielen", sagt der ehemalige Rotarmist und spielt ein paar Akkorde auf der Mandoline. Und er erinnert sich an die frühen 1940er Jahre, als er eine Waffe in der Hand hatte und gegen die Nazis kämpfte.

"Ich bin Musiker. Aber während der Jahre an der Front haben wir nicht gespielt. Es war nicht die Zeit dafür. Die richtige Atmosphäre fehlte. Das Geräusch von Maschinengewehren war unsere Musik", sagt Muchametgalijew, der mit 17 Jahren einberufen worden war. Im Jahr 1943 half er mit, Kiew zurückzuerobern. "Wir wollten den Fluss Dnjepr überqueren, um zu versuchen, die Stadt zurückzugewinnen - acht Männer in einem Schlauchboot. Kurz vor dem Ufer explodierte eine Mine und das Boot sank. Es war Ende Oktober und das Wasser sehr kalt. Vier Kameraden ertranken. Ob es damit zusammenhing, dass sie nicht schwimmen konnten, oder ob sie verletzt waren, habe ich nie herausgefunden. Wir vier anderen gelangten zum Ufer. Wir wrangen unsere Kleider aus und trockneten sie. Am rechten Ufer wurde ich dann getroffen. Eine Kugel ging hier durch", sagt der Kriegsveteran und zeigt an eine Stelle über seiner Hüfte.

Im Zweiten Weltkrieg hat die Rote Armee insgesamt 8,7 Millionen Soldaten verloren. Ganze Jahrgänge von jungen Männern der Sowjetunion (Muchametga-
lijew ist Jahrgang 1925) - unmittelbar davor geboren - wurden fast vollständig vernichtet. Zum Glück verlangt der gegenwärtige Krieg im Donbass nicht Opfer von gleichem Ausmaß, obwohl das für diejenigen, die ihre Geliebten, ihre Gehfähigkeit oder ihre Häuser verloren haben, wenig Trost bietet. Rund 10.000 Menschen sind ums Leben gekommen und etwa zwei Millionen auf der Flucht, seitdem die Kämpfe vor mehr als zwei Jahren begannen.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-12-15 18:14:08
Letzte Änderung am 2016-12-15 18:47:51


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