• vom 28.01.2017, 16:30 Uhr

Geschichten


Sprachgeschichte

Heiliger Geist und derbe Worte




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Von Rolf-Bernhard Essig

  • Der Reformator Luther war ein Meister der deutschen Sprache. Viele Redewendungen sind durch seine Bibelübersetzung populär geworden, manche Zitate wurden ihm jedoch auch fälschlich zugeschrieben.



Eines der weltweit größten Reformationsdenkmäler steht in der Reichstagsstadt Worms. Es ist eine gebaute Anspielung auf Luthers Liedzeile "Ein feste Burg ist unser Gott . . ."

Eines der weltweit größten Reformationsdenkmäler steht in der Reichstagsstadt Worms. Es ist eine gebaute Anspielung auf Luthers Liedzeile "Ein feste Burg ist unser Gott . . ."© JD (de.wikipedia.org) Eines der weltweit größten Reformationsdenkmäler steht in der Reichstagsstadt Worms. Es ist eine gebaute Anspielung auf Luthers Liedzeile "Ein feste Burg ist unser Gott . . ."© JD (de.wikipedia.org)

In Punkto Volkstümlichkeit kann ihm kaum eine deutschsprachige Berühmtheit das Wasser reichen. Bei mehreren hundert Veranstaltungen und Radiosendungen mit Hörerbeteiligung zum Thema "Sprichwörter und Redensarten" erlebte ich kaum eine, bei der nicht Luther-Sprüche aufs Tapet gebracht wurden - fast immer mit einem verschmitzten Lächeln. Die sieben Dauerbrenner waren:

"Warum rülpset und furzet Ihr nicht? Hat es Euch nicht geschmecket?"

Information

Rolf-BernhardEssig, 1963 in Hamburg geboren, lebt als Autor, Literaturkritiker und Universitätsdozent in Bamberg. Seit 2008 tourt er - besonders als Experte für Sprichwörter - mit Edutainmentprogrammen zur Sprache durch Deutschland, Österreich und die Schweiz.

"Aus einem verzagten Arsch fährt niemals ein fröhlicher Furz."

"Iss, was gar ist, trink, was klar ist, sprich, was wahr ist."

"Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich ein Apfelbäumchen pflanzen."

"Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang."

"Hier steh ich, ich kann nicht anders."

"Tritt fest auf, tu’s Maul auf, hör bald auf."

Keines dieser vielverwendeten Sprichwörter stammt tatsächlich von Luther. Sie wurden ihm nur zugeschrieben, teils von Zeitgenossen, teils im 18. oder sogar erst im 20. Jahrhundert. Das gilt insbesondere für das berühmte Apfelbäumchen-Zitat. Es findet sich zum ersten Mal vierhundert Jahre nach Luther: 1944!

Gut erfunden

Von den sieben zitierten "Luther"-Weisheiten kann immerhin die letzte direkt aus seinen Ratschlägen für einen guten Prediger destilliert werden, aber auch die anderen spiegeln seine Standhaftigkeit, seine Genuss- und Leibfreude wider, die ja in vielen seiner Äußerungen belegt sind. Der derbe Ton manch erfundenen Spruches passt ohne Zweifel zu Luthers üblicher Sprachpraxis. So schrieb er 1527: "Gnade und Frieden! Nichts neues gibt es, was ich an Dich schreiben könnte, mein Wenzeslaus, und was sollten wir, die wir in diesem Arsch der Welt verborgene Würmer sind, an Euch schreiben, die ihr auf Gipfelpunkt der Welt sitzt, und an Ort und Stelle die Schönheit der Welt seht und hört?" Ehrlicherweise muss man erwähnen, dass er diese Zeilen auf Latein verfasste, und da klingt "nos vermes in hoc culo mundi" nicht ganz so derb.

Die beliebten Schein-Luthersprichwörter beweisen überzeugend die Sonderstellung des Reformators als Teil der Volkskultur weit über protestantische Kreise hinaus. Ungezählte Selbst- und Fremdbeschreibungen ließen Martin Luther zu einer geradezu mythischen Figur werden, die dennoch erdverbunden und menschlich blieb. Seine an der Tafel oder im Studierzimmer geäußerten Worte wurden schon zu Lebzeiten eifrig notiert und nach seinem Tod als "Tischreden" veröffentlicht. Sie vor allem festigten das populäre Bild eines glaubensgewissen Hausvaters, urwüchsig, genussfreudig, kampflustig.

Goethe, der sich 1817 über den damaligen Thesenanschlagsjubiläumsrummel ärgerte, betonte: "Denn, unter uns gesagt, ist an der ganzen Sache nichts interessant als Luthers Charakter und es ist auch das Einzige, was der Menge eigentlich imponiert."

Als Held der deutschen Geschichte und als jemand, dem nichts Menschliches fremd war, lebte Luther in einer Art Heiligengeschichte weiter, wurde Stoff für Literatur, bildende Kunst, Musik, Film und Fernsehen. Dass er trotz unbestrittener Gelehrtheit und Frömmigkeit volksnah war, macht ihn zum Sprichwortereignis noch für die heutige Zeit.

Mehr als ein Scherflein

Luther war zwar kein fleißiger Sprichwortproduzent, bedeutsam ist er aber als außerordentlich wirkungsvoller Sprichwortkatalysator, der Sprichwörtliches durch den Gebrauch - besonders in seiner Bibelübersetzung - hervorhob, veränderte, normierte und dadurch bekannt hielt.

Damit trug er weit mehr als ein Scherflein zum deutschen Sprichwortschatz bei, beispielsweise auch dieses selbst. Sowohl Markus- wie Lukas-Evangelium berichten von einer Witwe, die trotz Armut in das Almosenkästchen zwei Lepton einlegt und von Jesus dafür gelobt wird, weil sie es sich vom Munde abspart und weil sie sich damit nicht brüstet. "Lepton", die kleine Münze der griechisch-römischen Antike, übersetzte Luther mit "Scherflein". Der Scherf, Schaerf oder Schärft war eine ebenfalls geringwertige, gängige sächsisch-niedersächsische Münze, die Luther durch das "-lein" noch verkleinerte.

Ähnlich sieht es aus mit dem Denkzettel, den wir jemandem verpassen. Das Wort "gedenkcedel" gab es zwar schon vor Luther für gerichtliche Mitteilungen in Schriftform, doch seine Entscheidung, die jüdischen Gebetsriemen in der Bibel mit "Denkzettel" zu übersetzen, verhalf dem Ausdruck zu weiter Verbreitung und anderer Bedeutung im Sinne von "Erinnerung an etwas". Daraus entwickelte sich noch im 16. Jahrhundert die Bezeichnung für eine Art To-Do-Liste und dann unter dem Einfluss von Strafzetteln für Schüler in Jesuitenanstalten, auf denen auch zu erwartende Züchtigungen vermerkt waren, unser Ausdruck für eine handgreifliche Erinnerung.

Beim Sündenbock, der gesucht oder gefunden wird, sorgte ebenfalls Luthers Bibelübersetzung für die Redensart, gab er doch dem Tier, das stellvertretend die Sünden des Volkes Israel auf sich zu nehmen hatte und in die Wüste gejagt wurde, diesen Namen. Ähnlich ist es bei "das ist nur ein Lippenbekenntnis", das er wohl nach Jesaja 29,13 bildete, bei "eine Richtschnur sein" (Jesaja 28,17) oder bei der Wendung "im Dunkeln tappen" (5. Mose 28,29).


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-01-27 13:35:05
Letzte Änderung am 2017-01-27 13:59:17


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