• vom 26.01.2018, 19:00 Uhr

Geschichten


Tagebuch-Slam

Befreiende Selbstironie




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Von Elisabeth Freundlinger

  • Von New York aus führte der Trend des "Diary Slam" auch nach Österreich. Nicht nur im Wiener TAG organisiert Diana Köhle heitere Tagebuchabende.



Diana Köhle, Tagebuch-Slam-Organisatorin, in Aktion.

Diana Köhle, Tagebuch-Slam-Organisatorin, in Aktion.© Anna Konrath Diana Köhle, Tagebuch-Slam-Organisatorin, in Aktion.© Anna Konrath

In der Volksschule fängt es meistens an. Man kriegt von irgendwem ein kleines Büchlein geschenkt. Es hat einen hübschen Einband und lauter leere Seiten. Was soll man damit bloß anfangen? - Schreib einfach auf, was du so erlebt hast, rät die Mama. Na gut. Auch wenn man keine Ahnung hat, wie das funktioniert. Auch wenn sich das anfühlt wie eine zusätzliche Hausaufgabe, eine lästige noch dazu. Und damit hat sich’s für die meisten auch schon wieder.

"Großtante Traud ist gestorben.
Es war ein schöner Tag."

(18. 7. 1995, Katharina, 10 Jahre)

Information

Bisher gab es in Österreich 102 Tagebuch Slams, davon 54 in den Bundesländern, 48 in Wien, mit 337 unterschiedlichen Teilnehmern. In Wien stationiert Diana Köhle mit dem Slam im TAG in der Gumpendorferstraße, in Innsbruck regelmäßig im Treibhaus.

Im Dezember 2017 veröffentlichte Köhle das Buch "Wir haben nämlich beide eine Zahnspange, aber er nur oben" - das Beste aus vier Jahren Tagebuch Slam im Wiener Verlag Holzbaum.

Weitere Infos und Termine:
www.liebestagebuch.at

Aber jetzt kommt die Pubertät, und da ist dieses Problem. Mein ewiges Problem. Ich muss darüber reden, unbedingt, doch die Freundinnen können es schon nicht mehr hören. Außerdem kapiert eh keiner was. Und erst meine Familie!

"Mum: Sie versteht mich einfach nicht.
Dad: Er redet immer so komisch zur Zeit.
Mein Bruder:Der spielt sich auf, als wäre er mein Vater!
Cornelia: Ist sowieso eine blöde Sau."

(17. 5. 1995, Sylvia, 13 Jahre)

Alles ist scheiße. Ich drehe mich im Kreis. Ich führe Selbstgespräche. Aber nur eines hilft: Wenn ich es niederschreibe. Dann ist der Schmerz aufs Papier gebannt, ich kann die Wörter anschauen, darüber nachdenken. Und irgendwann werde ich das Ganze wieder lesen - und das Problem gelöst haben. Hoffentlich. Im besten Fall kann ich dann darüber lachen. Und im allerbesten Fall finde ich mich Jahre später auf einer Bühne und ernte für die verbalen Ergüsse von anno dazumal einen kräftigen Applaus.

Spott ist ein No-Go

Angefangen hat es im April 2005 in einer Bar in Brooklyn. Unter dem Titel Cringe Night (Cringe = schämen) ging das erste Tagebuch-Wettlesen über die Bühne, wurde fortan zur monatlichen Konstante. Drei Jahre später "rutschte" das Thema über den Atlantik nach London, wo es seitdem zum fixen Event eines Pubs in The Strand wurde. 2011 gab es schließlich den ersten von zahlreichen Diary Slams in deutscher Sprache. Vorreiterinnen waren die Autorinnen Ella Carina Werner und Nadine Wedel, die den Tagebuch Slam in Hamburg Altona etablierten. Was zu Beginn nur das Herantasten an eine neue Kunstform war - Publikum wie Akteure schlüpfen bewusst in die Rollen von Exhibitionisten und Voyeuren -, war nicht mehr aufzuhalten. Weil der Schwerpunkt nicht auf dem Fremdschämen liegt, sondern in der Erkenntnis, dass wir doch alle irgendwo gleich ticken, egal, wie cool wir dereinst waren, hat sich das Konzept bewährt.

Selbst wenn man beim ersten Besuch noch skeptisch ist, stellt man fest, dass gemeinsames Lachen verbindet. Vor allem, wenn man nicht übereinander, sondern miteinander lacht. Spott ist deplatziert und ein No-Go.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-25 17:56:14
Letzte ─nderung am 2018-01-26 16:11:18



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