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Update: 03.04.2018, 10:10 Uhr

Napoleon-Kult

Napoleon, der Sonnengott




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Von Alfred Plischnack

  • Der Napoleon-Kult ist in seiner mythisch-christlichen Dimension einzigartig. - Ein paar unernste Betrachtungen zur Apotheose dieses Staatsmanns.



Napoleons Auferstehung (Jean-Pierre-Marie Jazet, 1840).

Napoleons Auferstehung (Jean-Pierre-Marie Jazet, 1840).© Musée National Château Malmaison Napoleons Auferstehung (Jean-Pierre-Marie Jazet, 1840).© Musée National Château Malmaison

Derzeit ist ein Verfahren anhängig, ob die Verehrer des "Fliegenden Spaghettimonsters" als Religionsgemeinschaft (wie es in den Niederlanden und Neuseeland bereits erfolgte) anerkannt werden sollen. Der Gründer dieser "Religion", der US-amerikanische Physiker Bobby Henderson, wollte sich dadurch 2005 über den erstarkenden christlichen Fundamentalismus lustig machen.

Sein französischer Kollege, der Physiker und Mathematiker Jean Baptiste Pérès, hat sich bereits 1827 über den damals wieder einsetzenden katholischen Fundamentalismus lustig gemacht und als Persiflage das Gedankenexperiment gewagt, dass Napoleon nur ein Mythos und in Wirklichkeit eine Sonnengottheit gewesen sei (J. B. Pérès: "Grand erratum, source d’un nombre infini d’errata, à noter dans l’histoire du XIXe siècle"; "Großer Irrtum, Quelle einer unendlichen Anzahl weiterer, in der Geschichte des 19. Jahrhunderts festzustellender Irrtümer").

Information

Alfred Plischnack, geboren 1951, Richter i.R., Ausstellungskurator, Verfasser von Büchern und Artikeln über die Epoche 1792–1815.

Aus gegebenem Anlass scheint es reizvoll, sich wieder - nicht ganz ernst gemeint und aus heutiger Sicht - mit der Napoleonlegende zu befassen und sich auf die Suche nach Zeichen für seine "Göttlichkeit" zu begeben.

In der Offenbarung des Johannes (9, 11) heißt es: "Und hatten über sich einen König, den Engel des Abgrunds, des Name heißt auf Hebräisch Abaddon, und auf Griechisch hat er den Namen Apollyon." (Das griechische Partizip von apoléo kann mit der Zerstörende, Vernichtende übersetzt werden.) Ein Zusammenhang mit dem griechischen Gott Apollon, der schon in frühchristlicher Zeit für diesen "Apollyon" gehalten wurde, drängt sich auf. In seiner ursprünglichen Gestalt war dieser Gott auch der Todesbringer und wurde erst gegen Ende des 5. Jh. v. Chr. unter dem Beinamen Phöbus mit dem Sonnengott Helios gleichgesetzt.

Weiters stellt "ne" oder "nai" im Griechischen eine Bekräftigung im Sinne von "wirklich, wahrhaftig" dar. Der Name Napoleon bzw. Neapolio (wie die Inschrift an der Vendômesäule in Paris lautet) bedeutet also nichts anderes als eine Bekräftigung des Gottes Apollo ("wirklicher, wahrer Vernichter"). Angesichts der von Napoleon verursachten Verluste an Menschenleben ist das wohl keineswegs untertrieben.

Nächste Spur: der Lorbeer. Die Pflanze ist dem Gott Apollo zugeordnet. Ein Kranz aus ihren Blättern ist auch bei vielen Darstellungen Napoleons auf dessen Haupt zu sehen. Eine weitere Übereinstimmung besteht darin, dass Napoleon wie Apollon von Inseln her kamen und ihre Mütter die Namen Lätitia bzw. Leto (lat. Latona) hatten. Auch deren Niederkunft auf der Flucht (Leto floh vor Junos Eifersucht auf die Insel Delos, Laetitia floh vor den Franzosen in die Berge Kosikas) zeigt klare Parallelen. Für den russischen Napoleonbiographen Dmitri Mereschkowsky stand somit fest: "Napoleon ist die letzte Verkörperung des Sonnengottes Apollo".




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-30 14:17:59
Letzte Änderung am 2018-04-03 10:10:37


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