• vom 26.05.2018, 08:00 Uhr

Geschichten


Rio de Janeiro

Die verlorenen Kugeln von Rio




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Von Philipp Lichterbeck

  • In Rio de Janeiro herrscht Krieg zwischen Drogenbanden und Polizei. Die größte Gefahr geht dabei von Querschlägern aus, die oft Unschuldige treffen - darunter erschreckend viele Kinder.

Paloma Novaes vor einer Graffitiwand, die neben anderen Opfern auch ihren getöteten Sohn Benjamin zeigt. "Ich will aus diesem Albtraum erwachen", sagt die Mutter. - © Lichterbeck

Paloma Novaes vor einer Graffitiwand, die neben anderen Opfern auch ihren getöteten Sohn Benjamin zeigt. "Ich will aus diesem Albtraum erwachen", sagt die Mutter. © Lichterbeck

Benjamin Novaes starb an einem Freitag gegen 19 Uhr an einer Zufahrt zu der Favela Nova Brasília. Seine Mutter, Paloma Novaes, war mit ihren beiden Kindern gerade aus dem Bus gestiegen, sie kam von der Arbeit als Putzfrau und wollte ihre Mutter besuchen. "Da krachte es", erinnert sie sich, "es ging so schnell." Aus einer Gasse hatten Drogendealer das Feuer auf eine Polizeistreife eröffnet. Die Polizisten erwiderten die Schüsse sofort, obwohl Dutzende Menschen auf der Straße waren, sich auf dem Heimweg befanden, Wochenendeinkäufe machten.

Eine Kugel traf Benjamin Novaes in den Kopf, er war ein Jahr und sieben Monate alt. Seine Mutter stand mit der vierjährigen Tochter Sofia genau daneben, sie kauften gerade Zuckerwatte. Das kurz darauf entstandene Handyfoto eines Passanten, das im Internet kursiert, zeigt, wie sie auf dem Asphalt hockt und mit ausgebreiteten Armen zum Himmel schreit. "Ich wollte nicht mehr leben", sagt sie.

Information

Philipp Lichterbeck, geboren 1972, lebt in Rio de Janeiro und arbeitet als Journalist für verschiedene Printmedien.

Benjamin Novaes ist das dreizehnte Kind, das seit Anfang 2017 in Rio de Janeiro von einem Querschläger getötet wurde. So hat es die Menschenrechtsorganisation Rio da Paz erfasst. Sie zählt fast fünfzig tote Kinder seit 2007. Es sind die am schwersten zu ertragenden Opfer eines Konflikts, den keine andere Stadt der Welt inmitten von Friedenszeiten erlebt. Rio de Janeiro, so sagen es hochrangige Polizisten, befindet sich zwei Jahre nach den Olympischen Spielen in einem sogenannten "Krieg niedriger Intensität". Seine Opfer sind wie so oft Unschuldige.

Paloma und Fábio Novaes mit Kleidungsstücken ihres getöteten Sohnes Benjamin, vor dem Armenviertel Complexo do Alemão, einem Labyrinth aus Favelas.

Paloma und Fábio Novaes mit Kleidungsstücken ihres getöteten Sohnes Benjamin, vor dem Armenviertel Complexo do Alemão, einem Labyrinth aus Favelas.© Lichterbeck Paloma und Fábio Novaes mit Kleidungsstücken ihres getöteten Sohnes Benjamin, vor dem Armenviertel Complexo do Alemão, einem Labyrinth aus Favelas.© Lichterbeck

Paloma Novaes sitzt mit Benjamins Vater Fábio auf einem Mauervorsprung und starrt ins Leere. Sie trägt ein buntes Kleid, er ein ärmelloses Hemd. Hinter den beiden erstreckt sich eine Stadtlandschaft aus Wohntürmen, Einfamilienhäusern und Favela-Labyrinthen. Sie sind in das Armenviertel Complexo do Alemão gekommen, zu dem auch die Favela Nova Brasília gehört. Hier, unweit des Ortes, an dem Benjamin starb, wollen sie reden. Für ein Foto hat Paloma Novaes behutsam einige Kleidungsstücke auf die Mauer gelegt: T-Shirts, Schuhe, eine Mütze. Sie gehörten Benjamin. Am Horizont hinter Paloma und Fábio Novaes erhebt sich eine Bergkette mit der berühmten Christusstatur. Fábio Novaes sagt: "Dieser Christus breitet immer nur die Arme aus, aber er umarmt uns nicht."

Fábio und Paloma Novaes sind 38 und 30 Jahre alt. Als sie sich vor einigen Jahren kennenlernten, lebte Paloma auf der Straße und nahm Crack, was ihrem Gesicht harte Züge verliehen hat. Aber Fábio, ein ungelernter Bauarbeiter mit kräftigen Armen und einem zarten Lächeln, mochte sie und half ihr von den Drogen fortzukommen. Sie zogen zusammen, bekamen eine Tochter und einen Sohn. Es hätte der Anfang von etwas sein können. Dann kam die Kugel.




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Dokument erstellt am 2018-05-25 13:01:05
Letzte Änderung am 2018-05-25 13:41:40


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