• vom 26.05.2018, 10:00 Uhr

Geschichten


Peru

Vertraute Fremde




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Von Jeannette Villachica

  • Unsere Autorin reist mit ihrem Vater durch sein Heimatland Peru: Auf den Spuren ihrer Familie, der Entwicklung des Landes - und mit Fragen nach ihrer Identität im Gepäck. Die Geschichte einer Annäherung.



Koloniales Erbe in Limas Altstadt.

Koloniales Erbe in Limas Altstadt.© Villachica Koloniales Erbe in Limas Altstadt.© Villachica

Ein Gräberfeld in Limas Stadtteil La Molina. Mein 78 Jahre alter Vater kniet vor einer kleinen Steinplatte mit dem Namen und den Lebensdaten seiner Mutter. Er füllt eine Vase mit Wasser, stellt einen frischen Blumenstrauß hinein - das war’s. Konventionelle Grabpflege, die unsere Hände beschäftigt hätte, ist unnötig.

Wir setzen uns in der Mittagshitze auf den für Limas Wüstenklima ungewöhnlich grünen Rasen, blicken auf das graubraune Geröll der Andenausläufer und ich bitte meinen Vater, der seit den 1960er Jahren in Deutschland lebt und seine Mutter nach seiner Auswanderung nur noch ein paar Mal gesehen hat, von meiner Großmutter zu erzählen.

Es ist wahrscheinlich die letzte Reise mit meinem Vater durch sein Heimatland. Lange hatte ich von diesem Land nicht viel wissen wollen. Mein Vater selbst sprach früher oft nicht gut von seiner Heimat. Diktatur, Putsch, Agrarreform, gefolgt von Wirtschaftskrise und Verarmung, 20 Jahre Bürgerkrieg und bis heute eine mehr oder minder korrupte Demokratie. Das und die hohen Flugkosten führten dazu, dass unsere Familie nach der ersten freien Wahl 1980 erstmals geschlossen nach Lima flog.

Erste Eindrücke

Ich war zehn Jahre alt, als ich meine Großeltern zum ersten und einzigen Mal sah. Meine Eltern hatten versucht, uns Kindern die Herkunftskultur meines Vaters nahezubringen, aber die ersten Eindrücke verstörten mich sehr: die Armut in den Slums, schon auf dem Weg vom Flughafen ins Zentrum, das Prassen und die Arroganz der Oberschicht, zu der ein Zweig meiner Familie gehörte, und überall Militär - der Krieg der Armee gegen die Guerillaorganisation "Leuchtender Pfad" hatte begonnen;

Information

Jeannette Villachica, geboren 1970, lebt und arbeitet als Journalistin für Kultur, Gesellschaft und Reise in Hamburg.

andererseits die überwältigende Natur und meine große Familie, die uns herzlich aufnahm, die mir jedoch ganz anders erschien als wir, auch anders als mein Vater, und die doch ein Teil von mir sein sollte.

Ich wurde 1970 in Deutschland geboren. Meine Mutter ist gebürtige Deutsche, mein Vater nahm Ende der 1970er Jahre die deutsche Staatsangehörigkeit an und musste dafür seine peruanische abgeben. Aufgrund meines Nachnamens war ich permanent mit der Herkunft meines Vaters, die nicht meine war, konfrontiert. Als Kind wusste ich gar nicht, was die Leute meinten, wenn sie mich fragten: "Woher kommst du?"

Als Teenager fühlte ich mich ausgeschlossen, wenn ich diese Frage hörte, auch wenn sie nicht so gemeint war. Heute kann man es sich nicht mehr vorstellen, aber in den 1970er Jahren wussten viele absolut nichts über Peru. Heute erzählt mir jede(r) Dritte, dass er oder sie schon einmal durch Peru gereist ist, manche wissen mehr über das Land als ich. Und man erwartet, dass ich mich mit dem Land identifiziere. Kritik an den dortigen Lebensumständen möchten Peru-Aficionados von mir nicht hören; dass ich mir nie vorstellen konnte, dort zu leben, auch nicht.




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Schlagwörter

Peru, Reise mit Vater, Lima, Identität

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-25 14:03:59
Letzte Änderung am 2018-05-25 14:18:37


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