• vom 01.07.2018, 12:00 Uhr

Geschichten


Postplatonischer Dialog

Taxi nach Qumran




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Von Stefan Nebehay

  • Sigmund Freud unterhält sich mit Mose über Gott und die Welt - und über die Psychoanalyse. Ein postplatonischer Dialog.

Michelangelos Moses, um 1513 (Kirche San Piedro in Vincoli, Rom).

Michelangelos Moses, um 1513 (Kirche San Piedro in Vincoli, Rom).© Jörg Bittner Unna / Wiki CC Michelangelos Moses, um 1513 (Kirche San Piedro in Vincoli, Rom).© Jörg Bittner Unna / Wiki CC

Terrasse des King David Hotels in Jerusalem. An einem der Tische Sigmund Freud im Anzug mit Gilet und Uhrkette bei einer Tasse Kaffee; vor ihm ein Notizheft, in das er ab und zu schreibt. Am Nebentisch Mose mit Kippa, sportlich-leger gekleidet, bei einem Cola-Zitron. Nachdem er mehrmals zu Freud hingesehen hat, tritt er zu seinem Tisch.

MOSE: Entschuldigen Sie bitte, dass ich störe, aber sind Sie nicht der Professor Freud? Oder sehen Sie ihm nur ähnlich?


FREUD: Ich bin es und ich sehe mir ähnlich. Was wünschen Sie? Irgendwie kommen Sie mir bekannt vor.

MOSE: Das glaube ich gern. Immerhin haben Sie mehrfach über mich geschrieben.

Information

Stefan Nebehay, geboren 1950 in Wien, Prähistoriker, Numismatiker, Archivar und Antiquar.

FREUD (überrascht): Unglaublich - Moses, der Mann aus Ägypten . . . Und offensichtlich halluziniere ich nicht. Bitte, nehmen Sie doch bei mir Platz.

MOSE: Sehr gern, Herr Professor. (Übersiedelt mit seinem
Cola.
)

FREUD: Darf ich fragen, was Sie in Jerusalem machen?

MOSE: Die Hebräische Universität möchte mir posthum das Ehrendoktorat verleihen, und dafür sind noch ein paar Formalitäten zu klären. Sie wissen ja, die Bürokratie . . .

FREUD: Ich gratuliere Ihnen jedenfalls jetzt schon und freue mich natürlich sehr, dass wir einander einmal begegnen. Ich nehme hier als Beobachter am Internationalen Psychoanalytischen Kongress teil.

MOSE: Die Freude ist ganz meinerseits, Herr Professor. So viele Wissenschafter, Literaten, Bildhauer und Maler haben sich schon mit meiner Person beschäftigt. Bei Ihnen aber spielt da wohl mehr mit als akademisches oder künstlerisches Interesse.

FREUD: Ja, der Mann Moses reicht bei mir ins Existenzielle hinein, durch mein schwieriges Verhältnis zum Judentum.

MOSE: Ich denke, zum Juden wird man sowohl geboren wie gemacht.

FREUD: Ach ja, die Beschneidung . . . Bei meinen eigenen Söhnen habe ich sie mir verbeten, auch wenn sie angeblich zu mehr Ausdauer beim Koitus führt. In Wahrheit ist sie nichts anderes als eine gemilderte Form der Kastration - mit der hat sich seinerzeit der Urvater die sexuelle Vorherrschaft über die Frauen gesichert. Aber was meine Moses-Studien betrifft: Ich habe sie mehrfach umgearbeitet, die Reaktionen der Öffentlichkeit gefürchtet und den letzten Teil erst spät publiziert. Zunächst das erzkatholische Wien, dann die Nazis - in London war ich endlich außer Schussweite. (Ironisch): Als Autor kennen Sie ja die Probleme mit der Leserschaft.

MOSE (lacht): Haha, ich und Schriftsteller, Verfasser des Pentateuch, der Tora! Finden Sie es nicht auch großartig, dass ich im letzten der fünf Bücher selbst von meinem Tod als Hundertzwanzigjähriger erzähle? Ja, politisch und religiös habe ich aus den Juden etwas gemacht, das Schreiben aber habe ich Späteren überlassen. Freilich haben da ein paar Leute unter meinem Namen auch ziemlich viel Verworrenes produziert.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-28 18:25:41
Letzte Änderung am 2018-06-28 18:38:43


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