• vom 25.08.2018, 09:00 Uhr

Geschichten

Update: 25.08.2018, 18:44 Uhr

Flüchtlingskrise

Sommer der Gutmenschen




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Von Morteza Heidari, aufgeschrieben von Kurt Bauer

  • Ende August 2015 erreichte die Flüchtlingskrise einen ersten Höhepunkt. Ein Erinnerungsmosaik.

Jeder versuchte, die besten Sachen zu ergattern. . . - © Bauer

Jeder versuchte, die besten Sachen zu ergattern. . . © Bauer

Alles ging so los, dass wir keinen Polizisten fanden. Überall Menschen, aber nirgendwo Männer in Polizeiuniform. Wir verließen den Bahnhof, liefen durch die Straßen. Kein Polizist weit und breit. War das zu fassen? Wir kommen aus einem Land, in dem an jeder Ecke ein Polizist steht, und man macht am besten einen großen Bogen um ihn. Und jetzt das. Als ob die österreichische Polizei sich vor uns versteckt hätte.

Im Freien schlafen

Information

Dieser Text basiert auf den Erinnerungen von Morteza Heidari, aufgezeichnet und formuliert von Kurt Bauer.

Morteza und Norik, zwei junge Afghanen aus dem Iran, leben derzeit bei einer Gastfamilie in Wien. Sie haben den Hauptschulabschluss nachgeholt, ihr Deutsch bewegt sich mittlerweile auf Niveau B2. Norik wurde vom Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA) subsidiärer Schutz in Österreich gewährt. Er wird im kommenden Herbst eine bereits zugesagte Arbeitsstelle antreten.

Morteza, der als Asylwerber objektiv gesehen nicht anders zu bewerten wäre als sein Freund, erhielt hingegen einen negativen Bescheid. Er wartet seit 14 Monaten auf die Fortführung seines Verfahrens durch das Bundesverwaltungsgerichts (BVwG). Am schwersten setzt ihm das Nichtstun zu. Sein Traum ist es, eine Lehre in einem Mangelberuf zu beginnen. Allerdings hat sich bisher kein Arbeitgeber gefunden, der bereit wäre, das Risiko einzugehen, einem Asylwerber eine Chance zu geben.

Kurt Bauer,
geboren 1961, ist Historiker und Buchautor. Zuletzt erschien sein vielbeachtetes Buch "Die dunklen Jahre. Politik und Alltag im nationalsozialistischen Österreich 1938–1945" (S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M.).
"Und das war nun also die Wirklichkeit - dieses umzäunte Lager, in dem wir im Freien auf dem Boden schlafen müssen . . ." Traiskirchen, August 2015.

"Und das war nun also die Wirklichkeit - dieses umzäunte Lager, in dem wir im Freien auf dem Boden schlafen müssen . . ." Traiskirchen, August 2015.© Bauer "Und das war nun also die Wirklichkeit - dieses umzäunte Lager, in dem wir im Freien auf dem Boden schlafen müssen . . ." Traiskirchen, August 2015.© Bauer

Es war acht Uhr morgens, wir hatten die ganze Nacht nicht geschlafen, waren müde, hungrig, ohne einen Cent. Nach einiger Zeit kehrten wir in die große Halle zurück, überlegten, wie es weitergehen könnte. Unter den vielen Passanten sahen wir plötzlich einen Afghanen. Wir sprangen auf, rannten ihm nach, fragten um Hilfe. Ja, er könne uns zeigen, was wir zu tun hätten. Er brachte uns ins Stadtzentrum, zeigte uns eine Bahn. Mit der sollten wir fahren, sagte er, bis zu einem Ort namens Traiskirchen.

Nach einer dreiviertel Stunde erreichten wir eine Bahnstation, an der ungewöhnlich viel los war. Wir wussten sofort, hier ist es. Überall standen, saßen, lehnten, hockten junge Burschen herum, halb gelangweilt, halb neugierig. Der Weg zum Lager war nicht schwer zu finden. Ein richtiges Gewimmel von Menschen. Viele gingen auf und ab, als würden sie auf etwas warten. Die Araber hatten genügend Geld, sie saßen in den Cafés. Afrikaner, dunkle, kräftige Typen, standen an allen möglichen Ecken herum. Und schließlich die Afghanen, die hatten kein Geld. Sie ließen sich von Europäern, die zu unserer Überraschung gut Farsi sprachen, in eine Kirche neben der Straße locken. Dort gab es zu essen, zu trinken und die Bibel.

Dann das Eingangstor zum Lager. Eine endlose Schlange. Während des Wartens unterhielten wir uns mit Umstehenden. Sie sagten: "Wenn ihr da jetzt reingeht, dann müsst ihr hierbleiben, dann kommt ihr nicht mehr heraus." Wir sollten uns das gut überlegen. Denn: "Es ist echt scheiße hier."

Nach langer Diskussion entschieden wir uns fürs Bleiben. Wie sollten wir auch weiterfahren, ohne einen Cent in der Tasche? Beim Check-in sagte ich: "We are new!" Die Sicherheitsleute verstanden. Wir wurden in einen Raum gebracht, gaben unsere Fingerprints, wurden fotografiert, bekamen einen Zettel mit unserem Namen und Bild, dann drückte man uns einen Plastiksack in die Hand. Er enthielt ein Fläschchen Shampoo, einen Rasierer, ein Handtuch, zwei kleine Kissen. - Auf Wiedersehen! - Wir stockten. Ja, wo denn unser Zimmer ist? - Zimmer? In den Hof sollen wir gehen, zu den anderen. In den Gebäuden ist schon seit Wochen kein Platz mehr frei.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-23 14:47:55
Letzte Änderung am 2018-08-25 18:44:50


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