• vom 26.08.2018, 10:00 Uhr

Geschichten


Leuchtturm

Maritime Sehnsüchte




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Der von einer Pariser Firma hergestellte Leuchtturm war an der österreichischen Adriaküste der am weitesten verbreitete Bautyp. Die beachtliche Anzahl dieser Anlagen sollte sich, so die allgemeine Überzeugung, noch erhöhen, bis "die ganze bewohnte Küste mit einem strahlenden Gürtel umspannt ist". Auch Julius Rodenberg, renommierter Berliner Journalist, der für die "Neue Freie Presse" von der Weltausstellung berichtete, war vom Anblick dieses Leuchtturms entzückt. Und vom kuriosen Ambiente überrascht, war doch das Heustadelwasser völlig ausgetrocknet, als er über eine Brücke auf das Bauwerk zuging: "Unter mir war nichts als Kiesel und Sand und vor mir stand der Leuchtthurm, in dessen gläsernem Dach die Mittagssonne reflectierte. Wundersam ward mir zu Muth."

Bezugsort Triest

Weniger Begeisterung rief das am Fuß des Leuchtturms installierte Nebelhorn hervor. Seine kräftigen, von einer Dampfmaschine erzeugten Töne signalisierten täglich den Schluss der Ausstellung. Die drei langgezogenen, weithin vernehmbaren Signale wirkten teils "wahrhaft erschreckend"; speziell die Musiker und Zuhörer der allabendlich konzertierenden Weltausstellungskapelle fühlten sich massiv gestört.

Die Besonderheiten des Leuchtturms gingen ein ins kollektive Bewusstsein, Satire-Zeitungen genossen dankbar neue metaphorische Möglichkeiten. So ätzte das humoristische Wochenblatt "Figaro", als Diskussionen über die Nachnutzung der Ausstellungsbauten aufkamen: "Der Leuchtthurm soll den Mitgliedern der gemeinderäthlichen Wohnungsnoth-Kommission als Berathungslokal überlassen werden, damit denselben endlich einmal ein Licht aufgehe."

Technischer wie auch mentaler Bezugsort für alle in Wien erörterten Leuchtturm-Fragen war ganz selbstverständlich Triest, Österreichs wichtigster Seehafen. Seit dem 14. Jahrhundert zur Habsburgermonarchie gehörig, fungierte die Stadt als bedeutendes Handelszentrum und Stützpunkt der Kriegsmarine. Als Sitz der Zentralseebehörde erlebte Triest vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen gewaltigen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung. Seit 1833 stand ein Leuchtturm im Hafen der Stadt. Die sogenannte Lanterna war bei Inbetriebnahme das einzige Lichtsignal am Golf von Triest mit einer Reichweite von 16 Seemeilen. Das knapp 38 Meter hohe Bauwerk war Teil der Stadtbefestigung - mit entsprechend dicken Mauern und Schießscharten. Ein unübersehbares Zeichen, nicht zuletzt für die Macht und Stärke Österreichs.

Nach dem Ende der Monarchie erhielt die Lanterna Konkurrenz. 1927 wurde genau vis-à-vis ein neuer Leuchtturm errichtet. Der Faro della Vittoria mit einer gigantischen Höhe von 69 Metern war aber nicht nur als Navigationshilfe konzipiert, sondern auch als Denkmal für die gefallenen Marinesoldaten. Die riesige bronzene Siegesstatue an seiner Spitze ist ein weithin sichtbares Symbol, diesmal für den Staat Italien, für den Anschluss Triests an das italienische Königreich. Der alte Leuchtturm blieb bis 1969 in Verwendung und dient heute als Hafenbeleuchtung.

Literarischer Experte

Bei einer derartigen Vergangenheit ist es kein Zufall, dass der führende literarische Experte für Leuchttürme aus Triest stammt. Paolo Rumiz, renommierter italienischer Journalist und Reiseschriftsteller, verfasste eine tiefsinnige Reportage mit dem Titel "Der Leuchtturm" (Folio, 2017).




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-23 14:50:48
Letzte Änderung am 2018-08-23 16:03:10


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