• vom 11.05.2007, 16:48 Uhr

Kompendium

Update: 11.05.2007, 17:07 Uhr

Sowjetunion

"Sonja" - Stalins beste Spionin




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Von Thomas Karny

  • Ruth Werner (1907 - 2000) unterstützte chinesische Partisanen, arbeitete für die "Rote Kapelle" und verhalf den Sowjets zur Atombombe.

Ruth Werner, geboren am 15. Mai 1907, hier um 1935. Foto: "Sonjas Rapport"

Ruth Werner, geboren am 15. Mai 1907, hier um 1935. Foto: "Sonjas Rapport" Ruth Werner, geboren am 15. Mai 1907, hier um 1935. Foto: "Sonjas Rapport"

Am 9.November 1989 war vielen Ostdeutschen natürlich noch nicht völlig klar, in welchem Ausmaß all das, was sie jetzt erlebten, ihr politisches und gesellschaftliches Leben verändern würde. Bevor die Berliner Mauer abgetragen wurde, war schon die Metapher "Mauerfall" in die Welt gesetzt, die wiederum ein andere gebar, nämlich jene der "Wende". Mit ihr wird im Allgemeinen die Befreiung vom starren Korsett jahrzehntelanger Diktatur assoziiert, was ein allgemeines tiefes Durchatmen in dem sich nun für alle schnell öffnenden Paradies der Freiheit und der Konsumfreude gestattete.

Dass hinter den grell glitzernden Fassaden der Shopping Malls bald schon der Neoliberalismus sich zeigen würde, der als Tribut an die neue Gesellschaftsordnung die alten sozialistischen Werte Arbeitsplatzsicherheit, Solidarität und Orientierung einforderte, wollte zu jenem Zeitpunkt noch kaum jemand wahrhaben. Schließlich hatte man die Befreiung vom Stasi-Regime und die Freiheit in der Konsumwelt dank einem starken Bruderland und einem guten Wechselkurs soeben erst im Sonderangebot erstanden.

Politisch geprägt
Am 10. November 1989 rief die Wenderegierung zu einer Kundgebung in den Berliner Lustgarten, wo eine zwar schon über achtzigjährige, jedoch immer noch sehr resolute Dame auftrat, die das Banner ihrer Weltanschauung stolz gegen den Sturm des Zeitgeists hielt: "Ich habe gesagt, wenn du in den Parteiapparat gehst, kriegst du entweder Magengeschwüre, oder du brichst dir den Hals, oder du verfällst dem Gift der Macht. Heute sage ich nach den Veränderungen, die sich anbahnen, nach dem Wandel, der vor sich gegangen ist: Geht in den Apparat! Ändert die Zukunft! Arbeitet als saubere Sozialisten! Ich hab Mut! Ich hab Optimismus!"

Die Dame war allgemein unter dem Namen Ruth Werner bekannt, zählte zu Stalins Topspionen und genoss in der DDR hohe Reputation. Geboren wurde sie am 15. Mai 1907 in Berlin als Ursula Ruth Kuczynski; sie war das zweite von sechs Kindern des angesehenen jüdischen Ökonomen Robert René Kuczynski und dessen Frau Berta. Das Elternhaus war großbürgerlich und links orientiert. Kuczynski war Vorsitzender jenes Ausschusses, der 1926 den Volksentscheid gegen die Abfindung der Fürsten organisiert hatte. Er leitete mit Johannes R. Becher und Käthe Kollwitz die Delegation zum 10. Jahrstag der Russischen Revolution am 7. November 1927 und war Mitglied der Internationalen Arbeiterhilfe.

Politisch solcherart geprägt, trat Ruth Werner als Jugendliche der Kommunistischen Partei bei und schrieb alsbald für die "Rote Fahne". Die Teilnahme an einem 1.-Mai-Aufmarsch kostete sie die Lehrstelle als Buchhändlerin. Dass sie mit einer Parabellum im Grunewald Schießübungen durchführte, brachte ihr innerparteiliche Anerkennung ein; schon mit 19 Jahren wurde sie Agitprop-Leiterin von Berlin/Zehlendorf.

1930 ging sie mit ihrem Mann Rolf Hamburger, einem jungen Architekten, nach Shanghai. Der dortige Bauboom erforderte qualifizierte Arbeitskräfte, ein Freund Hamburgers hatte die Stelle vermittelt. Die im Westen vorherrschende, von exotischen Fantasien bestimmte Vorstellung vom Fernen Osten kollidierte freilich mit den tatsächlichen Verhältnissen. "Bettler prägen das Stadtbild, klagende Invaliden mit Arm- und Beinstümpfen, Kinder mit eiternden Wunden, manche blind, manche haarlos und mit verkrusteten Köpfen", schreibt sie in einem Brief an ihre Eltern. Jährlich wurden 30.000 Hungertote auf Shanghais Straßen eingesammelt. In zynischem Kontrast dazu standen die Partys der europäischen Geschäftsleute, die sich meist so seichten Vergnügungen wie Hunderennen, Bridge oder dem Kino hingaben. Deren Ehefrauen verachtete Werner als "absolute Luxustierchen ohne wissenschaftliche oder künstlerische Interessen" . Angesichts dieser Verhältnisse beschloss die überzeugte Kommunistin, einen radikalen Schritt zu tun.

Sie ließ sich vom sowjetischen Militärgeheimdienst (GRU) anwerben und arbeitete für Richard Sorge, der später nach Japan entsandt wurde und durch die Übermittlung kriegsentscheidender Informationen zum sowjetischen Meisterspion aufstieg. In seinem Auftrag hielt sie Kontakt zu chinesischen Kommunisten, die vor Tschian Kai-Scheks Schergen untertauchen mussten, lagerte Waffen in ihrem Haus und stellte es für Geheimtreffen zur Verfügung.

Im Februar 1931 gebar Werner ihren Sohn Michael. Zwei Jahre später musste sie ihn der Obhut ihrer mittlerweile in der Tschechoslowakei lebenden Schwiegereltern anvertrauen, da sie für eine längere Agentenausbildung nach Moskau beordert wurde. Sie war fasziniert von der pulsierenden Metropole des Arbeiter- und Bauernstaates. Die Tatsache, dass in den Dörfern des Riesenreiches sechs Millionen Menschen verhungerten, ging im Marschtritt der "Internationale" unter. Die Mandschurei, seit 1931 von Japan okkupiert, lag ihr näher als die sowjetische Provinz. Der Unterstützung des dortigen Partisanenkampfes galt die Ausbildung im Arbat, der Dienststelle des GRU. Ruth Werner lernte jenes Handwerk, in dem sie unübertroffen bleiben sollte: das Morsen.


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Schlagwörter

Sowjetunion, Geheimdienst

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-05-11 16:48:04
Letzte Änderung am 2007-05-11 17:07:00


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